Renan Demirkan

Renan Demirkan





"Es ist wie eine zweite Pubertät"

Wie ist es wohl, eine echte Reizfigur zu spielen? - Eigentlich wollten wir mit Renan Demirkan über ihre Rolle als sehr unsympathische Chefärztin Dr. Gül in der ZDF-Serie "Dr. Klein" (neue Folgen ab Freitag, 2. Oktober, 19.25 Uhr) reden, mit der sie nach jahrelanger Abwesenheit ins Fernsehen zurückkehrt. Doch ihre überstandene Krebserkrankung und ihr 60. Geburtstag im Juni lenkten das sehr offene Gespräch auf andere Themen. Renan Demirkan sprach über ihre noch nie dagewesene Leichtigkeit, das Frauenbild im Wandel der Zeit, über Psychotherapien und Wechseljahrsbeschwerden. Außerdem plädiert die gebürtige Türkin für ein Umdenken in der Flüchtlingsdebatte.

teleschau: Sie spielen die strenge Interimsärztin Dr. Nevin Gül, die alles andere als eine Sympathieträgerin ist. Was reizte Sie an dieser Rolle?

Renan Demirkan: Ich weiß, sie ist eine echte Krätzkuh! (lacht) Als ich für die Rolle zugesagt habe, wusste ich nicht, wie furchtbar sie ist. Ich war beim Casting und habe eine Szene gespielt, die ich mit Christine Urspruch und dem Team erarbeitet hatte. Das hatte mir so viel Spaß gemacht, dass ich unbedingt mit ihnen zusammenarbeiten wollte. Das hat zum Glück geklappt. Dann bekam ich die Drehbücher und dachte: Die ist so unsympathisch! Ich hätte mir so sehr eine sympathische Rolle gewünscht.

teleschau: Man kauft Ihnen die strenge Chefin aber total ab!

Demirkan: Und das ist gut so. Die Rolle muss ja überzeugen. Aber ich bin das so gar nicht: bin weder ehrgeizig, noch zielorientiert, machthungrig oder strategisch. Manchmal wirke ich aber ähnlich. Vielleicht liegt es daran, dass ich ebenso wie Dr. Gül schnell im Kopf bin. Obwohl ich grad meine 60. Geburtstag gefeiert habe.

teleschau: Sie haben gerade Ihr Alter angesprochen: Wie fühlen Sie sich mit Ihren 60 Jahren?

Demirkan: Es ist anders, als wenn man 50 wird. Mit 60 ändert sich etwas. Als würde man die Lizenz zur Sprungkraft erhalten.

teleschau: Sprungkraft?

Demirkan: (lacht) Auf einmal kann ich mit einer Unbedarftheit durch die Jahrzehnte switchen: Einen Tag bin ich 50, den anderen 18 und dann 35. Das Gefühl hatte ich vorher nie. Mit 50 drehten sich meine Gedanken und mein Handeln häufig um die Wechseljahre. Ich bin damals direkt zu einer Psychiaterin gegangen und habe sie gefragt: Was passiert da mit meinem Körper? Bitte erklären Sie mir das! - Da hatte ich einen anderen Umgang mit mir als Frau und Person.

teleschau: Und wie ist es heute?

Demirkan: Heute fühle ich mich so, als hätte ich Ballast abgeworfen. Es ist wie eine zweite Pubertät. Es ist auch mit einer Verunsicherung verbunden, weil sich der Körper verändert. Aber es gibt keine Wehmut. Ich hätte vermutet, dass ich was vermisse, aber im Gegenteil: Ich fühle eine Leichtigkeit.

teleschau: Es entwickelt sich eine gewisse Form von Narrenfreiheit?

Demirkan: Ja, es hat etwas von einem Shakespeare-Szenario: Übermütig, voller Kraft und Jugendhaftigkeit. Ich bin zwar 60, aber ich kann noch gehen und tanzen - ich brauche noch keinen Rollator (lacht). Ich habe einen anderen Zugriff auf mich selbst. Außerdem kann ich auch mal dumm sein. Früher wollte ich immer klug und interessant sein. Jetzt kann ich endlich sagen, dass ich manchmal richtig blöd bin (lacht).

teleschau: Wie viel hat dieses neue Lebensgefühl auch mit Ihrer überstandenen Krebserkrankung zu tun?

Demirkan: Garantiert hängt das auch damit zusammen. Deshalb fällt mir die Einschätzung meines 60. Geburtstag so schwer - da ich sie nicht von den letzten vier, fünf Jahren losgelöst beurteilen kann, die ich durchleben durfte. Wahrscheinlich kommt mir jetzt alles so hell vor, weil ich das Dunkle hinter mir habe. Das waren fette Hämmer, die ich abzuarbeiten hatte, aber ich habe mich damit arrangiert. Es hat sich alles gefügt und synchronisiert.

teleschau: Gestehen Sie sich jetzt mehr Pausen und weniger Perfektionismus zu?

Demirkan: Ich versuche es, aber für Frauen in meiner Generation ist das schwierig. Meine Tochter ist jetzt 29. Ich wünschte, ich wäre jetzt in ihrem Alter und könnte der Frauentyp von heute sein. In meiner Generation herrscht ein Zustand der Erschöpfung. Es war jahrelang zu viel für viele von uns. Wir haben Multitasking bis zur Erschöpfung betrieben. Wir haben versucht, unser Leben unter Kontrolle zu halten, weil wir ja keine Hilfe hatten. Das Verrückte an meiner Generation - ich bin Jahrgang '55 - war, dass wir in den 70-ern sozialisiert wurden: Nach den 68-ern waren Pille und WG für uns schon selbstverständlich. Aber unsere Mütter waren ganz anders erzogen als wir - dabei spielte es keine Rolle, dass meine Mutter aus der Türkei war. Wir hatten keine Rollenvorbilder, waren aber besessen von einem selbstbestimmtem und selbstverantwortlichen Leben. Ich wollte gerne Karriere, Kerle, Kinder, Kosmetik, Küche haben - alles selbst erleben.

teleschau: Sie meinen, Ihr Glück sollte nicht von einem Mann abhängen?

Demirkan: Für mich war das Zusammenleben mit einem Mann, so wie es damals Gang und Gäbe war, kein Lebensziel. Ich wollte weder mit einem zusammenleben, noch wollte ich, dass einer für mich sorgt. Jahrzehnte später habe ich diese Selbstausbeutung erst bemerkt. Wenn du dann auch noch Mutter bist und freischaffende Künstlerin, dann ist das sehr erschöpfend. Frauen müssen das heute nicht machen. Es gibt andere Möglichkeiten, als die Selbstausbeutung. Man soll nicht weniger machen, aber man muss nicht alles auf einmal tun. Jeder meiner fünf Therapeuten hat mir dasselbe geraten: "Lassen Sie sich Zeit!" Man muss nicht im Hamsterrad die Dinge abarbeiten. Man muss auch Pausen einlegen, um Dinge bewusst erleben zu können und auch Energie dafür zu haben.

teleschau: Sie sind ja kein Roboter!

Demirkan: Ich war aber einer! Schon als Kind: Ich war Erstgeborene und musste als Neunjährige bereits auf meine kleine Schwester aufpassen. Ich hatte ein ganz anderes Lebensmodell - das war einfach so: Man muss als Roboter funktionieren. Ich wünsche mir für alle jungen Frauen, dass sie bitte nie zum Roboter werden!

teleschau: Sie haben jüngst auch in der Flüchtlingsdebatte Stellung bezogen. Wie finden Sie die viel zitierte "Willkommenskultur"?

Demirkan: Ich finde, die aktuelle Großherzigkeit ist das beste Zeichen dafür, dass wir eine offene Gesellschaft mit aufgeklärten Menschen sind. Wir werden die Neumischung der Menschen und Kulturen nicht aufhalten. Daher sollten wir uns ganz schnell daran gewöhnen. Um unserer selbst willen. Demokratien sind nur stabil mit Menschlichkeit und Empathie. Die Menschen, die sich auf Weg machen, sind schon Besonderheiten in ihren Ländern.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Demirkan: Nicht jeder, der hungert, macht sich auf den Weg. Das sind besondere Menschen, die so etwas tun. Die haben einen unglaublichen Mut. Von einem Afrikaner, der fünf Dialekte spricht und aus seinem Land flieht, von so jemandem können wir Flexibilität lernen! Im Türkischen gibt es ein Sprichwort: "Eine Sprache, eine Welt. Zwei Sprachen, zwei Welten." Je mehr wir von den anderen wissen, desto mehr werden wir selbst. Wir selbst wachsen und sehen was neu dazukommt. Um unser selbst willen müssen wir eine neue Form des Zusammenlebens lernen. Und wir müssen noch etwas gewährleisten: Wenn sich Flüchtlinge auf den Weg machen, muss dieser Weg menschenwürdig und darf nicht lebensgefährlich sein!

Quelle: teleschau - der mediendienst