Michael Sheen

Michael Sheen





"Wir sind sexuell überinformiert!"

In Zeiten von omnipräsenten nackten Tatsachen in Filmen, Medien und Werbung könnte man ja meinen, eine Serie über die Erforschung des menschlichen Sexualverhaltens in den 50-ern würde uns höchstens ein müdes Lächeln entlocken und niemanden interessieren. Doch weit gefehlt: In den USA schaute teilweise über eine Million Zuschauer "Masters of Sex". Auch in Deutschland sorgte die Geschichte über die lange zurückliegende sexuelle Revolution bei Sky und ZDFneo für Furore. Während das ZDF momentan noch die erste Staffel (donnerstags, 00.45 Uhr) ausstrahlt, wird Sky Atlantic HD ab 15. September, immer dienstags, um 21 Uhr, bereits die Folgen der dritten Staffel zeigen. Doch woran liegt es, dass so viele Leute sich im Jahr 2015 für die Aufklärungsarbeit des Sexualwissenschaftlers William Masters interessieren? Ein anregendes Thema, über das man sich trefflich mit dem Hauptdarsteller Michael Sheen (46) austauschen kann.

Masters ging in den 1950-ern zusammen mit seiner Kollegin und späteren Frau, Virginia Johnson (gespielt von Lizzy Caplan), Fragen nach, die sich zuvor niemand zu stellen getraut hatte - weder öffentlich noch im eigenen Schlafzimmer: "Warum täuschen Frauen einen Orgasmus vor?", war zum Beispiel so eine. Und siehe da: Wie aktuelle Studien zeigen, spielen auch heutzutage - 50 Jahre später - immer noch viele Damen im Bett Theater. Nur ein Beispiel für die Aktualität der Serie, die auch Michael Sheen bemerkenswert findet: "Vieles, was in den 50-ern und 60-ern aktuell war, ist es noch heute. Sexuelle Probleme, Ängste und Unsicherheiten, die die Leute in Bezug auf Sex haben, verschwinden nicht einfach aus Köpfen, nur weil es mehr Informationen über Sex gibt. Das ist auch einer der Hauptgründe, warum ich dachte, dass es wichtig sei, die Geschichte der 'Masters of Sex' in der heutigen Zeit zu erzählen."

Wenn Bestseller wie "50 Shades of Grey" Sado-Masochismus salonfähig machen und Pornos Dauerlust und unendliches Stehvermögen suggerieren, entsteht dadurch fraglos eine gewisse sexuelle Verunsicherung. Es ist der totale Overkill an Sex in den Medien, findet auch Sheen: "Während es in den 50-ern das Problem war, dass es keine Informationen gab, haben wir heute zu viele davon. Wir sind sexuell überinformiert. Sex wird idealisiert und kommerzialisiert. Wenn wir den Standard nicht erfüllen, dann, glauben wir, es stimmt etwas nicht mit uns. Es entsteht ein enormer Druck, perfekt zu performen!" In den 50-ern war es zumindest in den USA kaum besser - die Werbewirtschaft begann schließlich gerade damit, ihre flächendeckenden Feldzüge zu starten. Sex sells, und deshalb war die Sexualisierung schon damals ein Thema.

Doch natürlich geht es bei Sexproblemen nicht nur um gesellschaftliche, äußere Einflüsse. Gerade der individuelle, psychologische Aspekt der Liebe wird bei "Masters of Sex" immer wieder beleuchtet. Die Dreharbeiten und die damit verbundene Dauerbeschäftigung mit Sex haben auch Michael Sheens Umgang mit dem Thema beeinflusst. Der 46-Jährig verrät: "Es geht nicht nur um körperliche Intimität, sondern auch um emotionale und psychologische. Wer diese zulässt, wird verwundbarer und verletzlicher. Meine Rolle, William Masters, tut sich schwer damit, Intimität zuzulassen. Ich habe erst dadurch richtig erkannt, wie schwierig zwischenmenschliche Intimität ist, dass Gefühle oft nur vorgespielt sind." Deshalb sei es, unabhängig vom zeitlichen und gesellschaftlichen Kontext", "für jeden interessant, die Sendung zu gucken". Man fange unweigerlich an, die eigenen Beziehungen und seine eigene Sexualität zu hinterfragen, meint Sheen gar.

Im Privatleben von Michael Sheen lief bisher nicht alles glatt: Beziehungen mit seinen Schauspielkolleginnen Kate Beckinsale, mit der in den ersten beiden "Underworld"-Filmen spielte, und Rachel McAdams, die er am Set von "Midnight in Paris" kennenlernte, zerbrachen. Momentan soll er die US-Komikerin Sarah Silverman daten. Aus der Verbindung mit Beckinsale hat er eine 16-jährige Tochter, die alles andere als begeistert davon war, dass ihr Vater nackt im Fernsehen zu sehen ist und dort Sexualforschung betreibt, wie er sagt: "Das war eine große Sache. Sie war damals 13, und somit war es ein sehr schwieriges Alter, um ihr mitzuteilen, dass ich 'Masters of Sex' mache. Es war sehr peinlich für sie. Aber sie hat es gut verarbeitet und nimmt es mittlerweile mit Humor", berichtet Sheen, der zwischen London und Los Angeles pendelt, um seine Tochter Lily, die bei ihrer Mutter in L.A. lebt, so oft wie möglich sehen zu können.

Aber im Interview verrät Sheen, dass auch er selbst gezögert habe, als er sich fragte, ob er die Hauptrolle in "Masters of Sex" annehmen soll oder nicht. Allerdings seien es nicht die Sexszenen gewesen, die ihn überlegen ließen, "sondern die lange Zeitspanne, die eine Verpflichtung, in einer Serie mitzuspielen, mit sich bringt. Ich kannte nur das Script von der Pilotfolge und musste darauf basierend entscheiden, ob ich mich über Jahre festlege." Da Sheen mit Rollen in "Frost/Nixon", "Twilight" oder "Midnight in Paris" ein gefragter Schauspieler ist, fiel ihm der Entschluss nicht leicht.

Heute ist er froh, den Part übernommen zu haben, und an der Seite von Lizzy Caplan zu drehen. Diese hatte allerdings am Anfang geglaubt, dass er keinerlei Freude an den heißen Drehs mit ihr (Masters und Johnson testen nun mal einiges im Selbstversuch) gehabt habe. Denn nach einer gemeinsamen Sexszene übergab sich Sheen umgehend. Jetzt versichert der Waliser lachend: "Ich hatte eine Lebensmittelvergiftung. Es lag nicht an ihr!" Mit Lizzy Caplan alias Virginia werde es jedenfalls auch in der dritten Staffel heiß hergehen, verrät Sheen. Und das, obwohl er immer noch mit seiner Frau Libby (Caitlin Fitzgerald) verheiratet ist und diese von dem professionellen, aber hocherotischen Verhältnis der beiden weiß. Doch "Libby muss sich entscheiden, was wichtiger für sie ist: William zu konfrontieren oder alles zu tun, um ihre Familie zu retten."

So kommt es zu einer Dreiecksgeschichte zwischen ihnen. Was nach einem wahr gewordenen Männertraum klingt, ist es leider nicht, erzählt Michael Sheen: "Im Gegenteil: Die Sache wird sehr kompliziert für William." Auf jeden Fall kommt in der dritten Staffel noch mehr mehr Tempo und Spannung in die Serie. Obwohl die Einschaltquoten in der zweiten Season in den USA nachließen, hat der Sender Showtime im August die Produktion einer vierten Staffel verkündet. In Staffel drei gibt es nun erst einmal einen Zeitsprung direkt in die Mitte der 1960er-Jahre und zur sexuellen Revolution. Und diese, so bekräftigt Michael Sheen, sei doch "heute immer noch relevant, oder?"

Quelle: teleschau - der mediendienst