Felix Neureuther

Felix Neureuther





Gebt den Kindern mehr Zeit!

Nein, nein, beruhigt Slalom-Ass Felix Neureuther seine Fans: Der Ausflug ins Showgeschäft soll mitnichten als Ankündigung des Karriereendes angesehen werden. "Ich bin definitiv noch lange Skifahrer, darauf liegt meine volle Konzentration." Spaß hat ihm der Dreh als Juror der SAT.1 Castingsendung "Superkids - Die größten kleinen Talente der Welt" (drei Folgen ab Freitag, 11. September, 20.15 Uhr) aber auf jeden Fall gemacht - nicht nur aufgrund eines erkennbaren Showtalents, sondern auch weil der 31-jährige Sohn des Garmisch-Partenkirchner Ski-Legenden-Paares Rosi Mittermaier und Christian Neureuther nach eigener Aussage sehr gerne mit Kindern arbeitet. Wobei es ihm dabei nicht allein um Tipps bei Sport und Bewegung geht, er wolle auch gewisse Werte vermitteln, betont Neureuther. Was dem grundsympathischen Lebensgefährten von Biathletin Miriam Gössner und besten Kumpel von Fußball-Weltmeister Bastian Schweinsteiger wirklich wichtig ist und was ihm am Slalom-Rennsport fasziniert, verrät er im Interview.

teleschau: Ihr Vater Christian hat Sie schon mit zweieinhalb Jahren auf Ski gestellt, im Alter von drei Jahren, heißt es, gewannen Sie Ihr erstes Kinder-Rennen in Garmisch. Hatten Sie als Kind eigentlich auch andere Talente, die man hätte fördern können?

Felix Neureuther: Mei ...

teleschau: Nein?

Neureuther: Nein, nicht "nein" - ich habe "Mei" gesagt! - In Bayern heißt das so viel wie: Moment, ich muss kurz nachdenken! (lacht) Also: Ja, scho - da gab es einige andere Sachen.

teleschau: Zum Beispiel?

Neureuther: Hat alles mit Sport zu tun. Ich habe fast alles ausprobiert, war auch gar kein so schlechter Fußballer. Aber irgendwann musst du dich entscheiden, bei mir wurde es mit 14 ernst. Dann gab es nur noch das Skifahren - es hat mir am meisten Spaß gemacht und wurde von meinen Eltern natürlich auch sehr forciert und gefördert.

teleschau: Wie ist es ums Showtalent bestellt? Immerhin haben Sie sich nach einem Rennen schon mal selbst interviewt!

Neureuther: Mei, da war halt sonst keiner da. Ich hatte das Mikro, die Kamera war an. Bevor ich blöd rumstehe und warte ... Ich weiß nicht, ob ich Showtalent besitze. Ich bin so, wie ich bin, ich verstelle mich auch vor einer Kamera nicht.

teleschau: Jetzt suchen Sie in der SAT.1-Show "Superkids - Die größten kleinen Talente der Welt" nach außergewöhnlich begabten Kindern und Teenagern: Was haben Sie beim Dreh erlebt?

Neureuther: Sehr viel Beeindruckendes und Aufregendes - schon deshalb, weil ich zum ersten Mal Teil einer solchen Produktion war. Was die Performances der Kinder betrifft, wurden meine Erwartungen bei Weitem übertroffen. Ehrlich: Der Zuschauer wird aus dem Staunen nicht herauskommen. Ich hoffe, dass vor allem die Begeisterung rüberkommt, mit der die kleinen Kandidaten bei der Sache waren.

teleschau: Sehen Sie einen tieferen Sinn in einer solchen Sendung?

Neureuther: Absolut. Mein Wunsch ist es, dass die Show von kleinen und großen Zuschauern gemeinsam geschaut wird und dass wir vielleicht Kinder animieren können, die eigenen Begabungen wertzuschätzen, sich auszuprobieren und den Talenten nachzueifern. Kann zumindest nicht schaden ...

teleschau: Sie haben offenbar Blut geleckt. Aber Sie denken noch nicht ans Karriereende?

Neureuther: Nein, nein. Ich bin definitiv noch lange Skifahrer, darauf liegt meine volle Konzentration. Nur konnte ich aufgrund meiner Rückenprobleme sowieso nicht mit der Nationalmannschaft ins Trainingslager nach Argentinien reisen. Der Dreh in Köln kam also gerade recht. Auch weil ich gerne mit Kindern arbeite und ein eigenes Racecamp für Kids betreibe, passte das Angebot gut.

teleschau: Mit Ihrem Buch und dem Sportprogramm "Beweg dich schlau" richten Sie sich direkt an Kinder. Was wollen Sie dem Nachwuchs vermitteln?

Neureuther: Dass man mit Bewegung nicht nur etwas für seinen Körper tut, sondern auch den Geist auf Vordermann bringt! Das ist mein Ansatz - ich habe Übungen ausgewählt, die auch fürs Gehirn anregend und damit für die ganze Entwicklung sehr wichtig sind.

teleschau: Glauben Sie, dass ein Kind, das früh Sport treibt, grundsätzlich gesünder aufwächst?

Neureuther: Natürlich. Bewegung, das ist meine feste Überzeugung, ist die Grundlage von allem. Ja, ein Kind, das viel Sport treibt, lebt gesünder.

teleschau: Auch glücklicher?

Neureuther: Ja, definitiv - sage ich für meinen Teil. Manche sehen es vielleicht anders.

teleschau: Weil das Leben sicherlich auch kompliziert sein kann für ein hochtalentiertes Kind ...

Neureuther: Klar, vielleicht muss man als Sporttalent ab einem gewissen Niveau auf einiges verzichten, aber dafür kriegst du eine Menge zurück. Man darf nicht vergessen: Sport treibt man immer zusammen mit anderen. Auch Skifahren ist ein Mannschaftssport. Da entstehen die besten Freundschaften. Bei mir halten die zum Teil bis heute. Man agiert und kommuniziert mit anderen Kindern, ist draußen in der Natur, erlebt Dinge, die andere, die nur vorm Computer sitzen, nie erleben.

teleschau: Haben Sie als Kind nie etwas vermisst?

Neureuther: Nein. Weil ich bei all den Rennen und den vielen Reisen nie alleine war. Da waren immer Freunde dabei. Es war nur positiv, und am Ende konnte ich mein Hobby sogar zum Beruf machen.

teleschau: Was also raten Sie einem sportlich begabten Kind oder seinen Eltern?

Neureuther: Dass ein Kind das machen soll, was ihm Spaß macht. Dann soll es sich mit Leidenschaft reinhauen, und, ganz wichtig für die Motivation, es muss sich gute Vorbilder suchen ... Bei mir war es Alberto Tomba. Ich träumte als Junge davon, fahren zu können wie er.

teleschau: Macht am Ende der Ehrgeiz den Unterschied zwischen Talent und Star?

Neureuther: Sagen wir lieber, der Wille. Irgendwann, wenn es um die Wurst geht, kommst du nur mit Talent nicht mehr weiter, dann musst du beißen können, alles dafür tun, deine Ziele zu erreichen ... Wenn du das nicht kannst, suchst du dir eben etwas anderes. Auch dann hast du fürs Leben eine Menge gelernt.

teleschau: Ist Sport also das Wichtigste für die Entwicklung eines Kindes?

Neureuther: Nein, die Zeit ist das Wichtigste! Kinder haben immer weniger Zeit. Die Schule, der Computer ... - dieses Leben bindet die Kinder extrem. Wir alle, vor allem auch die Schulen, müssen überlegen, wie wir den Kindern mehr Ausgleich und Freiheit bieten können. Sie brauchen mehr Zeit - für Bewegung und für die Natur. Das ist essenziell.

teleschau: Ihr Freund Bastian Schweinsteiger hat sich als Teenager für den Fußball entschieden. Denken Sie manchmal darüber nach, was gewesen wäre ...

Neureuther: Wenn ich auch Fußballer geworden wäre? Nein. Das würde ja bedeuten, dass ich in gewissen Momenten hadere. Aber das tu ich nicht. Nie.

teleschau: Aber Profi-Fußballer verdienen ein Vielfaches - und Sie können vielleicht irgendwann mal für noch mehr Geld ins Ausland wechseln ...

Neureuther: Ach, es hat alles seine Vor- und Nachteile. Ich freute mich all die Jahre für Basti mit, und er hat meine Entwicklung auch immer eng begleitet. Neid kennen wir beide in keinster Weise. Das ist nicht Teil meines Charakters, mir geht es nicht ums Materielle. Überhaupt stehe ich als deutscher Skifahrer doch gut da, gar keine Frage. Ich kann halt nur nicht nach England wechseln ...

teleschau: Haben Sie Ihren Freund schon besucht in Manchester?

Neureuther: Noch nicht. Aber das steht jetzt wirklich mal an.

teleschau: Was sagen Sie ihm, wenn er Sie fragen würde, warum Sie sich für den alpinen Skisport, fürs Slalomfahren, entschieden haben?

Neureuther: Das gleiche, das wohl auch die meisten Skitouristen sagen würden: Ich kann mich in der freien Natur sportlich betätigen - was gibt es Schöneres! Beim Rennen kommt außerdem das Adrenalin dazu, das Gefühl, die Geschwindigkeit zu spüren. Und wenn du dann auf einem gewissen Niveau unterwegs bist, die Sache ausreizt, dich an Grenzen bringst und dabei Erfolge feierst, dann ist es das Größte überhaupt.

teleschau: Als Hobby-Skifahrer erfreut man sich am Alpenpanorama, lässt die Gedanken schweifen und genießt, was man tut. Wie ist es im Rennen? Was denken und fühlen Sie auf der Weltcupstrecke?

Neureuther: Eigentlich gar nichts. Da laufen Automatismen ab. Die Gedanken schweifen lassen, das Skifahren spüren, dieses Erlebnis habe ich am Rennwochenende nur in der Gondel ...

teleschau: Man kennt die fast melancholischen Fernsehbilder von Rennfahrern, die alleine im Lift sitzen und ganz gemächlich nach oben zum Start gondeln ...

Neureuther: Ja, genau diese Situation meine ich. Unter dir sind vielleicht 10.000, 20.000 Leute, oder wie in Schladming 50.000. Sie schreien, aus den Lautsprechern kommt Partymusik ... Du fährst über sie hinweg und bist in diesen Minuten ganz alleine mit deinen Gedanken und dem ganzen Druck, den du in bestimmten Rennen einfach hast. Es ist ein wahnsinniges Gefühl, aufregend: Du bist einsam, aber auf eine extrem anregende Art, absolut geil.

teleschau: Sind Sie eigentlich noch nervös?

Neureuther: Vor dem Rennen? Ja. Auch beim Fernsehen: Ich hatte großes Lampenfieber vor Beginn der Aufzeichnungen. Es war ja ein völlig anderes Umfeld, alles war neu - beim Skifahren weiß ich wenigstens, dass ich das kann.

teleschau: Wie ist es beim Weltcup-Rennen im Starthäuschen?

Neureuther: Schon hart. Du weißt, wenn du den kleinsten Fehler machst, ist es aus. Beim Fernsehen wird die Sendung auch funktionieren, wenn ich mich mal verhasple, notfalls wird geschnitten - beim Slalom hast du keine zweite Chance. Wer einfädelt, ist raus.

teleschau: Dreht sich der erste Gedanke bei der Zieleinfahrt um die Zeit?

Neureuther: Eher nein. Man hat meistens schon unterwegs ein sicheres Gefühl, wie es gelaufen ist. Toll ist es natürlich, wenn du gefühlt miserabel unterwegs warst, und dann ist die Zeit trotzdem spitze. Aber richtig genial ist das Rennen, in dem du dich schon auf der Piste gut fühlst. Wenn du dann über die Ziellinie fährst, und alle schreien und jubeln, und du weißt genau warum, dann ist das Glücksgefühl nicht mehr zu überbieten. Das kann süchtig machen. Wahrscheinlich geht es dem Basti genauso, wenn er vor 80.000 Leuten ein entscheidendes Tor schießt.

teleschau: Mit welchem Gefühl denken Sie eigentlich an den DFB-Pokalspieltag Ende Oktober, wenn der FC Bayern beim VfL Wolfsburg ranmuss?

Neureuther: Wirklich das Thema (lacht)? Na gut. Ich hatte als Losfee wohl nicht unbedingt das glücklichste Händchen. Natürlich sind in meinem Bekanntenkreis fast alle Bayernfans, und wie Sie sich vorstellen können, fanden das alle ganz super ... Aber im Ernst: Ich bin sicher, die sind so gut, die können sich auch in Wolfsburg nur selber schlagen.

teleschau: Via Facebook und Twitter haben Sie sich mit einem im Stadion gedrehten Kurz-Video für das "Traumlos" entschuldigt. Fällt Ihnen so was selbst ein?

Neureuther: Ja, diese Dinge machen mir Spaß. Eine schöne Möglichkeit, die Menschen ein bisschen was über mich wissen zu lassen und zum Lachen zu bringen. Ich mache das selbst, nur meine Schwester hilft mir etwas.

teleschau: Ihr Social-Media-Auftritt ist gut gepflegt. Nur weil es Spaß macht?

Neureuther: Man kann so auch gut über die Dosis Privatleben entscheiden, die man preisgeben will ... So wie neulich die Facebook-Bilder von Miriam und mir bei der Hochzeit von meinem Kumpel Ted Ligety in Utah - ich denke mir, warum nicht! Den Leuten scheint es zu gefallen.

teleschau: Bleibt nur noch eine Frage ...

Neureuther: Bitte nicht die nach meiner eigenen Hochzeit!

teleschau: Nein, sondern die, ob Sie in dieser Saison Ihren Dauerrivalen im Slalom-Weltcup Marcel Hirscher schlagen!

Neureuther: Das werden wir sehen. Mein Ziel ist es, ohne Verletzung durch den Winter zu kommen und den nächsten Schritt zu machen, besser zu sein als letztes Jahr. Ich weiß, dass in meinem Körper noch einiges steckt, wenn ich das ausreizen kann, schaut es gar nicht so schlecht aus.

teleschau: Es ist nicht Ihre Art, auf den Putz zu hauen ...

Neureuther: Absolut. So bin ich erzogen. Dass ich nicht großkotzig bin und immer Respekt vor den anderen habe - nach diesen Prinzipien lebe ich. Bescheidenheit und Authentizität sind ganz entscheidende Dinge - auch bei anderen Leuten.

teleschau: Und wie ist es nun mit den Hochzeitsplänen?

Neureuther: Dazu erfahren Sie von mir kein Wort (lacht).

Quelle: teleschau - der mediendienst