Jürgen Vogel

Jürgen Vogel





Modernes im "alten" Fernsehen

Die besten Serien der Welt kommen erst gar nicht ins deutsche Free-TV oder werden - lange nach ihrer eigentlichen Premiere - in Nischensendern oder zu nächtlichen Zeiten versendet. Was kann man gegen dieses Dilemma tun? Vielleicht sollten öffentlich-rechtliche Sender wie das ZDF selbst solche Serien drehen, empfiehlt Schauspieler Jürgen Vogel. Der 47-Jährige ist ab Freitag, 25. September (20.15 Uhr, ZDF), als "Blochin" zu sehen. Der moderne Großstadtthriller seines Freundes und Stammregisseurs Matthias Glasner ("Der freie Wille", "Gnade") erzählt von Verbrechern, durchwachsen integren Cops und ebensolchen Politikern im Berliner Großstadtdschungel des Jahres 2015.

teleschau: "Blochin" ist fürs deutsche Fernsehen, das sich mit anspruchsvollen Serien schwertut, ein bemerkenswertes Projekt. Wie haben Sie das beim Sender durchbekommen?

Jürgen Vogel: Matthias Glasner und ich haben ja schon viele Projekte gemeinsam gemacht - ganz oft zusammen mit dem ZDF. Bei "KDD - Kriminaldauerdienst" war Matthias Chefautor und Regisseur der ersten vier Folgen. Schon das war eine außergewöhnliche Serie, die viel Aufsehen erregt hat. Bei "Blochin" ist es so, dass wir erst mal einen 90-minütigen Pilotfilm gedreht haben, der ein ziemlich offenes Ende hatte. Natürlich haben wir gehofft, dass wir danach weitermachen dürfen. Die Verantwortlichen beim ZDF waren offensichtlich ebenso gespannt, wie es weitergeht (lacht). Deshalb gibt es jetzt "Blochin", die Serie ...

teleschau: Was macht "Blochin" besonders?

Vogel: Formal würde ich sagen, es ist die erste komplett horizontal, also fortlaufend erzählte deutsche Serie auf diesen prominenten Sendeplätzen. Inhaltlich kommt hinzu, dass es bei "Blochin" endlich mal nicht darum geht, wie sympathisch die Hauptfiguren sind, sondern wie spannend sie sich darstellen und entwickeln. Es gibt kein schwarz oder weiß, sondern viele Grautöne. Wie im echten Leben.

teleschau: Man sagt, wer anspruchsvolle Serien schaut, tut dies hierzulande nicht im klassischen Fernsehen, sondern auf DVD, bei Streaming-Diensten oder im Pay TV.

Vogel: Ja, aber "Blochin" gibt es eben nur beim ZDF. Deshalb ist dieses Experiment auch so spannend. Wenn Kritik und Publikum verstehen, was wir da wollen und es gut finden, wird es in Zukunft mehr Serien wie diese im öffentlich-rechtlichen Fernsehen geben. Das empfände ich als äußerst erstrebenswerten Zustand. Vielleicht ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt dafür, so etwas zu probieren.

teleschau: Sie haben "KDD" angesprochen, ein Format, das von 2007 bis 2010 drei Staffeln beim ZDF erhielt. Sie wurden von der Kritik gefeiert, vom breiten Publikum aber gemieden. Wie hat sich das Fernsehen in Sachen Serie seitdem verändert?

Vogel: Es hat sich innerhalb dieser fünf bis acht Jahren komplett verändert. Die Leute schauen ihre amerikanischen, englischen, skandinavischen oder französischen Qualitätsserien heute nicht mehr im klassischen Fernsehen. Sie gucken sie so, wie man einen spannenden Roman liest. Man arbeitet sich immer dann weiter vor, wenn man Zeit und Lust dazu hat. Man schaut unabhängig von Sendezeiten über DVDs, Streaming Dienste und so weiter. Nicht selten entwickelt man eine Sucht für den Stoff und will immer weitergucken. Doch wir dürfen nicht vergessen: Fernsehsender sind gleichzeitig auch Streaming Dienste, denn es gibt die Mediatheken. Wenn man sich deren Nutzungszahlen anguckt, wächst das Publikum dort gerade rasant. Dieser Entwicklung wollen wir mit "Blochin" folgen. Direkt nach Ausstrahlung der ersten Folge gibt es die Serie komplett in der ZDF-Mediathek. Man kann also die kompletten sechs Stunden dort gucken, was ich ganz toll finde. So etwas wäre zu Zeiten von "KDD" unvorstellbar gewesen.

teleschau: Aber braucht man das lineare Fernsehen dann überhaupt noch, um eine solche Serie zu zeigen?

Vogel: Na klar, noch haben wir ja viele Millionen Zuschauer, die jeden Abend, selektiv oder weniger selektiv, den Fernseher einschalten. Sollte mal irgendwann der Fall eintreten, dass ein Programm in der Mediathek vier Millionen Abrufe hat und im Fernsehen schauen es nur noch 500.000, können wir noch mal über diese Frage reden. Aber so weit sind wir noch nicht. Ich finde es ja auch immer noch gut, dass Filme oder Serien mit Termin gezeigt werden. Dass man sich zur gleichen Zeit hinsetzt, etwas schaut und vielleicht danach oder am nächsten Tag darüber diskutiert.

teleschau: In "Blochin" spielen Sie mal wieder eine dunkle, schweigsame Figur, die unter großer Spannung zu stehen scheint. Sind das Figuren, die sie persönlich besonders interessieren, oder ist das auch ein Rollenklischee - das eben mit Ihnen im Film gut funktioniert?

Vogel: Nun, ich drehe eben viel mit dem gleichen Autor und Regisseur. Matthias Glasner, der auch ein enger Freund ist, kennt mich wahnsinnig gut. Gemeinsam haben wir sicherlich auch ein Faible für solche Figuren. Sie interessieren mich auch unabhängig davon, ob ich sie selbst spiele oder nicht: Figuren, die am Abgrund entlang wandeln. Die sich Dinge zu tun trauen oder Dinge tun müssen, von denen sich andere Menschen fernhalten. Wenn ich selbst Zuschauer bin, will ich am liebsten an die Hand genommen werden und in Welten eintauchen, die ich zuvor nicht kannte. Deshalb fand ich zum Beispiel eine Serie wie "Dexter" so außergewöhnlich gut. Da ging es um einen Forensiker, der selbst Massenmörder ist. Oder auch "Californication", wo es um Sexsucht und Drogen in Hollywood geht. Es sind diese dunklen, fremden Welten, die mich als Schauspieler und Konsument von Stoffen gleichermaßen interessieren.

teleschau: Blochin, die Figur, ist ein Mann ohne Vergangenheit - weil er sich an seine Kindheit nicht erinnern kann. Ist dies das Radikale, Fremdartige an der Figur?

Vogel: Erst in zweiter Linie, würde ich sagen. Blochin hat ja eine Erinnerung an die Vergangenheit - ab einem gewissen Alter. Nur da war er eben ein Krimineller. Später hat ihn sein Schwager zur Polizei geholt. Das Spannende an Blochin ist für mich vor allem seine Zerrissenheit. Er will ein guter Polizist sein, seine Kumpels aus der kriminellen Vergangenheit aber nicht hängenlassen. Er möchte ein guter Ehemann und Vater sein, andererseits ist er nie da. Es ist natürlich überspitzt, spiegelt aber eine Zerrissenheit wider, die viele von uns kennen. Auch deshalb ist Blochin eine äußerst spannende Figur.

teleschau: Wie gut wollen Sie als Schauspieler Ihre Figur tatsächlich kennen? Ist es ideal, möglichst viel zu wissen, oder kann es auch manchmal reizvoll sein, wenn man als Schauspieler nicht alles über die Figur weiß?

Vogel: Ich finde Geheimnisse durchaus reizvoll. In meiner Arbeit spiegelt sich das so wider, dass ich öfter einfach spiele, ohne mir zu viele Gedanken zu machen. Das heißt, ich lese ein Buch und fange direkt an zu spielen - aus dem Bauch heraus. Meinen Kopf versuche ich aus diesem Prozess rauszuhalten. Erst wenn es Probleme gibt, also irgendwas nicht stimmt, wird es besprochen. So zu arbeiten, entspricht meiner Idee von Schauspiel schon irgendwie.

teleschau: "Blochin" ist auch eine Art Bestandsaufnahme des heutigen Berlins. Die Stadt ist faszinierend, brutal, einfach unheimlich schnell und hektisch. Ist die Serie auch das Porträt einer zerrissenen Stadt?

Vogel: Ja, finde ich schon. In Berlin liegt das Sterne-Restaurant direkt neben der Spielothek. Verschiedenste Dinge finden am gleichen Ort statt. Neben dem Verbrechen gibt es auch viel Politik - was wir ja auch in der Serie thematisieren. Ich selbst merke das bei vielen Kulturveranstaltung wie der Berlinale. Überall wimmelt es von Politikern, die sich von der Kultur berieseln oder auch inspirieren lassen, die vielleicht auch ein Teil dieser Kultur sein wollen. Auch das ist so ein merkwürdiges, typisches Berlin-Gemisch. Und natürlich darf man nicht vergessen: In dieser Stadt existiert sehr viel Armut. Berlin kann ein wunderbares Paradies sein, und direkt um die Ecke ist die Hölle. Letztendlich sind das aber die Kennzeichen einer großen Metropole. In Paris, New York oder London, wird man ähnliche Phänomene finden.

teleschau: 1998 spielten Sie im Film "Das Leben ist eine Baustelle". Auch das war damals ein Berlin-Porträt, das die schnellen Veränderungen dieser Stadt einfing. Wie hat sich Berlin in diesen 18 Jahren verändert?

Vogel: Berlin ist zum Teil immer noch eine Baustelle. Bei der Verkehrs- und Stadtplanung erkenne ich kein Konzept. Eigentlich müsste man alle Verantwortlichen dort einfach feuern und durch neue Leute ersetzen. Ich glaube, nur in Berlin ist es möglich, dass man beispielsweise zwei oder drei Hauptverkehrsadern zwischen dem Osten und Westen der Stadt gleichzeitig dicht macht und zur Baustelle deklariert - weswegen der Verkehr natürlich völlig zusammenbricht. Offensichtlich gibt keine Absprachen und keinen Plan, das Chaos regiert. Insofern ist Berlin immer noch eine Baustelle, aber - wie durch ein Wunder - vieles ist dann doch irgendwann fertig geworden (lacht).

Quelle: teleschau - der mediendienst