Everest (3D)

Everest (3D)





Tödlicher Tourismus

Wildgewordene Dinosaurier sahen wir bereits auf der Leinwand, Flutwellen gigantischen Ausmaßes, ebenso alles zerstörende Meteoriten und bizarre Aliens auf fremden Planeten. Ja gar Ausflüge in abenteuerliche Dimensionen jenseits von Raum und Zeit. Selten jedoch jene völlig real existierende lebenswidrige Hölle, die auf dem höchsten Berg der Erde herrscht. Mit seinen 8.848 Metern Höhe ist der Mount Everest ein menschenfeindlicher Ort. Einer, der ungeahnte Sehnsüchte weckt - nicht nur bei Extremsportlern und bärtigen Forschern, sondern auch bei abenteuerlustigen Amateuren, die den Berg um jeden Preis bezwingen wollen. Mitreißend gespielt zeigt das auf realen Ereignissen basierende Bergsteiger-Drama "Everest" in beeindruckenden 3D-Bildern, dass der Everest keinen Platz für Abenteuer-Massentourismus bietet.

So läuft es im Kapitalismus: Was Gewinn bringt, wird gemacht. Danach handelte in den geldseligen 90er-Jahren auch Rob Hall, ein erfahrener Bergsteiger und Unternehmer. Von Jason Clarke im Film herausragend verkörpert, ist der Neuseeländer Gründer und Chef eines Dienstleisters namens Adventure Consultings, der besteigungswillige Nicht-Profis auf den Everest bringen will. Für jede Menge Geld, versteht sich: 65.000 Dollar kostet der Trip auf den höchstgelegenen Punkt der Erde, eine Gipfel-Garantie gibt es nicht.

Kein Grund, sich auf das Abenteuer nicht einzulassen - denken sich zumindest die Teilnehmer jener verhängnisvollen Expedition im Mai 1996, von der "Everest" erzählt. Die Zusammensetzung der damaligen Truppe scheint wie gemacht für ein zünftiges Drama, ihre Besetzung in der filmischen Umsetzung erweist sich als Glücksgriff: Da wären unter anderem der Briefträger Doug Hansen (John Hawkes), der Pathologe Beck Weathers (Josh Brolin) und die japanische Personalchefin Yasuko Namba (Naoko Mori), zudem der Journalist Jon Krakauer (Michael Kelly), der von der Besteigung berichten soll.

Auch die echten historischen Ereignisse machen es dem Drehbuch leicht: Mit Scott Fischer besitzt der gutmütige Hall einen zunächst zwielichtigen, unangenehm kumpelhaften Konkurrenten, den Jake Gyllenhaal mit überzeugender Ambivalenz zu spielen versteht. Und: Fischer will seine Truppe unter Fahne seines Unternehmens Mountain Madness nach Tagen ungemütlichen Unwetters am selben Tag nach oben schicken wie Hall. Da im Basislager und auf dem Weg zum Gipfel ein Treiben wie am Ballermann herrscht, schließen sich beide Teams schließlich widerwillig zusammen, um die härtesten Passagen mit gegenseitiger Hilfe zu überwinden.

Es wird nichts nützen: Am Ende des fürchterlichen Tages lassen acht Menschen ihr Leben am Mount Everest. Illustriert von mitreißenden 3D-Aufnahmen, die dem Zuschauer tatsächlich eine Ahnung jener gigantisch unwirtlichen Eiswelt vermitteln, nimmt die Tragödie ihren Lauf. Trotz der im Wortsinn überwältigenden Naturkraft stellt Regisseur Baltasar Kormákur auch in den schmerzlichsten Momenten die menschlichen Dramen gleichauf: Der verantwortungsbewusste Hall, dem es nicht gelingt, seine Gruppe vor dem Schlimmsten zu bewahren. Der letztlich erstmals selbst am Berg scheitert, dabei halb erfroren per Telefon noch seiner Frau (Robin Wright) gut zuspricht. Der ehrgeizige Angeber, den die Schneeblindheit außer Gefecht setzt. Und der körperlich schwache kleine Mann, der schon einmal kurz vor dem Gipfel absteigen musste, und es nun trotz enormem Risikos um alles in der Welt schaffen will.

Und immer wieder: Der hoffnungslose Kampf des winzigen Wesens Mensch gegen die überwältigende Natur. "Everest" zeigt: So umfänglich wir uns die Natur auch aneignen, vollständig wird es uns nie gelingen. Kormákur schafft mit "Everest" nicht nur ein emotionales, hochspannendes Biopic sowie ein bildgewaltiges historisches Drama, sondern auch eine Art allgemeines Gleichnis: Die Suche nach Lebenssinn im Bändigen einer Gewalt, die nicht zu bändigen ist, funktioniert auch in hochtechnologischen Zeiten noch immer nur unter Lebensgefahr als verkäufliche Ware.

Quelle: teleschau - der mediendienst