Jochen Bendel

Jochen Bendel





Das ganze Leben unter dem Brennglas

Lang ist's her, aber als "Big Brother" vor 15 Jahren zum ersten Mal in Deutschland auf Sendung ging, war das für den Sender RTL II ein Riesencoup. Die "Mutter aller Realityshows" sorgte über Monate hinweg für Schlagzeilen, es wurde über Tabubrüche und ethische Fragen debattiert, als stünde die abendländische Kultur auf dem Prüfstand. Die Bewohner avancierten zumindest temporär zu Berühmtheiten, und die Quoten waren phänomenal. Dass der TV-Aufreger dann irgendwann von noch ganz anderen Ausgeburten des Reality-Hypes übertrumpft wurde und sich seit der elften Staffel im Jahr 2011 kein Sender mehr an das Konzept gewagt hat, hält den ProSiebenSat.1-Ableger Sixx nicht davon ab, es nun doch wieder einmal zu versuchen. Warum die Zeit reif fürs "Big Brother"-Comeback ist und weshalb er an den Erfolg glaubt, verrät Jochen Bendel (37), der schon einmal in den Nullerjahren als Moderator mitmischte und zuletzt bei der Promi-Variante durch die Late-Night-Sendung führte, im Interview. Am Dienstag, 22. September, 20.15 Uhr, stellt er in der großen Einzugsshow die Kandidaten vor, danach übernimmt er die Moderation der wöchentlichen Liveshow "Big Brother - Die Entscheidung" (dienstags, 20.15 Uhr). Die "Big Brother"-Tageszusammenfassungen präsentiert Sixx ab Mittwoch, 23. September, 22.10 Uhr, jeweils von Mittwoch bis Montag.

teleschau: Kleine Fingerübung zum Reinkommen: Wer hat die erste "Big Brother"-Staffel im Jahr 2000 gewonnen?

Jochen Bendel: John Milz! Und eben nicht, wie wohl die meisten antworten würden, Zlatko oder Onkel Jürgen Milski, der Zweiter wurde.

teleschau: Oder Alida Kurras ...

Bendel: Na, die hat die zweite Staffel gewonnen. Aber das ist verziehen, die Namen bringen viele ältere Zuschauer etwas durcheinander. Jüngere werden hingegen über Sexy Cora oder Daniel, Timo und Rayo reden ... Das Zielpublikum hat sich im Lauf der Jahre verändert, die einen wuchsen raus, andere kamen neu hinzu. Aber die Sendung hat einen sehr treuen Fanstamm, wie wir aus vielen Zuschauerkontakten wissen. Das lässt uns an das Format glauben, auch weil diesmal ganz bestimmt die Social-Media-Komponente mit ins Spiel kommt.

teleschau: Was muss passen, um diese zwölfte Staffel für Sixx zum Erfolg zu machen?

Bendel: Es kommt im Grunde nur auf die richtige Mischung der Charaktere im Haus an - der menschliche Faktor ist das ganze Geheimnis des Formats.

teleschau: Aber wie sieht sie aus, die richtige Mischung?

Bendel: Wir brauchen Teilnehmer, die polarisieren - auch untereinander, keine homogene Masse. Dann haben wir reales Leben und echte Gefühle in der Bude. Der Zuschauer lässt sich nur dann über so lange Zeit darauf ein, wenn er sich zumindest mit dem einen oder anderen im Haus ein Stück weit identifizieren und seine Emotionen nachempfinden kann. Nachdem ich die meisten Kandidaten bereits kennenlernen durfte, bin ich mehr als zuversichtlich.

teleschau: Dann erzählen Sie mal!

Bendel: Details darf ich nicht verraten, aber kein Witz: Es wurden fantastische Bewohner gecastet, Menschen, die schon im Vorfeld hoch emotionalisiert sind. Die Leute haben jede Menge Hoffnungen, aber auch viele Ängste - sie haben ja Ähnliches noch nie zuvor erlebt. Sie brennen für diese Show! Es gab Begegnungen, da hatten sowohl der künftige Bewohner als auch ich feuchte Augen, so gerührt waren wir in dem Moment.

teleschau: Sie sind ein bekennender Fan und Kenner des Formats. Worin liegt für Sie der Reiz?

Bendel: Als Zuschauer finde ich es einfach spannend zu verfolgen, wie sich die Bewohner im Mikrokosmos unter dieser Käseglocke schlagen. Jeder da drin spielt doch mit seinen Möglichkeiten und reizt die eigene Persönlichkeit aus bis zum Anschlag - es ist faszinierend zu beobachten, wo jeweils die Grenzen liegen: Wer wächst über sich hinaus? Wer scheitert? Wer bestätigt meine Erwartung? Wer überrascht? Welches Klischee wird gebrochen? Ich finde übrigens, dass "Big Brother" mit bis dahin unbekannten Menschen spannender ist als mit Promis.

teleschau: Ach ja?

Bendel: Wir haben es ja zuletzt bei "Promi Big Brother" erlebt: Das Format hat Schauwert, aber die meisten Promis sind eben ziemlich kontrolliert und wissen recht genau, was sie da tun und wie sie sich in Szene setzen. Sie wollen ja in der Regel was verkaufen.

teleschau: Aber mit Personen, die erst mal keiner kennt, kann das Ganze schnell langweilig werden ...

Bendel: Nein, es wird nicht langweilig, sondern richtig dynamisch - weil die Kandidaten passen. Sie werden drei Monate lang 24 Stunden am Tag von Kameras überwacht - wer will, kann sich bei Sky das volle Live-Progamm geben. Das ist nichts anderes als eine großartige Gesellschaftsstudie unterm Brennglas, denn alles, was passiert, ist echt, und uns Zuschauern bleibt absolut nichts verborgen. Also wenn das langweilig ist, dann ist das ganze Leben langweilig (lacht).

teleschau: Wie definieren Sie Ihre Rolle als Moderator der wöchentlichen Liveshows?

Bendel: Ich bin eher der neutrale Beobachter und Präsentator - anders als zuletzt bei "Promi Big Brother - Die Late Night Show", wo ich das Geschehen kommentierte. Grundsätzlich bleibe ich mir treu, werde versuchen, mich intensiv in die Bewohner einzufühlen - ich lebe da wohl auch von einer gewissen Reife, die ich mir nicht zuletzt durch meinen eigenen Reality-Show-Auftritt erworben habe.

teleschau: Sie waren 2014 als Kandidat bei "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" dabei.

Bendel: Und ich habe es nicht bereut, falls Sie das fragen wollten. Erstens hat es mir beruflich gutgetan, und zweitens kann ich meine Erfahrung nun nutzen: Heute sehe ich das, was sich in so einer Sendung abspielt, viel differenzierter als vorher. Ich weiß, was man durchmacht als Kandidat.

teleschau: Wie ergeht es einem denn?

Bendel: Allgemein gesagt: Man unterliegt in jedem Fall einem Prozess, von dessen Entwicklung man am Anfang keinen Schimmer hat - auch als sogenannter Promi, der mit einem konkreten Ziel reingeht und das Ganze als Freiluftbühne nutzen will. Diese Zeit macht etwas mit einem, vor allem weil man dieser räumlichen Enge und einer gewissen Gruppendynamik ausgesetzt ist. In den zwei Wochen im Dschungel hat das vielleicht noch keine nachhaltige Wirkung, aber drei Monate im "Big Brother"-Haus können einen durchaus verändern - zumal es sich bei den Kandidaten um sehr junge Menschen handelt.

teleschau: Und warum setzt man sich dem überhaupt aus?

Bendel: Tja, die alles entscheidende Frage. Ich weiß es auch nicht genau. Dem Sieger winkt eine Menge Geld. Die meisten wollen ihrem Alltagstrott entkommen und suchen wohl das Abenteuer, manche lassen ja zum Teil alles hinter sich, kündigen sogar ihren Job, bevor sie einziehen. Aber die Suche nach einer Antwort auf dieses Warum macht für mich als Zuschauer auch einen Teil des Reizes aus - die Menschen und ihre Geschichten sind das Rätsel, das ich gerne ergründen würde.

teleschau: Geht es den Kandidaten heute nicht mehr darum, berühmt zu werden?

Bendel: Doch, doch. Das spielt bestimmt noch eine Rolle.

teleschau: Obwohl die Vergangenheit gezeigt hat, dass kaum ein Casting- oder Realityshowkandidat wirklich zum Star avanciert ist?

Bendel: Ja. Die Frage ist nur, wie man "Star" definiert. Manchen reicht es vielleicht, in bestimmten TV-Formaten eine gewisse Rolle zu spielen oder auf Mallorca zu singen. Der Traum vom Ruhm wird ganz individuell geträumt, und er ist auf jeden Fall legitim. Es geht nicht immer darum, der nächste Superstar zu werden, sondern die meisten wollen sich oder ihrem Umfeld nur etwas beweisen, einfach einen neuen Twist fürs eigene Leben finden. Und in diesem Sinne, das müssen wir ehrlich sagen, gab es viele Showkandidaten, die es geschafft und diese drei Monate Fame für sich gut genutzt haben. Wir suchen ja bei "Big Brother" keine Talents, wir suchen tolle Geschichten. Und tolle Leute.

teleschau: Sie scheinen vor allem von der Psychologie der Show fasziniert zu sein.

Bendel: Absolut, und von der Tatsache, dass so eine Sendung immer wieder anders ist, weil auch die Menschen nie gleich sind. Mir macht es Freude, mich immer wieder neu auf andere einzulassen. Mich interessieren die Menschen, ich liebe sie, und es sind die vielen Begegnungen, die meinen Beruf so spannend machen. So sehe ich das auch als "Big Brother"-Zuschauer: Ich glotze nicht nur TV, sondern ich lebe drei Monate lang mit diesen Menschen. Dass mir dabei sicher der eine oder andere auch gewaltig auf die Nerven gehen wird, gehört dazu (lacht).

teleschau: Genauso wie mindestens eine Liebesgeschichte und ein bisschen Sex ...

Bendel: Das wird nicht ausbleiben. Wir erinnern uns doch alle gerne an das, was in der ersten Staffel unter der Bettdecke von Alex Johlig und Kerstin passiert ist ... Obwohl, das war nur Oralverkehr, und Bill Clinton würde sagen, das zählt nicht. Das Ganze ist eine Show, die Zuschauer möchten gerne unterhalten werden - und das schafft ein ganztägiges Mau-Mau-Spiel eben nur eingeschränkt (lacht).

teleschau: Apropos: Im Fernsehen werden zurzeit unheimlich viele Unterhaltungsformate ausprobiert. Gut für die Moderatoren, oder?

Bendel: Ja und Nein. Fakt ist, dass es heute unheimlich viele Gesichter on air gibt. Der Zuschauer kann sich viele gar nicht so schnell einprägen, wie sie, oft zusammen mit ihren Formaten, wieder verschwunden sind. Heute hat man es also definitiv schwerer, sich als prominente Marke zu etablieren. Auf meine Bekanntheit allein darf ich mich da nicht verlassen. Das wäre arrogant.

teleschau: Was können Sie stattdessen tun?

Bendel: Ich muss einfach alles unternehmen, um fresh zu bleiben, wenn ich im Geschäft bleiben will. Das heißt für mich: Ich bin stets bereit, mich zu entwickeln, bleibe neugierig, vielseitig und nehme meine Jobs sehr ernst. Mehr kann man nicht machen. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Ich habe auch beim Radio viel Spaß, und zur Not kann ich auch etwas ganz anderes machen.

teleschau: Werden wir jemals wieder eine TV-Show haben, die wie einst "Wetten, dass ..?" die ganze Familie anspricht?

Bendel: Ich denke nicht. Dazu haben sich unser Freizeitverhalten, unsere Sozialstruktur und nicht zuletzt das Medienangebot zu drastisch verändert. Das größte Problem sehe ich aber auf der inhaltlichen Seite: Die Menschen zieht es immer mehr in die Nischen - was soll das also für eine Sendung sein, die vom Enkel bis zur Oma alle mitnimmt?

teleschau: Sie selbst begannen Ihre TV-Karriere in den Hoch-Zeiten von "Wetten, dass ..?".

Bendel: Ja. Aber ich habe nie von der ganz großen Bühne geträumt. Die Samstagabendshow ist einfach nicht mein Ding.

teleschau: Wovon träumen Sie stattdessen?

Bendel: Davon, mich mit meiner ganzen Person in die Formate, die man mir überträgt, einbringen zu können. Mich verwirklichen zu dürfen und diese Sendungen mit meiner Art und meinem Wesen zu prägen.

teleschau: Also eher Late-Night als Samstagabend?

Bendel: Genau das, ja! Ich glaube, dass im deutschen Programm Platz für mindestens eine echte Late-Night-Show ist. Ich muss ja nicht gleich ein deutscher Jay Leno oder Jimmy Fallon werden, aber man kann auf einem bescheideneren Niveau ganz bestimmt ein schönes, kuscheliges, an die 90er-Jahre angelehntes Format produzieren. Davon bin ich überzeugt. Also, wenn Sie mich nach meinem Traum fragen: Das ist er.

Quelle: teleschau - der mediendienst