Ron Perlman

Ron Perlman





"Ich hasse Religion"

Er war "Hellboy" und der Rockerboss Clay Morrow in "Sons of Anarchy". Im Hotel de Rome am Berliner Gendarmenmarkt wirkt Ron Perlman (65) eher wie ein müder Löwe. Der schwere Körper ruht auf einem Kanapee. Auch zur Begrüßung erhebt sich Perlman nicht. "Ich bin ein alter Mann", sagt er zur Entschuldigung. Sehr kokett, Mr. Perlman! In "Hand of God" stand er noch voll im Saft. In der Serie, die ab sofort exklusiv beim Video-on-Demand-Anbieter Amazon Prime abrufbar ist, spielt der New Yorker einen korrupten Richter, der den Tod seines Sohnes rächen will und dabei offenbar von göttlichen Visionen heimgesucht wird. Klar, dass wir im Interview erst mal die Gretchenfrage stellen.

teleschau: Mr. Perlman, wenn die Serie schon "Hand of God" heißt, müssen wir Sie natürlich fragen, was "Gott"" für Sie bedeutet.

Ron Perlman: Ich glaube, dass der Begriff "Gott" für Gleichgewicht steht, für Schicksal, wenn Sie so wollen ...

teleschau: Sie glauben also nicht an Gott als Person?

Perlman: Nein, denn diese Vorstellung wird Gott nicht gerecht. Ich glaube, dass Gott etwas ist, das in jedem von uns steckt, in jedem Menschen und auch in den Dingen, die uns umgeben. Wir haben keinen besseren Namen für diese Entität und nennen sie deshalb "Gott". Wesentlich für mich ist aber, dass wir eine wie auch immer geartete Beziehung zu Gott aufbauen können.

teleschau: Sie kommen aus einer jüdischen Familie, hatten mit 13 Jahren Ihre Bar Mizwa, durch die Sie im Sinne des Judentums religiös mündig geworden sind...

Perlman: Ja, aber die Bar Mizwa habe ich eigentlich nur wegen meiner Großmutter gemacht. Sie hat in Polen den Holocaust überlebt und wurde danach sehr religiös. Mein Vater, der selbst Agnostiker war, hat mich gebeten, die Bar Mizwa-Zeremonie mitzumachen, um meine Großmutter zu ehren. In die Synagoge musste ich danach aber nicht mehr gehen. Ich habe mich, wie mein Vater, der für Religion gar nichts übrig hatte und nicht nur in dieser Hinsicht immer mein Vorbild war, von der organisierten Religion abgewendet. Erst nach seinem Tod spürte ich, dass es noch etwas geben muss, das größer ist als ich. Ich habe begonnen, mit dieser Entität einen intensiven persönlichen Dialog zu führen. Ich habe gebetet, wenn Sie so wollen.

teleschau: Klingt so, als seien Sie doch ein religiöser Mensch.

Perlman: Nein, nennen Sie es von mir aus Spiritualität, ich hasse Religion.

teleschau: Ein starkes Wort. Diese Abneigung müssen Sie erklären.

Perlman: Ich habe in meinem Leben für Religion einfach keine Verwendung. Es ist doch so: Immer wenn jemand einen religiösen Standpunkt einnimmt, scheint er sich über die anderen zu stellen oder sich zumindest von den anderen abzugrenzen. Dabei sollte es darum gehen, etwas zu finden, was uns verbindet. Ob religiös oder nicht: Wir alle sind Menschen, die Schmerzen fühlen, die Verluste erleiden, Niederlagen erdulden müssen. Wir alle lieben und wollen geliebt werden. Je mehr wir uns dieser Gemeinsamkeiten bewusst werden, desto mehr leben wir nach den Prinzipien, die ein wie immer gearteter göttlicher Plan für uns vorgesehen hat. Davon bin ich fest überzeugt.

teleschau: Hat John Lennon recht, der in seinem Song "Imagine" die These aufgestellt hat, dass die Welt ohne Religionen besser dran wäre?

Perlman: Um darüber zu urteilen, müsste ich selbst Gott spielen, oder? Wir alle sehen, wie Menschen andere Menschen im Namen irgendeiner Religion abschlachten, wie sich diese Mörder auf Gott berufen, wie der Begriff für ihre kranke Interpretation von Glauben missbraucht wird. Ich halte das für den Inbegriff des Bösen, für das absolute Gegenteil von Spiritualität.

teleschau: In den Vereinigten Staaten kommt gerade der Wahlkampf um das Präsidentenamt in Gang. Religion spielt dabei traditionell eine nicht unerhebliche Rolle.

Perlman: Ja, und das ist irgendwie kurios. Da gibt es religiöse Bewerber wie Mike Huckabee, die dauernd die Worte "Gott" und "christlich" im Mund führen und sich um ein komplett säkulares Amt bewerben, nämlich um das des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Rick Santorum sagt sogar allen Ernstes, dass du weniger wert bist, wenn du seinen angeblich christlichen Positionen nicht zustimmst. Und diese Menschen wollen in ein Amt gewählt werden, das auf der Trennung von Staat und Kirche basiert? Was ist das bitte für eine kranke Heuchelei! Das sind Scharlatane, die nur auf die Stimmen der religiösen Fundamentalisten scharf sind. Was sie machen, halte ich für eine absolute Sünde.

teleschau: Hier in Deutschland ist gerade ein anderer Kandidat ein großes Thema, Donald Trump ...

Perlman (mit gespielter Ignoranz): Wer?

teleschau: Donald Trump, der Milliardär aus New York, der für die Republikaner ins Weiße Haus einziehen will, populistische Reden schwingt und Einwanderer pauschal als Kriminelle bezeichnet.

Perlman: Ah, der Typ. Ja, von dem habe ich schon mal gehört (grinst breit).

teleschau: Können Sie uns erklären, warum Trump bei vielen Anhängern der Republikaner und damit auch bei vielen Amerikanern so populär ist?

Perlman: Sie sehen in ihm wahrscheinlich jemand, der die Wahrheit sagt - oder eher das, was sie für die Wahrheit halten. Die Trump-Fans springen darauf an, wie er seine Thesen präsentiert. Die Verpackung ist offenbar wichtiger als der Inhalt. Schauen Sie doch, was Trump will. Das ist einfach nur wahnsinnig! Witzigerweise ist Trump aber sogar bei den evangelikalen Wählern der Republikaner beliebter als Huckabee oder Santorum. Dabei betont er, dass er ein Heide ist. Völlig irre, oder?

teleschau: Hat er eine Chance, Präsident zu werden?

Perlman: Nein, auf keinen Fall. Ich hoffe aber, dass ihn die Republikaner zu ihrem Kandidaten küren. Nein, ich bete darum.

teleschau: Weil Hillary Clinton oder ein anderer demokratischer Kandidat bei der Wahl dann leichtes Spiel hätte?

Perlman: Sagen wir doch einfach, es wäre gut wenn er anträte (grinst).

("Hand of God" läuft seit 4. September bei Amazon Prime. Die zehn Folgen der ersten Staffel können Prime-Mitglieder in Deutschland, Österreich, den USA und in Großbritannien in der Originalversion sehen. Die synchronisierte Fassung folgt am 2. Oktober.)

Quelle: teleschau - der mediendienst