Captive

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In der Hand des Killers

Für Ashley Smith (Kate Mara) ist das Leben ein Kampf. Nach dem Tod ihres Ehemanns ist die junge Frau in ein tiefes Loch gefallen: Die Dunkelheit will sie mit Crystal Meth erhellen. Aber alles, was die Droge erreicht, ist, dass die Behörden Ashley ihre kleine Tochter Paige wegnehmen. Durch eine Entziehungskur und eine Selbsthilfegruppe findet Ashley ein bisschen ins Leben zurück: Doch in der Nacht bevor sie Paige wiedersehen kann, wird sie von einem flüchtigen Mörder als Geisel genommen. - Klingt unglaubwürdig? Als wären einem überambitionierten Drehbuchautor die Pferde durchgegangen? Stimmt. Ist aber ganz falsch. Denn so unglaublich der Plot des US-Thrillers "Captive" auch sein mag, er basiert auf wahren Begebenheiten, die sich 2005 in der Nähe von Atlanta, Georgia zugetragen haben. Das Leben schreibt eben doch die denkwürdigsten Geschichten - nur leider werden sie im Kino manchmal ziemlich banalisiert.

In ihrer kleinen Wohnung in einem Vorort von Atlanta wird Ashley zur Gefangenen eines Mannes, der keine Gefangenen macht. Brian Nichols (David Oyelowo) ist auf dem Weg zu einem Strafprozess wegen Vergewaltigung mit äußerster Brutalität aus dem Gericht ausgebrochen. Drei Leichen pflastern seinen Weg: Die Polizei erklärt ihn zum meistgesuchten Verbrecher Amerikas. Doch Nichols ist den FBI-Agenten John Chestnut (Michael K. Williams) und Sanchez (Leonor Varela) immer einen Schritt voraus und versteckt sich schließlich bei Ashley Smith.

Basierend auf dem Buch "Unlikely Angel" der echten Ashley Smith verfasste Brian Bird ein Drehbuch, das von US-TV-Veteran Jerry Jameson (Jahrgang 1934) als krude Mischung aus explosivem Thriller, brutaler Crime-Story und knisterndem Kammerspiel in Szene gesetzt wurde. Die stillen Szenen könnten eigentlich recht gut funktionieren, schließlich wurden für die Hauptrollen zwei überaus talentierte Stars aus Hollywoods junger Garde verpflichtet: Kate Mara ("House of Cards", "The Fantastic Four", "Der Marsianer - Rettet Mark Watney") und David Oyelowo ("Interstellar", "Selma") müssen als gescheiterte Existenzen einen Ausweg aus einer ausweglosen Situation finden.

Beide stecken in einer sehr ähnlichen Situation: Sie wollen eigentlich nur ihre Kinder sehen. Brian ist überhaupt erst ausgebrochen, als er erfahren hat, einen Sohn zu haben. Und Ashley versucht mit aller Macht, der Drogensucht Herr zu werden, um für ihre Tochter Paige wieder eine Mutter sein zu können. Voller Verzweiflung klammern sich sowohl Ashley als auch ihr Peiniger an einen letzten Strohhalm: das missionarische Selbsthilfebuch "Leben mit Visionen", aus dem Ashley beginnt, vorzulesen. In einer Nacht voller Angst und Terror retten sie sich dadurch gegenseitig das Leben.

Die Extremsituation, in der Ashley und Brian stecken, die Angst, die Verzweiflung, die Wut und die stille Kraft: Mara und Oyelowo können das spielen. Ihre Figuren leben, aber sie kämpfen auch gegen die Windmühlen eines betulichen Drehbuchs, dessen Zweck größtmöglicher missionarischer Eifer ist. Es ist zumindest befremdlich, wie sehr sich im Film das selbstbestimmte Leben immer stärker göttlichem Willen unterordnet. Ashley und Brian erfüllen einen Zweck, sie sind Werkzeuge Gottes - und akzeptieren ihr neues "Leben mit Visionen" einfach.

Mit Gottesfurcht lässt sich jegliches Unbill überwinden: "Captive" ist ein Film, der in den USA wahrscheinlich einen Nerv trifft. Das Amerika zwischen den Küsten liebt solche erbaulichen Geschichten. Sie geben Hoffnung in einer Zeit der Hoffnungslosigkeit - und lassen sich vortrefflich bei "Oprah" ausschlachten. Wenn man sich auf niemanden verlassen kann, Gott ist immer da. Anders gesagt: Die Verantwortung wird einfach in himmlische Gefilde abgeschoben.

Dass es am Ende der Mensch selbst ist, der sein Schicksal im Guten wie im Schlechten bestimmt, das passt nicht ins Bild. Weil es in der Welt auch dunkle Ecken gibt, für die man nicht die Verantwortung eben nicht übernehmen möchte. Dabei bietet gerade Ashley das beste Beispiel für selbstbestimmte Stärke, als sie sich weigert, mit ihrem Peiniger zusammen auf einen Drogentrip zu gehen und dadurch ihren Überlebenswillen weckt. Das Ratgeber-Buch hat sie zu diesem Zeitpunkt noch keines Blickes gewürdigt.

Quelle: teleschau - der mediendienst