Patrick von Blume

Patrick von Blume





"Den Sonnyboy kann ich nicht"

Ob es nun an den markanten Gesichtszügen oder an den abgründigen Interessen in der Jugend liegt: Patrick von Blume war in seinen Filmrollen bislang eher auf der dunklen Seite zu finden. Jetzt geht der gebürtige Schwabe erstmals selbst auf Verbrecherjagd. In der witzigen ARD-Krimiserie "Huck" (ab Dienstag, 15. September, 18.50 Uhr, Das Erste) spielt er einen abgehalfterten Privatdetektiv mit heruntergekommenem Büro im Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstatt. Sein Kumpel Cem (Aykut Kayacik) ist Ladenbetreiber und wird regelmäßig in die Ermittlungsarbeit miteinbezogen. Mit der Serie hat sich Patrick von Blume einen Kindheitstraum erfüllt: Die Filmmusik stammt aus der Feder des gelernten Klavierbauers. Im Gespräch verrät der 46-Jährige, woran er regelmäßig scheitert, weshalb er Krisen gut findet, und warum sein Leben ausgerechnet im Freibad eine neue Wendung nahm.

teleschau: Eigentlich kennt man Sie ja vor allem als Bösewicht. In der Vorabendserie "Huck" spielen Sie jetzt aber einen Privatdetektiv. Wie war es, die Seiten zu wechseln?

Patrick von Blume: Es war entlastend für mich, zu sehen, dass ich nicht festgenagelt bin auf der obskuren Täterseite. Andererseits habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Guten die Bösen brauchen, damit sie die Guten sein können. So ist es in Filmen, so ist es im Leben. Die einen haben den Job, sich an die Regeln zu halten, die anderen, sich nicht daran zu halten. Huck ist ein Ausnahmefall, er bewegt sich irgendwo dazwischen.

teleschau: Wie ging es Ihnen mit dieser Grenzwanderung?

von Blume: Ich mag es, dass einer im Fokus steht, der nicht eindeutig einer Richtung zuzuordnen ist. Einer, der beides in sich trägt. Ein Guter, der gebrochen ist. Das kommt mir entgegen, weil ich diese geradlinige Sonnyboy-Nummer sowieso nie schaffe. Ich versuche es zwar manchmal, aber es funktioniert nicht.

teleschau: Also gibt es durchaus Parallelen zwischen Ihnen und der Figur?

von Blume: Absolut. Ich hatte sogar das Gefühl, dass ich ihn gar nicht spielen muss. Ich lese die Texte, wir sprechen die Szene durch, und dann mache ich das einfach. Der Huck ist mir sehr nahe. Er ist locker und gelassen, dabei gefühlvoll und emotional, wenn's sein muss, packt er auch mal zu. Und dieses leicht Verpeilte, dieses Neben-sich-stehen und einen etwas anderen Blick auf die Wirklichkeit haben, ist mir nicht fremd.

teleschau: Im Gegensatz zu Ihrer Rolle leben Sie in festen Familienbanden ...

von Blume: Ja, ich habe irgendwann den Schritt gemacht und gesagt: "Ich möchte eine Familie haben." Ich habe Strukturen aufgebaut, auf die ich mich verlassen kann, mit denen ich glücklich bin. Das hat Huck nicht. Er lebt in einer Sehnsucht nach seiner Anwältin und ist in dieser ewigen Liebe gefangen.

teleschau: Ob das mit den beiden noch was wird?

von Blume: Vielleicht in Folge 259, keine Ahnung.

teleschau: Kennen Sie das, nach Krisen, die viel Kraft gekostet haben, wieder durchzustarten?

von Blume: Ja, klar. Das sind Situationen, die sich erst mal unangenehm anfühlen. Gleichzeitig bergen sie ein großes Potenzial in sich, weil sie einen dazu auffordern, Energien zu investieren, um darüber hinwegzukommen und die nächste Stufe zu erreichen. Ohne Krisen kann man sich nicht weiterentwickeln.

teleschau: Also haben Sie persönlich auch die Stehaufmännchen-Qualitäten eines Huck?

von Blume: Es geht immer weiter, egal wo man gerade steht. Und es ist ja so, dass ich mich nicht in der gefühlt ausweglosen Situation befinde, weil Gott - oder wer auch immer - mich nicht mag, sondern weil ich selbst die Lage so geschaffen habe, um mich weiterzuentwickeln. Weil es so wie bisher nicht mehr weitergeht. Der Prozess kann sehr schmerzhaft sein.

teleschau: Apropos Herzschmerz. Sie haben den Titelsong und weitere Lieder für die Serie verfasst. Wie kam es dazu?

von Blume: Das Angebot für die Rolle kam aus heiterem Himmel, ich war gerade im Urlaub. Es gab kein Casting, sondern direkt die Anfrage. Noch bevor ich das Drehbuch gelesen habe, habe ich mir Huck so vorgestellt: Abends besoffen vor dem Klavier, wie er Tom Waits-Musik auf Schwäbisch spielt.

teleschau: Und weil Sie schon die Musik im Ohr hatten, haben Sie gleich vorgeschlagen, die Film-Musik beizusteuern ...

von Blume: Ungefähr so ist das gelaufen. Ich habe mehrere Tom-Waits-Lieder eingespielt sowie den Titelsong in schwäbischer Mundart verfasst und gemeinsam mit dem Filmkomponisten ausgearbeitet. Daraus ist die Platte "Mit Herz und Faust" entstanden, die zum Sendestart rauskommt.

teleschau: Worum geht es in den Liedtexten?

von Blume: Die sind durchaus biografisch zu verstehen, aus Hucks Sicht. Das Stück "Mit ma Zahnarzt liiert" etwa handelt davon, dass er viele Frauen hatte, aber immer nur die eine wollte. Sie liebt ihn zwar auch, hat sich aber trotzdem nie auf ihn eingelassen, weil er es nicht geschafft hat, ihr Vertrauen zu gewinnen. Am Ende heiratet sie den Zahnarzt. Das ist eine Tragik, die zu Huck passt.

teleschau: Hatten Sie vorher schon Songs geschrieben?

von Blume: Ja, das mache ich seit langer Zeit. Ich habe aber nie welche veröffentlicht. Das ist die Premiere.

teleschau: Wie fühlt sich das an?

von Blume: Genial. Es ist ein Kindheitstraum, der in Erfüllung geht. In meiner Jugend war die Musik meine große Leidenschaft. Ich habe Klavier gespielt und bin in Bands aufgetreten. Nach dem Abitur habe ich eine Lehre zum Klavierbauer gemacht. Damit habe ich auch meine Anfänge als Schauspieler finanziert. Und auch später, wenn ich berufliche Löcher hatte, habe ich das noch gemacht.

teleschau: Warum sind Sie weg vom Handwerk?

von Blume: Weil ich gemerkt habe, dass ich auf der falschen Seite stehe. Dass ich für Künstler arbeite, aber lieber selber einer wäre. Das war so eine Krise, so ein Scheideweg. Es gab den Moment, in dem ich wusste, so kann ich nicht weitermachen. Da bin ich nach Berlin gezogen und eher zufällig in eine Schauspielklasse reingerutscht, in eine private Hinterhofklasse mit einem tollen Lehrer.

teleschau: Wie rutscht man denn zufällig in eine Schauspielklasse?

von Blume: Das waren die 90-Jahre, und ich war ein absoluter Quentin-Tarantino-Fan. Abgesehen davon hatte ich wenig mit Film und schon gar nichts mit der Schauspielerei am Hut. Aber ein Freund hat mir begeistert von seiner Schauspielausbildung erzählt. Als ich seinen Lehrer zufällig im Freibad getroffen habe, kam es dazu, dass ich bei ihm ein Jahr lang gelernt habe. Danach bin ich zum Off-Theater, habe Kurzfilme gedreht, dann wieder Klaviere geschraubt, bis ich schließlich bei Film und Fernsehen gelandet bin.

teleschau: Und irgendwann auch die Titelrolle in einer Serie angeboten bekommen haben. Wie lange haben Sie überlegt?

von Blume: Gar nicht. Ich habe mich sehr über das Angebot gefreut, weil ich endlich einmal eine Geschichte fertig erzählen kann und nicht aus dem Film rausfalle, sobald der Verdächtige abgefrühstückt ist. Einmal den ganzen Bogen spannen und nicht ständig von Set zu Set hoppen: Darauf hatte ich große Lust.

teleschau: Als weiterer Bonus kommt hinzu, dass Sie zum Teil in Ihrem Mutterdialekt spielen. Wie sehr fühlen Sie sich in der schwäbischen Mundart zu Hause?

von Blume: Ich habe als Kind und Jugendlicher nur Dialekt gesprochen. Ich fühle mich dem sehr verbunden. Ich finde, im Hochdeutschen geht vieles verloren.

teleschau: Was geht denn verloren?

von Blume: Die Emotionalität, die über die Sprachfärbung artikuliert wird. In der Mundart zu spielen, ist für mich eine Offenbarung, weil sie einen direkten Zugriff auf mein Inneres ermöglicht.

teleschau: Gibt es typisch schwäbische Ausdrücke, die Sie gerne verwenden?

von Blume: Flüche natürlich, etwa Heilandzack! Und dann gibt es so herrliche Redensarten, wie "Was heißt 'Herzlich Willkommen' auf Schwäbisch?" - "Jo, jetzt kommet se halt rei...".

teleschau: Charakterisiert das den Menschenschlag?

von Blume: Die Schwaben sind schon ganz schön rau, andererseits kann man es bei ihnen richtig gut haben. Aber eigentlich will ich solche Fragen gar nicht beantworten. Ich mag es nicht, die Leute einzusortieren. In Berlin, wo ich seit 20 Jahren lebe, sind die Schwaben vielen Vorurteilen ausgesetzt. Nur weil irgendeiner einmal am Prenzlauer Berg ein Haus gekauft und die Mieter rausgeschmissen hat, kann man nicht gegen die Schwaben per se wettern. Sich über lokale Eigenheiten lustig zu machen, kann aber genial sein, wie das etwa im Onlineformat "Prenzlschwäbinnen" gemacht wird. Stigmatisieren ist aber miserabel! Jeder Mensch unterscheidet sich komplett vom anderen.

teleschau: Eine Offenheit, mit der Sie in der Hauptstadt vermutlich ganz gut fahren...

von Blume: Das stimmt. Ich komme aus der kleinen Stadt Ravensburg in Oberschwaben und hatte es dort ziemlich schwer. Es gab nicht viele Gesprächspartner für mich, die wenigen habe ich jeden Abend getroffen. Als ich dann in Berlin war, habe ich festgestellt: Da steht an jeder Ecke einer, mit dem ich mich austauschen kann. Deshalb bin ich dort geblieben. Ich konnte mich endlich mit den Themen auseinandersetzen, die mich bewegt haben. In Berlin ist es kein großes Ding, wenn man ein bisschen anders tickt als andere.

teleschau: Kein Heimweh?

von Blume: Doch. Mein Herz schmerzt schon, weil ich nicht mehr in der Natur lebe und es meinen Kindern nicht ermöglichen kann, direkt hinterm Haus in den Wald zu laufen. Auch die Familie und alte Freunde fehlen mir.

teleschau: Was waren denn die Dinge, die Sie in Ihrer Jugend gerne besprochen hätten?

von Blume: Musik, Abgründe, Grenzwertiges. Alles was nicht in die feste Struktur aus Schule, Ausbildung, Arbeit und Familie passt. Mich hat es immer beunruhigt, dass ich diesem Konzept nicht entsprochen habe.

teleschau: Gab es eine Phase, in der Sie sich da reinquetschen wollten?

von Blume: Ja, das habe ich immer versucht. Aber es ist schön, jetzt sagen zu können: "Ich muss das gar nicht. Ich darf so bleiben, wie ich bin."

Quelle: teleschau - der mediendienst