Volker Weidermann

Volker Weidermann





Der Bücherversteher

Nein, an seinem Vorgänger will sich Volker Weidermann (45) gar nicht erst messen lassen. Marcel Reich-Ranicki sei ein Glücksfall für die Literaturkritik gewesen, ein nicht zu klonender Charakter, sagt Weidermann. Reich-Ranicki war Chef im Ring beim "Literarischen Quartett" (1988 - 2001). Seine Mitstreiter Hellmuth Karasek und Sigrid Löffler (später Iris Radisch) hatten es schwer gegen den Büchernörgler, der keinem Streit aus dem Weg ging, ihn oft sogar suchte. Nun also Weidermann, langjähriger Feuilleton-Chef bei der "Frankfurt Allgemeinen Sonntagszeitung", seit Mai Literaturreporter beim "Spiegel". Der gebürtige Darmstädter ist der Anti-Reich-Ranicki eher leise als laut, eher versöhnend als polarisierend. Zusammen mit seinen Ko-Kritikern Christine Westermann und Maxim Biller sowie einem wechselnden Promi-Gastkritiker soll Weidermann dem "Quartett" neues Leben einhauchen.

teleschau: Herr Weidermann, das "Literarische Quartett" ist seit 14 Jahren tot. Was spricht dafür, es gerade jetzt wiederzubeleben?

Volker Weidermann: Ich halte diese Neuauflage für eine sehr gute Idee, sogar für die beste Idee, die man haben kann, wenn wir im Fernsehen über Literatur sprechen wollen. Wenn sie sich erinnern, wurde ja zwischenzeitlich ganz viel ausprobiert. Bei manchen Sendungen hatte ich als Zuschauer das Gefühl, dass mit jeder Menge Tricks vom eigentlichen Gegenstand, nämlich der Literatur, abgelenkt werden sollte. Wir kehren jetzt zu dem bewährten puristischen Konzept zurück. Das ist einerseits altmodisch, andererseits aber auch zeitgemäß.

teleschau: Diesen Widerspruch müssen Sie erklären. Die erste Ausgabe des "Literarischen Quartetts" lief 1988, das Internet steckte noch in den Kinderschuhen. Mittlerweile gibt es im Netz jede Menge Literatur-Blogs und eigene YouTube-Kanäle für Bücherrezensionen. Wer braucht da noch das "Literarische Quartett"?

Weidermann: Gerade weil ständig und auf allen Kanälen über Literatur gesprochen wird, trifft eine Sendung wie das "Literarische Quartett" einen Nerv. Überall werden Meinungen zu Büchern hinausposaunt. Dadurch ist aber auch das Bedürfnis nach Personen gewachsen, auf die sich die Leser verlassen können, die ein klares, nachvollziehbares Urteil über Bücher fällen. Solche Autoritäten sind heute genauso gefragt wie noch vor 20 Jahren, wenn nicht noch mehr.

teleschau: Womit wir bei Ihrem Vorgänger Marcel Reich-Ranicki sind. Er war eine solche Autorität, nicht zuletzt, weil er polarisierte und im "Quartett" gerne die "Rampensau" gab. Sind Sie auch eine?

Weidermann (lacht): Schön gesagt. Diese Eigenschaft ist mir nicht unbedingt in die Wiege gelegt worden, das müsste ich mir erst erarbeiten. Ein Charakter wie Reich-Ranicki ist aber auch nicht zu klonen. Er war jemand, der durch seine Lebensgeschichte, vor allem seine Zeit im Warschauer Ghetto, Literatur als Existenz ermöglichendes Medium erfahren hat. So etwas können wir Nachgeborene nicht nachstellen.

teleschau: Marcel Reich-Ranicki war für seine klaren Urteile bekannt. Er scheute sich nicht davor, Bücher gnadenlos zu verreißen oder in den Himmel zu heben. Wird es in der Neuauflage des "Quartetts" ähnlich kompromisslos zur Sache gehen?

Weidermann: Das ist die große Herausforderung. Wir werden uns darum bemühen. Zu klaren Urteilen gehören Mut, Unabhängigkeit und vielleicht auch absolute Rücksichtslosigkeit. Bei Marcel Reich-Ranicki war das alles vorhanden. Ich erzähle Ihnen dazu meine Lieblingsgeschichte: Als Reich-Ranicki aus Polen in die Bundesrepublik Deutschland übersiedelte, bekam er durch Vermittlung von Heinrich Böll die ersten Aufträge für Rezensionen. Und wie bedankte sich Reich-Ranicki? Er schrieb einen Totalverriss zu Bölls nächstem Roman. Der war natürlich außer sich, flüsterte ihm beim nächsten Treffen nur "Arschloch" ins Ohr. Reich-Ranicki war das egal, er war völlig unbestechlich. Für ihn zählte nur das Buch. Für mich als Kritiker ist das auch ein hehres Ziel, aber nicht immer so leicht zu erreichen.

teleschau: Täuscht der Eindruck, dass die meisten Literaturkritiker heute zahm und ohne Biss sind?

Weidermann: Der Literaturbetrieb ist eine kleine, überschaubare Welt. Die Kritiker sind ständig zusammen auf denselben Buchmessen, denselben Preisverleihungen. Das führt vielleicht zu einer gewissen Konformität. Der Eindruck, den Sie beschreiben, entsteht aber auch dadurch, dass es in der deutschen Literatur nicht mehr die ganz großen Figuren gibt. Martin Walser und Hans Magnus Enzensberger sind vielleicht die letzten. Wenn Günter Grass früher einen Roman veröffentlich hat, dann begann eine Art Spiel zwischen Autor und Kritiker. Reich-Ranicki hatte sicher auch großen Spaß dabei, den neuen "Grass" zu verreißen. Mit solchen Verrissen hat er sich natürlich Feinde gemacht.

teleschau: Haben Sie sich schon Feinde erschrieben?

Weidermann: Ach, ich weiß nicht, ob ich wirklich Feinde brauche. Vielleicht ist es für einen Kritiker aber auch ein Qualitätsmerkmal, wenn er gewisse Menschen unversöhnlich gegen sich aufgebracht hat. Wenn jemand verletzt ist, kann das ja heißen, dass der Kritiker den Kern einer Sache getroffen hat.

teleschau: Wie gehen Sie damit um, wenn ein Schriftsteller zurückschlägt, wenn Sie selbst zur Zielscheibe von Kritik werden? Wolfgang Herrndorf ("Tschick") hat über Sie geschrieben ...

Weidermann (ergänzt sofort): Mir sei "die letzte Platine durchgeglüht"! - Sie sehen, das habe ich mir gemerkt. Manche Angriffe gehen mir beschissenerweise nicht mehr aus dem Kopf. Das schmerzt brutal, besonders weil es von jemandem kam, den ich selbst gut finde. Ich verstehe so etwas aber auch. Menschen, für die das Schreiben die Existenzgrundlage ist, sehen es als brutalen Akt, wenn man ihr Buch grundsätzlich infrage stellt.

teleschau: Im "Literarischen Quartett" ging es bisweilen richtig zur Sache, bis hin zu persönlichen Angriffen. Marcel Reich-Ranicki ist Sigrid Löffler in einer Sendung so heftig angegangen, dass sie in Tränen ausbrach und anschließend hingeworfen hat.

Weidermann: Das war blöd, auch wenn solche Fernsehmomente natürlich im Gedächtnis bleiben. Ich wünsche mir in unserer Sendung keine persönlichen Angriffe, doch sonst darf es in der Diskussion keine Grenzen geben: je kontroverser, desto besser! Es soll aber wirklich nur um Bücher gehen und nicht um persönliche Rechnungen, die vielleicht noch offen sind.

teleschau: Heute scheint es ja eher so zu sein, dass es gar keine öffentliche Streitkultur mehr gibt.

Weidermann: Ich weiß auch nicht, woran das liegt. Vielleicht an der Großen Koalition. Jeder scheint zufrieden zu sein. Alles wird wegmoderiert. Fragt sich nur, was zuerst da war: Angela Merkel oder die Sehnsucht nach Wegmoderation? Die großen Debatten gibt es leider weder in der Politik noch in der Literatur.

teleschau: Zum Glück wird wenigstens noch über Fußball gestritten. Sie sind großer Fan von Bundesligaaufsteiger Darmstadt 98.

Weidermann: Ja, und ich erlebe gerade die Saison meines Lebens. Als Anhänger eines unterklassigen Vereins wurde ich ja lange Zeit gar nicht ernst genommen.

teleschau: Trotzdem haben Sie den "Lilien" immer die Treue gehalten?

Weidermann: Ich war schon als Kind mit meinem Vater im Stadion, habe die Spiele gegen den FC Bayern miterlebt. Dass Darmstadt es jetzt binnen kurzer Zeit vom Loser-Verein bis zum Bundesligisten gebracht hat, erscheint mir fast wie ausgedacht.

teleschau: Trotzdem wird es schwer mit dem Klassenerhalt, oder?

Weidermann: Unser Trainer Dirk Schuster hat gesagt: "Das Tolle am Bundesliga-Aufstieg ist, dass wir in der nächsten Saison mit Sicherheit noch mal zweitklassig spielen." Dieses Understatement mag ich. Die Mannschaft ist unglaublich stabil, aber natürlich wird es am Ende wahnsinnig knapp werden.

Quelle: teleschau - der mediendienst