Hanno Koffler

Hanno Koffler





Ein Desaster des Rechtsstaats

"Meister des Todes" (Mittwoch, 23. September, 20.15 Uhr) ist wahrscheinlich der politisch brisanteste Fernsehfilm des Jahres. Er berichtet aus der Welt der deutschen Waffenindustrie und ihrer Geschäfte. Der spannende Polit-Thriller zeigt, wie eine - ohnehin meist willfährige - Politik in Sachen Rüstungsexporte ausgetrickst und Gesetze gebrochen werden. Der 35-jährige Berliner Schauspieler Hanno Koffler ("Freier Fall") spielt einen Whistleblower, der aus dem System aussteigen will. Regisseur Daniel Harrich gelang ein beklemmender, weil zu 100 Prozent realistischer Fernsehfilm. Die wahre Geschichte rund um den Export eines hochmodernen deutschen Sturmgewehrs nach Mexiko, wo die Polizei schon mal kritische Demonstranten erschießt oder verschwinden lässt, zeichnet am selben Abend auch eine Dokumentation im Rahmen des ARD-Themenabends über deutsche Rüstungsexporte nach ("Tödliche Exporte - Wie das G36 nach Mexiko kam", 21.45 Uhr).

teleschau: "Meister des Todes" ist ein politisch ungemein explosiver Film. Das Projekt war lange geheim. Wann haben Sie erfahren, worum es geht?

Hanno Koffler: Relativ früh. Daniel Harrich rief mich an und erzählte mir, dass er an einem Film über die deutsche Waffenlobby arbeitet. Er fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, eine wichtige Rolle in diesem Film zu spielen. Ich hatte den Eindruck, dass wir uns im ersten Telefonat erst mal beschnuppert haben und im zweiten zueinander fanden. Weil wir beide ein gutes Gefühl hatten, schickte er mir dann das Drehbuch.

teleschau: Sie spielen einen "Whistleblower", der aus der Waffenindustrie aussteigt. Es gab reale Vorbilder für Ihren Charakter. Haben Sie diese Leute getroffen?

Koffler: Nein, aber ich habe mich intensiv mit Filmmaterial vorbereitet. Darunter war auch privates Filmmaterial von Daniel Harrich, der mit diesen Aussteigern Interviews führte. Einer dieser Männer ist per Zeugenschutzprogramm untergetaucht. Mit ihm konnte ich einmal telefonieren.

teleschau: Was haben Sie dabei über die Psychologie der "Whistleblowers" gelernt?

Koffler: Für mich sind das moderne Helden. Sie decken Missstände auf und leisten enorm viel für unsere Gesellschaft. Dabei fahren sie ein persönlich hohes Risiko. Whistleblower werden ja kaum gefeiert, es schlägt ihnen vornehmlich Hass entgegen. Oft geht bei diesen Leuten privat alles kaputt. Eines der Vorbilder für den Film wurde zum Alkoholiker. Ich finde es wichtig, dass man solchen Leuten mit dem Film etwas zurückgibt, denn sie haben eigentlich ein Denkmal verdient.

teleschau: Wie geheim waren die Dreharbeiten nun wirklich?

Koffler: Sie waren total geheim. Nur ganz wenige Schauspieler haben das Drehbuch bekommen. Die Darsteller der kleineren Rollen erhielten nur kurze Auszüge, damit sie sich auf ihre Passage vorbereiten konnten. Offiziell hieß es, dass wir eine romantische Komödie im Schwarzwald drehen (lacht).

teleschau: Wovor hatte man Angst?

Koffler: Nun, der Film ist an reale Ereignisse angelehnt. Da geht es nicht nur um persönliche Schicksale von Whistleblowern. Gegen deutsche Waffenfirmen sind juristische Verfahren im Gange, die nicht abgeschlossen sind. Darin geht es um massive Rechtsbrüche und Menschenrechtsverletzungen. Es gibt viele Menschen, die nicht wollen, dass ein solcher Film gedreht und ausgestrahlt wird. Insofern war die Vorsicht der Macher dieses Projektes allzu verständlich.

teleschau: Gab es von Seiten der Waffenindustrie, ihrer Lobby oder der Politik Versuche, den Film zu verhindern?

Koffler: Soweit ich weiß, nein. Aber ich glaube, dass sie auch tatsächlich nichts von dem Projekt wussten. Dazu hatten wir eine sehr gute juristische Abteilung, die alles, was wir da gedreht haben, daraufhin abgeklopft hat, ob wir uns damit im rechtlichen Sinne angreifbar machen. Es werden im Film keine realen Firmennamen ausgesprochen. HSW, die Waffenfirma im Drehbuch, gibt es nicht. Aber mit ein bisschen Fantasie kann man natürlich drauf kommen, wer gemeint ist. Dazu steht Daniel Harrich für exzellente Recherche. Er kann alle Fakten, die im Film vorkommen, zu einhundert Prozent belegen. Für die, die sich da beschweren wollen, ginge die Aktion wohl eher nach hinten los.

teleschau: Eine Hälfte des Films spielt in Mexiko, wohin Sie auch mit Crew gereist sind, um vor Ort zu drehen. Wenn man weiß, wie brisant der Stoff ist und dass ein Menschenleben in Mexiko nicht viel wert ist, mit welchen Gefühlen fährt man dorthin?

Koffler: Es war schon sehr heikel. Einen Tag, bevor die Dreharbeiten in Deutschland begannen, kam die Nachricht, dass in Mexiko eine Gruppe kritischer Studenten, die vermisst wurden, ermordet aufgefunden worden waren. Wir waren während der Dreharbeiten in Mexiko mittendrin in solchen Gruppen. Einmal haben wir dort eine Demonstration gedreht, während am selben Tag an einem anderen Ort die gleiche Demonstration in der Realität stattfand. Ich fand das schon ziemlich verstörend.

teleschau: War Ihr Team in Gefahr?

Koffler: Wir haben keine gefährlichen Situationen erlebt, auch wenn wir uns viele Gedanken darüber gemacht haben. Vielleicht hatten wir einfach Glück. Und den Vorteil, dass wir in Mexiko trotzdem eine deutsche Geschichte erzählten - was die Behörden und einflussreichen Kräfte dort vielleicht nicht so sehr interessiert hat. Aber das Projekt war schon mit einem gewissen Risiko für uns alle behaftet, denke ich.

teleschau: Warum ist es für deutsche Waffenhersteller so leicht, bestehende Gesetze zu umgehen?

Koffler: Das weiß ich nicht, aber genau diese Frage beschäftigt mich sehr. Natürlich könnte man sagen: Geld regiert die Welt. Trotzdem hätte man nicht gedacht, dass diese absolut wahren und belegbaren Dinge, die wir im Film erzählen, in Deutschland tatsächlich möglich sind. Die Zuschauer diesbezüglich aufzurütteln und zu sensibilisieren, ist das Ziel von "Meister des Todes".

teleschau: Deutschland ist der drittgrößte Waffenproduzent der Welt. Warum agiert diese Industrie weitgehend unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung und Kritik?

Koffler: Auch das hat mich beschäftigt. Warum weiß ich eigentlich so wenig über diese Dinge? Ich glaube, Waffenproduzenten und Politik haben dafür gesorgt, dass man die Begriffe Waffen und Gewalt gegen unschuldige Menschen nicht mit diesem "Made in Germany"-Stempel in Verbindung bringt. Vielleicht will auch ich, vielleicht wollen auch die Politiker und manche Produzenten an dieses Märchen glauben. Es stellt sich ja die Frage: Wie radikal, wie idealistisch kann man mit dem Thema Waffenherstellung umgehen? Gibt es überhaupt "gute Waffen"? Da verfolgt mich immer dieser Gedanke: Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.

teleschau: Eine Utopie!

Koffler: Sicher. Aber muss man vielleicht mit einer Utopie im Kopf in den Kampf ziehen, um wenigstens einen guten Kompromiss zu erreichen? Das ist die moralische Ebene, über die ich nachdenke. Also die Frage: Geht es ganz ohne Waffenhandel? Gibt es überhaupt eine Waffe, die für Frieden sorgt oder bedeutet jede Waffe letztendlich Unglück? Die andere Ebene betrifft die Gesetzesbrüche. Die werden von deutschen Waffenherstellern massiv begangen, während die Politik wegschaut. Für mich ist das ein Desaster in unserem Rechtsstaat, dagegen muss man etwas tun.

teleschau: Am Ende des Films wird eine Problematik angesprochen, die da heißt: Wenn wir die Waffen nicht liefern, bauen die Mexikaner sie sich selbst oder kaufen sie woanders ein ...

Koffler: Sicher ist das ein realistisches Szenario. Wer unbedingt tausende Sturmgewehre kaufen will und die Mittel dafür hat, wird sie sich irgendwo besorgen können. Trotzdem müssen wir ja immer erst mal unserer Eigenverantwortung gerecht werden: Für unser Land, unsere Stadt, unsere Familie, für uns selbst. Immer, wenn es um moralische Entscheidungen geht, gilt es, bei sich selbst anzufangen. Man muss ein Beispiel für andere sein oder zumindest tun, was in der eigenen Macht steht. Alles andere bedeutet Resignation, Zynismus.

teleschau: Was kann der Film bewirken?

Koffler: Zunächst mal Aufmerksamkeit, Sensibilität für das Thema erregen. Wir wollen Fragen aufwerfen. Außerdem werden durch die Dokumentation, die nach dem Spielfilm läuft, neue Fakten auf den Tisch kommen. Da bin ich gespannt, was diese neuen Fakten juristisch und in Sachen Öffentlichkeit in Bewegung setzen. Ich hoffe, dass da, wo Gesetze gebrochen wurden, auch Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Dass zum Beispiel die Staatsanwaltschaft in Stuttgart ein laufendes Verfahren gegen einen Waffenhersteller wieder aufnimmt, das aus unerfindlichen Gründen unterbrochen wurde. Es ist auf jeden Fall spannend, was nach Ausstrahlung des Films und der Dokumentation passieren wird.

Quelle: teleschau - der mediendienst