Joachim Witt

Joachim Witt





Bloß keine Altersruhe

Er spielte bereits in jungen Jahren in einer Rockband, landete mit "Goldener Reiter" einen der größten NDW-Hits und schaffte mit härteren Klängen und der Single "Die Flut" Ende der 90er-Jahre ein Comeback: Joachim Witt ist eine der vielseitigsten Figuren der deutschen Musikszene. Doch nicht nur mit seinen Stilwechseln, sondern auch mit seinen eindringlichen Texten setzt er immer wieder Akzente. Dabei gewährt der heute 66-Jährige tiefe Einblicke in seine Seelenwelt und legt den Finger energisch in gesellschaftliche Wunden. Das tut oft weh, eröffnet aber stets auch Raum für neue Perspektiven. Seit seinem Comeback-Album "Dom" (2012) erlebt Witt nun seine vielleicht produktivste Schaffensphase. Mit "Ich" veröffentlicht er das dritte Album in kurzer Folge und geht künstlerisch und finanziell mehr ins Risiko als je zuvor, wie er im Interview erklärt.

teleschau: Nachdem es eine Weile ruhig um Sie geworden war, erscheint nun mit "Ich" bereits Ihr drittes Album innerhalb von drei Jahren. Was ist passiert?

Joachim Witt: Nach "Bayreuth 3" erlebte ich eine längere Phase der Orientierungslosigkeit. Ich wusste einfach nicht mehr, wo ich musikalisch anknüpfen sollte, weil ich schon so viel gemacht hatte und mich nicht wiederholen wollte. Außerdem war ich computermüde geworden. Seit es das Medium Computer gab, hatte ich meine Stücke daran komponiert. Und plötzlich hatte ich keine Lust mehr dazu. Ich bin dann erst einmal drei Jahre nach England gegangen ...

teleschau: Um den Kopf freizubekommen?

Witt: Ja, und um richtig runterzukommen. Das war eine sehr reinigende Erfahrung für mich. Die Leute, mit denen ich in England zu tun hatte, waren absolute Krautrock-Fans. Die hatten alles von Can bis Amon Düül in den Regalen stehen und fanden es total geil, jemanden vor sich zu haben, der mit Jaki Liebezeit von Can zusammengearbeitet hat. Das inspirierte mich extrem. Wir jammten zusammen, und ich machte auch Musik - zwölf Minuten lange Retro-Nummern, wie früher in der Hippie-Zeit. Die sind mir aber nicht so gut gelungen, deshalb verwarf ich das dann wieder.

teleschau: Wie haben Sie dann die Kurve gekriegt und zu Ihrer Produktivität zurückgefunden?

Witt: Michelle Leonard, eine alte Freundin von mir, die sehr gut im Produzentenbereich vernetzt ist, war da eine große Hilfe. Sie fragte mich, was ich machen will und hat mir dann Mirko Schaffer vorgeschlagen, der mich als Produzent bei "Dom" unterstützte. Mir wurde in der Vorbereitung für das Album ziemlich viel abgenommen, bis auf das Texten und Singen - ist ja klar. Es war unheimlich erfrischend für mich, einfach mal andere machen lassen. Vor allem musste ich nicht am Computer sitzen.

teleschau: Und bald darauf kam ja auch schon "Neumond" heraus ...

Witt: Richtig. Dabei war mir Martin Engler von Mono Inc behilflich, der gerne ein Duett mit mir machen wollte. Daraus entwickelte sich dann eine weitergehende Zusammenarbeit. Nach diesen beiden Exkursionen hatte ich wieder Blut geleckt und dachte, jetzt musst du mal alles in deine eigenen Hände nehmen und ganz authentisch arbeiten. Auch die Lust zu komponieren war zurückgekommen, allerdings wollte ich keinen konventionellen Plattendeal mehr.

teleschau: Weil Plattenlabels einem zu sehr ihre eigenen Vorstellungen aufdrängen?

Witt: Da kann ich mich eigentlich nicht beklagen. Wenn du ein- oder zweimal richtige Hits gelandet hast, rechnen die Labels immer damit, dass das nochmal passiert, und lassen dich in Ruhe. Außerdem bin ich ja kein reiner Interpret, sondern für Komposition und Texte selbst verantwortlich. Dadurch bin ich musikalisch nicht so angreifbar. Aber du verdienst durch die herkömmlichen CD-Verkäufe bei so einem Label einfach kaum etwas - es sei denn, du hast aufgrund besonderer Umstände extrem viel Glück. Deshalb überlegte ich mir, mich auch mit der Finanzierung unabhängig zu machen und probierte es mit Crowdfunding.

teleschau: Wie funktionierte das?

Witt: Es war ein Experiment, das aufgegangen ist. Die Aktion kam bei den Fans super an. Sicherheitshalber habe ich zusätzlich mit dem Plattenlabel SPV einen Deal. Die ließen sich auf dieses Modell ein. Ich fahre mit der Sache aber auch ein ganz schön hohes Risiko, und das macht mir schon zu schaffen.

teleschau: Risiko inwiefern?

Witt: "Ich" ist ein unheimlicher Bruch zu den vorherigen Alben. Da kann es leicht passieren, dass manche Fans es zu lahm finden und andere sagen werden, es ist nicht hart genug. Aber davon, wie das Album aufgenommen wird, hängt eben auch ab, ob ein zukünftiges Crowdfunding gelingt. Im schlimmsten Fall unterstützt nachher niemand mehr ein solches Projekt von mir, weil alle denken, der Witt bringt wieder so einen Blödsinn.

teleschau: Und trotzdem gehen Sie das Wagnis eines Stilwechsels ein?

Witt: Wenn man so arbeitet wie ich, kann das nicht ohne Rückschläge gehen. Ich erfinde mich ja ständig neu, anders als manche Kollegen, die einfach tun, was sie schon immer gemacht haben. Die riskieren damit natürlich nichts und müssen sich um ökonomische Fragen keine Sorgen machen.

teleschau: Was war Ihnen bei dem neuen Album denn wichtig?

Witt: Ich wollte einen ganz anderen Sound machen. Schon seit "Dom" hatte ich mir geschworen, harte Gitarrenattitüden zu vermeiden. Das machen schon zu viele Leute. Ich habe keine Lust, mich in eine künstlerische Gilde einzureihen, die sich gegenseitig nur kopiert.

teleschau: Enttäuscht es Sie persönlich, wenn einmal der Erfolg ausbleibt?

Witt: Wenn es wirtschaftlich nicht funktioniert, ärgert mich das. Ich bin zwar nicht in der Situation, wo ich mir wirklich Gedanken machen müsste, aber ich würde mir etwas mehr Luft wünschen. Was den künstlerischen Bereich betrifft, bin ich nicht traurig, wenn etwas nicht angenommen wird. Ich weiß ja, dass es authentisch ist, was ich tue, deshalb muss ich mir keine Vorwürfe machen. An der Stelle verspüre ich auch keinen Druck. Anders geht es mir mit meiner zeitlichen Perspektive. Die wird nämlich immer enger, je älter ich werde. Deshalb will ich jetzt auch jedes Jahr ein Album veröffentlichen.

teleschau: Bei aller musikalischen Experimentierfreude gibt aber auch Konstanten in Ihrer Arbeit. Ihre Texte sind immer sehr tiefgehend und persönlich.

Witt: Das stimmt. Ich arbeite in der Musik meinen Therapiebedarf auf. So konnte ich selbst schwierige Erfahrungen bisher immer gut verkraften. Ich habe kein Problem damit, sehr offen mit persönlichen Themen umzugehen. Ich bin sogar der Auffassung, dass es den Menschen helfen kann, wenn sie sich darin wiedererkennen und sich verstanden fühlen. Das ist dann so etwas wie ein außentherapeutischer Effekt.

teleschau: Wenn man sich auf Ihren Konzerten oder in den Kommentaren auf Ihrer Facebook-Seite umschaut, hat man tatsächlich oft den Eindruck, dass die Fans von Ihnen und Ihrer Musik sehr berührt sind.

Witt: Ja, und es bereichert mein Leben enorm, wenn ich so ein Feedback bekomme. Das ist ein richtig schönes Gefühl. Eben etwas völlig anderes, als einfach eine Arbeit abzuliefern, die funktioniert und einem Geld einbringt.

teleschau: Gemocht zu werden, wie man ist, ist ja auch etwas anderes, als für eine professionelle Maske bejubelt zu werden ...

Witt: Das sehe ich ganz unmittelbar bei Live-Auftritten. Da kommuniziere ich zwischendurch mit dem Publikum und haue spontan auch mal den ein oder anderen komischen Spruch raus. Dadurch spüren die Leute, dass ich einfach so bin - vielleicht ein bisschen kauzig, aber sie fühlen sich zuhause. Früher war das für mich schwierig, weil ich sehr angstbehaftet war und mich vor den Menschen fürchtete. Heute kann ich das aus meiner Erfahrung heraus ganz anders sehen. Ich muss mich nicht anmalen von oben bis unten. Es genügt, wenn ich authentisch rüberkomme, das ist alles.

teleschau: Denken Sie Ihr Alter spielt dabei auch eine Rolle?

Witt: Natürlich wird mir aufgrund meiner langjährigen Karriere und meines Alters auch eine Art von Respekt entgegengebracht. Aber man redet über mich nicht wie über einen alten Menschen, vermutlich weil ich durch meine Präsenz dieses Gefühl auch nicht vermittle.

teleschau: Macht Ihnen Ihre Tätigkeit heute mehr Spaß als früher?

Witt: Auf jeden Fall macht es mir mehr Freude in die Öffentlichkeit zu gehen, weil ich eine andere Selbstsicherheit und weniger Angst vor Fehlern habe. Wenn man einen Fehler macht, hat man etwas daraus gelernt - und das ist ja etwas Positives.

teleschau: Viele Ihrer Songs beinhalten gesellschaftskritische Aussagen, so auch "Hände hoch". Das Video spielt mit drastischen Motiven wie einer Gefängnisatmosphäre und unmenschlichen ärztlichen Behandlungsmethoden.

Witt: In "Hände hoch" geht es um einen Nonkonformisten mit abweichenden gesellschaftlichen Überzeugungen, der durch die Macht des Staates wieder "auf die richtige Spur gebracht" werden soll. Getreu dem Motto: "Für Abweichler haben wir ein spezielles Programm". Der Irrläufer soll wieder fit werden für das System. Wenn das nicht klappt, wird er einfach untauglich gemacht für alles andere. Das ist dann immer noch besser, als wenn er ein Abweichler bleibt.

teleschau: Die Schlusseinstellung erinnert mit Blütenkranz und blutigen Tränen gar an das Antlitz eines leidenden Christus.

Witt: Ja, diese Symbolik sollte transportiert werden. Es geht um die Themen "durch tiefe Täler gehen", "Menschen von Dingen überzeugen", "Heilen" ... Aber am Ende bleibt die Resignation. So etwas wie "Ich überlasse mich meinem Schicksal".

teleschau: Ein Motiv, das in Ihren Werken immer wieder auftaucht, ist das der Enttäuschung und der Hoffnung. Welche Enttäuschungen gehen denn besonders tief?

Witt: Die Enttäuschungen in Beziehungen. Beziehungen stehen für mich über allem, sogar noch über der Musik. Es ist mir wichtig, dass sich mein Privatleben so harmonisch wie möglich gestaltet, da bin ich extrem empfindlich. Meine früheren Beziehungen waren alle sehr unterschiedlich und vielschichtig, so dass ich viel daraus lernen konnte. Mittlerweile weiß ich genau, was mir gut tut und was ich nicht mehr brauche.

teleschau: Was machen Sie heute anders?

Witt: Ich habe zum Beispiel einen Horror vor der Erwartung, ich solle doch endlich mal "altersgerecht" an die Dinge rangehen. Viele Menschen in meinem Alter sind einfach schon so eingenordet und fordern diese Art von Altersruhe auch von anderen. Ich kann so aber nicht leben und auch nicht arbeiten, weil mich das nicht inspiriert. Deshalb suche ich mir die Umgebung, die mir gut tut.

teleschau: Was ist denn Ihre Vorstellung von einer idealen Partnerschaft?

Witt: Das absolute Vorbild, was Beziehungen betrifft, waren für mich meine Großeltern. Die waren ein Leben lang zusammen, was ein unheimlich romantischer Gedanke ist. Man merkte, dass die sich sehr liebten. Als Kind schon dachte ich mir, so etwas möchte ich auch mal haben. Leider habe ich das nicht geschafft, vielleicht durch meine seelische Beschaffenheit oder weshalb auch immer.

teleschau: In dem Song "Alles was ich bin" nehmen Sie ebenfalls Bezug auf positive Erfahrungen in Ihrer Familie und sprechen Ihrer Mutter auf sehr berührende Weise Ihren Dank aus.

Witt: Ich bin meiner Mutter zu großem Dank verpflichtet, das wollte ich einfach mal zum Ausdruck bringen. Unsere Beziehung war sehr eng und sie achtete immer darauf, dass ich im Leben das mache, was mir gut tut. Sie unterstützte mich in jeglicher Form, so dass ich mit dem weitermachen konnte, was mir am Herzen lag - auch durch wirtschaftlich schwierige Phasen hindurch, die es ja immer wieder gab. Vielleicht ist das ja auch ein Anreiz für andere Menschen wertzuschätzen, was Ihnen Positives von ihren Eltern mitgegeben wurde.

Quelle: teleschau - der mediendienst