Ich und Kaminski

Ich und Kaminski





Das Leben nach der Kunst

Hauptdarsteller Daniel Brühl, Regie Wolfgang Becker - da war doch mal was? - Richtig, 2003 war's, da kam die fulminante Wendekomödie "Goodbye, Lenin!" heraus. Katrin Sass lag im Koma und wachte auf. Um sie nicht wieder einen Anfall erleiden zu lassen, spiegelte ihr Daniel Brühl als Sohn das Fortbestehen des Sozialismus vor. Nun kommt uns Wolfgang Becker wieder mit einer Eulenspiegelei: "Ich und Kaminski" ist die Verfilmung eines Schelmenromans von Bestseller-Autor Daniel Kehlmann. Die Tragikomödie will dabei zwar wie die Romanvorlage eine Abrechnung mit dem Kunstbetrieb sein, zeigt aber vor allem die Demontage des überehrgeizigen, aber unbegabten Kunstjournalisten Sebastian Zöllner (Daniel Brühl), der sich den baldigen Tod des einstmals berühmten Malers Kaminski (Jesper Christensen) zunutze machen will.

Dass das alles zunächst so gar nicht in die Gänge kommt und sich auf der Suche nach dem in einem Alpen-Chalet zurückgezogenen Maler und dessen Familien-Entourage schier verzettelt, liegt an einer nicht sonderlich umwerfenden Idee des Autors in spe.

Der ehrgeizige, um Anerkennung ringende Nachwuchsschreiber will nämlich beweisen, dass der einstmals im Nachkriegs-Paris berühmt gewordene Maler Kaminski, der seine Bilder immer mit dem Slogan "Painted by a blind man" signierte, gar nicht blind gewesen sei. Und selbst falls diese Annahme falsch sein sollte, erhofft sich Zöllner, die Biografie des alten Mannes aus nächster Nähe erzählen zu können, hätte er ihm dann doch gewissermaßen an dessen Tisch und Bett beigewohnt.

Der Möchtegern-Autor, von Daniel Brühl leider viel zu brav gespielt, nistet sich also ein im Haus in den Schweizer Alpen, schnüffelt im Atelier und in den Schreibtischen des Malers herum, macht sich bei der Köchin beliebt und sorgt dafür, dass Kaminskis gestrenge Tochter (Amira Casar) für eine Weile nicht mehr den Wachhund spielt. Die Tischsitten des Jungmannes sind dabei, es ist nicht anders zu nennen, unter aller Sau, seine Beiträge zu den Gesprächen so auftrumpfend wie erbärmlich. Dass er nachts vors Haus pinkelt, wird in aller Ausführlichkeit gezeigt.

Wie gut, dass sich der Almbesuch alsbald zum Roadmovie wandelt: Sebastian lockt Kaminski mit einem Trick mit sich fort. Eine Jugendliebe des Malers sei gar nicht gestorben, wie geglaubt. Er wolle ihm das beweisen. So machen sie sich denn auf die Reise von den Bergen ans Meer, wo Kaminskis Muse wohnt. Auch das ist nicht wenig ermüdend, geht es doch - immer im Ungewissen, ob Kaminski nun blind sei oder auch nicht - an allerlei Tankstellen und Imbissen vorbei.

Alleine das Ende der Reise ist in seiner lapidaren Banalität bestechend. Da sieht man die gealterte Muse Therese (Geraldine Chaplin) vor dem Fernseher sitzend, an eine holländische Ausgabe des Millionärsquiz gebannt. Auch ihr getreuer Lebensgefährte, ein wahrhaft freundlicher Mensch und Hausmann, könnte nicht unbedarfter sein. Von Kunst jedenfalls weniger als jede Spur.

Es ist also die Auflösung der Kunst durch das Leben (und vor allem den Tod), die sich hier Wolfgang Becker vorgenommen hat. "Ich und Kaminski" wäre ohnedies viel zu altbacken, um als Abrechnung mit dem Kunstbetrieb zu funktionieren. So lebt die Verfilmung vor allem von den selbstironischen Scharmützeln zwischen Alt und Jung.

Am Ende sagt Kaminski den ziemlich weisen Satz: "Das Alter ist etwas Absurdes - man ist da und auch nicht!" Und dann malt er nochmal seine Signatur in den flämischen Sand, während Sebastian, der erfahren muss, dass längst ein anderer mit der Biografie des betagten Kunstmalers beauftragt ist, sein Diktafon ins Meer schmeißt, mit all den blöden Aufzeichnungen.

Gute Romane sind schwer zu verfilmen, erst recht, wenn wie in Kehlmanns Vorlage der Jungjournalist die Geschichte aus seiner Perspektive erzählt. Aber auch trotz vielfach angewandter Morphing-Tricks zwischen Filmbild und Malerei, trotz frappierender, teils gefakter Schwarz-Weiß-Dokumente aus dem Kunstbetrieb im Paris der 60er-Jahre (es grüßen Andy Warhol und Co.) fehlt es dieser Eulenspiegelei nach dem Motto: "Du warst - ich werde berühmt!" letztlich an der nötigen Durchschlagskraft.

Quelle: teleschau - der mediendienst