Mario Adorf

Mario Adorf





Geliebter ungeliebter Gigant

Er ist eine der angenehmsten Konstanten im deutschsprachigen Film- und Fernsehgeschäft und immer wieder ein gern gesehener Gast auf Leinwand und Bildschirm. Die Zuschauer haben mit ihm gelitten, gelacht, aber auch manches Mal ganz schön Angst und Respekt vor ihm gehabt. Am 8. September wird der Schauspieler Mario Adorf 85 Jahre alt. Jahre, die man dem bärtigen Grand Seigneur kaum ansieht. Die Fähigkeit zur Selbstironie hat er überdies: Nachzusehen in der neuen ARD-Komödie "Der Liebling des Himmels" (Freitag, 18. September, 20.15 Uhr), die Adorf in einer beachtlichen Nebenrolle mit weißer Langhaarperücke ziert.

Auch im albernen Look, der an einen verhinderten Indianerhäuptling erinnert, lässt es sich indes nicht übersehen: Mario Adorf ist noch immer eine stattliche Erscheinung. Seine kräftige Statur verschaffte dem Schauspieler schon in jungen Jahren eine Bühnenpräsenz, der sich kaum jemand entziehen konnte. Dabei führte sein Werdegang nicht direkt an die Otto-Falckenberg-Schule in München, sondern über ein Studium in Mainz, diverse Statistenjobs und eine Regieassistenz in seiner Geburtsstadt Zürich. Doch nicht nur die imposante Figur, sondern auch seine freundlich und frech funkelnden Augen verleihen Mario Adorf seine ganz eigene Ausstrahlung, die nur schwer zu kopieren ist.

Mit allem gesegnet, was einen vielseitigen Schauspieler ausmacht, begann Mario Adorf seine Filmkarriere als Schurke in "Nachts, wenn der Teufel kam". Dank seiner italienischen Wurzeln väterlicherseits durfte er auch immer wieder als Mafioso vor die Kamera treten, etwa in "Der Mafia-Boss", "Der Mordfall Matteotti" oder "Allein gegen die Mafia". Auch in ausländischen Produktionen, denn Mario Adorf spricht vier Sprachen fließend. Mit der Rolle des Alfred Matzerath in der preisgekrönten "Blechtrommel" schnupperte er 1980 sogar Oscar-Luft. In "Via Mala" lehrte der große Mario 1985 als despotischer Patriarch nicht nur seine Familie das Fürchten. Doch auch mit Kindern konnte er immer gut, und so machte er Bekanntschaft mit "Momo", "Mino" und der "Roten Zora" und gab in "Es ist ein Elch entsprungen" sogar den Weihnachtsmann.

München, die Wiege seiner Karriere, sollte eine große Rolle im Leben des Mario Adorf spielen. Nicht nur wagte er seine ersten professionellen Bühnenschritte an den Münchner Kammerspielen. Die bayerische Landeshauptstadt war auch Schauplatz einiger fruchtbarer Kollaborationen mit dem Filmemacher Helmut Dietl. Man denke an den wunderbar großkotzigen Generaldirektor Haffenloher ("Ich scheiß dich zu mit meinem Geld!") aus der Serie "Kir Royal" und an den tragischen Restaurantbesitzer, der im Kinofilm "Rossini" dem bunten Treiben der Medienszene zum Opfer fällt. Seine Münchner Wohnung hat Adorf noch heute.

Die Verehrung, die ihm sein Publikum seit Jahren entgegenbringt, war vonseiten der Regisseure jedoch nicht immer gegeben, wie der Star spät beklagte. Oft habe sich Mario Adorf einer stereotypen Besetzung fügen müssen, und nur selten fand er Gehör für seine eigenen Ideen, wie zuletzt bei der TV-Produktion "Krokodil", die er selbst in die Wege leitete. "Für mich sind Stoffe nicht geschrieben und entwickelt worden. Das hat es bis auf die letzten Jahre leider nicht gegeben." Man denke nur: 1993, bei einer seiner Paraderollen, war er nur zweite Wahl - denn "Der große Bellheim" sollte ursprünglich von Michel Piccoli gespielt werden. "Der damalige Programmdirektor Heinz Ungureit hat mich durchgeboxt, er sagte: Das muss der Adorf machen!", erinnerte sich der Schauspieler im Interview.

Umso lieber macht der Star inzwischen nur noch das, was ihm wirklich Spaß macht. Bücher schreiben zum Beispiel. Oder Bücher vorlesen. Mit seinem neuesten Werk "Schauen Sie mal böse" geht er im Herbst sogar auf Deutschland-Tournee. Die Neugier auf Neues sei ihm mit zunehmendem Alter zwar ein wenig abhandengekommen, dafür konzentriere er sich jetzt auf die wirklich wichtigen Dinge des Lebens - so Adorf.

Aus seinen zahlreichen Filmpreisen macht er sich nach eigenen Angaben nicht allzu viel, denn Ehrgeiz ist nicht seine Stärke: "Ich habe nie eine Auszeichnung angestrebt. Die haben sich ergeben, aber ich habe nie etwas gezielt dafür getan. Selbst der Oscar sollte kein Ziel für einen Filmschaffenden sein. Das ist eine Belohnung - entweder sie kommt, oder sie kommt nicht." Obwohl er nie das Ziel einer Goldenen Kamera, eines Filmbands in Gold oder eines Adolf-Grimme-Preises vor Augen hatte, freut sich Mario Adorf trotzdem über jede Wertschätzung seiner künstlerischen Arbeit.

Dass man mit 85 Jahren auch als Hörgerätträger noch lange nicht zum alten Eisen gehört, beweist Mario Adorf eindrucksvoll durch einen gut gefüllten Terminkalender und nicht zuletzt durch die Best-Ager-Komödie "Altersglühen - Speed Dating für Senioren", die vergangenes Jahr viel Furore machte. Auch die Werbung hat die Glaubwürdigkeit des weisen älteren Herren, der noch den Wert des Geldes zu schätzen weiß, für sich entdeckt. Wehmut in Anbetracht seines Alters verspürt er nicht: "Ich schaue nicht zurück. Das bisschen Wegstrecke, auf das ich blicke, liegt vor mir."

Mario Adorf hat im Laufe seiner gut 60-jährigen Karriere in über 200 Rollen alles gespielt, was ein Schauspielerherz begehren kann, und doch bleibt noch ein großer Wunsch übrig: Er wäre so gerne einmal Karl Marx. "Als Schauspieler habe ich nicht das Gefühl, dass schon alles gesagt ist. Sonst hätte ich ja längst aufgehört."

Quelle: teleschau - der mediendienst