Boy

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Einmal bescheiden um die Welt

Boy sind Lichtjahre entfernt von einfacher Mädchen-Musik. Doch die Zürcherin Valeska Steiner (Text und Gesang) und die Hamburgerin Sonja Glass (Instrumentals und Gesang) sind zu bescheiden und freundlich, um sich gegen eine solche Bezeichnung mancher Medien zur Wehr zu setzen. In Wirklichkeit machen Boy erwachsenen, intelligenten und eingängigen Folk-Pop. Und der kommt an! Das Debütalbum "Mutual Friends" schaffte es bis auf Platz neun der deutschen Albumcharts. Am 21. August erscheint das Nachfolgewerk "We Were Here", auf dem jedes Stück wie eine Kurzgeschichte daherkommt, eine Erzählung, die den Hörer jeweils in eine andere Stimmung entführt. Im Interview sprechen die beiden unter anderem darüber, dass dazu eine gewisse Sehnsucht vonnöten ist.

teleschau: In Ihren Texten geht es um Gefühle wie Angst, Traurigkeit und Verzweiflung, aber auch um Freude. Sind Sie sehr emotionale Menschen?

Sonja Glass: Ja klar, unbedingt.

Valeska Steiner: Egal, auf welche Art man kreativ ist: Man ist angewiesen auf Emotionen. Sie sind das Futter, das einen zu jeglicher Art von Ausdruck treibt. Das gibt auch vor, aufmerksam zu sein, sodass man diese Gefühle bei sich und anderen erkennt.

teleschau: Und wie wird dann bei Ihnen ein Lied daraus?

Glass: Wir empfinden den Prozess, der zu einem Song führt, als so etwas wie eine "Forschungsarbeit". Zuerst schreibe ich die Musik und mache kleine Arrangements. Das schicke ich an Valeska, die dann einen Text dazu verfasst. Schließlich beginnt die Abstimmungsarbeit. Manchmal ist es aber auch so, dass sie schon einen Text verfasst hat, wie zum Beispiel bei "New York". Da haben wir dann drei musikalische Variationen gebraucht und sind schließlich zur ersten wieder zurückgekommen. Die anderen Versionen haben uns eben nicht so berührt.

Steiner: Und wenn es uns schon nicht berührt, dann berührt es keinen und wir erreichen auch niemanden mit unseren Liedern.

teleschau: Passiert es dann auch mal, dass einer sagt: "So hab ich mir das aber nicht vorgestellt"?

Glass: Dass es Sachen gibt, die dem anderen nicht gefallen, ist klar. Es ist eine ständige Auseinandersetzung miteinander, bis beide glücklich sind. Oft verändern sich so die Ideen und wir finden eine komplett andere Richtung.

teleschau: Streiten Sie sich auch manchmal?

Steiner: Ja, wir streiten (lacht). Wir hören sehr oft, dass wir so harmonisch erscheinen. Aber wenn man so eng zusammenarbeitet und so viel Zeit miteinander verbringt, ist man einfach auch mal unterschiedlicher Meinung. Trotzdem steht immer über allem, dass wir gute Freundinnen sind und dass wir zusammen diese Band haben möchten. Da muss man einfach Wege finden, sich zu einigen.

Glass: Es ist wie in einer guten Partnerschaft. Wir machen ja jetzt schon seit zehn Jahren zusammen Musik. Wenn wir da die Dinge nicht klären und uns nicht aussprechen würden, würde es irgendwann schwierig werden. Ich merke, dass ich in dieser Freundschaft irre viel lerne.

teleschau: Kehren Sie auch mal einen Konflikt unter den Teppich?

Glass: Nein. Wir klären das immer sehr schnell.

Steiner: Bei Paaren sagt man ja, man soll nie zerstritten ins Bett gehen. Wir können nicht im Streit auf die Bühne. Deshalb müssen wir Konflikte auch schnell klären. Mal macht die eine den ersten Schritt, mal die andere.

teleschau: Sie lernten sich bei einem Workshop an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg kennen. Erinnern Sie sich an den Moment, in dem Sie merkten, dass Sie zusammen eine Band gründen wollen?

Glass: Ja. Ich wusste das sofort, als ich Valeska bei einem Vorsingen hörte. Ich fragte sie sofort. Sie hatte etwas Besonderes und ihre Stimme hat mich sehr berührt. Für mich war klar: Mit ihr möchte ich in einer Band spielen!

Steiner: Bis es dann wirklich losging mit Boy, dauerte es aber noch eine Weile. Ich ging nach dem Popkurs zurück nach Zürich. Als ich dann zweieinhalb Jahre später nach Hamburg zog, schrieb ich Sonja und fragte sie, ob wir unsere Zusammenarbeit nicht wieder aufleben lassen wollen.

Glass: Ich hatte bis dahin in vielen verschiedenen Bands gespielt. Mit Valeska hatte ich dann das Gefühl, dass es sich nach etwas anfühlt, das wirklich Bestand haben könnte.

teleschau: Und wie kam es dann zum Bandnamen "Boy"?

Steiner: Wir mögen einfach, wie er klingt und dass man ihn sich gut merken kann, weil man vielleicht im ersten Moment ein bisschen drüber stolpert.

teleschau: Inzwischen erlangten Sie internationalen Erfolg und tourten unter anderem in den USA und Japan. Wie ergeht es Ihnen mit der neuen Popularität?

Glass: Es ist ein bisschen komisch, das von sich selbst zu hören. Wir hatten bisher auf jeden Fall viel mehr Erfolg, als wir uns jemals erträumt haben.

teleschau: In Japan spielten Sie sogar in ausverkauften Hallen. Wie kam es denn dazu?

Glass: Unser Verlag arbeitet sehr eng mit einem japanischen Plattenlabel zusammen. Die fanden uns interessant und veröffentlichten unser letztes Album "Mutual Friends" dort. Unser Song "Little Numbers" ging dann auf Nummer eins der japanischen Airplay-Charts. Wir konnten es gar nicht glauben. Und so kam es, dass wir dort dann auch Konzerte spielen konnten.

teleschau: Der erste Hit aus ihrem neuen Album heißt wie die Platte selbst "We Were Here". Brachten Sie in die Single auch Ihre Tourerlebnisse mit ein?

Steiner: Der Song wird oft so verstanden. Doch uns ging es eher um vergangene Momente und Beziehungen. Anders als viele Lieder zu diesem Thema sollte dieses aber nicht traurig und wehmütig sein. Es soll eher die Freude darüber zum Ausdruck bringen, dass etwas Gutes da war und das alles wirklich passiert ist, egal ob es vielleicht schon wieder vorbei ist. Und dass man solche Erfahrungen ja für immer behalten kann.

teleschau: Sie treffen zweifellos auf viele Menschen in Ihrem Beruf. Welche Spuren hinterlassen die unzähligen Eindrücke?

Glass: Wir sind sehr dankbar für all diese Begegnungen und finden das superspannend. Es fühlt sich an, als seien wir auf einer langen Reise, auf der wir Impressionen von Menschen und Orten sammeln dürfen. Je weiter wir reisen und je mehr Leute wir kennenlernen, desto demütiger werden wir.

Steiner: Plötzlich ist man in einem Land wie Japan, wo völlig andere Regeln gelten. Es ist ein Geschenk, über die Musik in ein neues Land zu kommen, weil fast nichts anderes eine so unmittelbare Verbindung herstellen kann. Gefühle wie Heimweh, Sehnsucht oder Aufbruchsstimmung kennen weder sprachliche noch kulturelle Grenzen.

teleschau: Was ist das denn für eine Sehnsucht, die man in Ihren Liedern findet?

Steiner: Ich weiß gar nicht, ob die Sehnsucht eine Richtung haben muss. Sehnsucht ist wie ein Hunger, manchmal auch ein unbestimmter; etwas Lebendiges und Treibendes.

Glass: Sehnsucht ist anscheinend eine Stimmung, die uns sehr nah ist. So genau wissen wir nicht, woher das kommt, oder wie wir das definieren könnten.

teleschau: Was treibt Sie denn an?

Steiner: Die Sehnsucht nach Austausch und intensiven Erlebnissen. Eine Geschichte oder ein Gefühl in Musik zu verwandeln.

teleschau: Sonja, was macht Valeskas Texte besonders?

Glass: Ich finde es toll, wie sie kleine und große Momente in berührende Geschichten verpackt. Dabei hat sie immer eine positive Sicht auf die Dinge. Ihre Texte haben eine Leichtigkeit, ohne oberflächlich zu werden.

teleschau: Mischen Sie sich auch ein, was die Texte betrifft?

Glass: Wir diskutieren sehr viel darüber und besprechen uns.

Steiner: Und das ist manchmal eine Herausforderung. Sich von der eigenen Sicht der Dinge oder dem Gefühl, das ich beim Schreiben eines Textes hatte, zu lösen, ist in manchen Fällen nicht so leicht. Doch wenn es schon keine gemeinsame Geschichte ist, die ich erzähle, muss Sonja sie zumindest nachvollziehen und dahinter stehen können.

Glass: Umgekehrt ist es ja auch so, dass ich nach einer Alternative suche, wenn Valeska sagt, dass sie bei einem Akkord nicht so viel fühlt. Wir sehen das als Austausch, der uns hilft, besser auf den Punkt zu kommen.

teleschau: Valeska, was gefällt Ihnen denn an Sonjas musikalischen Ideen?

Steiner: Für mich ist es sehr schön, dass ich für die Texte schon ein inspirierendes Bett an Emotionen vorfinde. Sonjas Instrumentals tragen starke Stimmungen und immer auch eine gewisse Luftigkeit in sich. Ich höre viel von ihrer Persönlichkeit darin.

teleschau: Verfolgen Sie denn einen Masterplan? Wissen Sie, wo Sie in fünf Jahren sein wollen?

(Beide lachen)

Steiner: Nee, den haben wir nicht. Wir sind nun erst einmal gespannt darauf, was als Nächstes passiert!

Boy auf Tournee:

02.09. Oldenburg, Kulturetage

03.09. Köln, Gloria

04.09. München, Technikum

07.09. Wien, FM4 RADIO SESSION (ORF)

08.09. Dresden, Beatpol

09.09. Berlin, LIDO

10.09. Hamburg, Mojo Club

29.10. Bremen, Schlachthof

30.10. Düsseldorf, New Fall Festival @ Tonhalle

31.10. Erlangen, E-Werk

02.11. A-Wien, Arena

05.11. Ulm, Roxy

08.11. Stuttgart, Im Wizemann

09.11. München, Muffathalle

10.11. CH-Bern, Bierhübeli

12.11. CH-Luzern, Schüür

13.11. CH-Basel, Volkshaus

14.11. CH-Zürich, Kaufleuten

15.11. Heidelberg, Halle 02

17.11. Frankfurt a.M., Gibson

18.11. Dortmund, FZW

20.11. Osnabrück, Hyde Park

22.11. Leipzig, Werk 2

23.11. Berlin, Tempodrom

24.11. Hannover, Capitol

25.11. Hamburg, Grosse Freiheit 36

Quelle: teleschau - der mediendienst