Wolfgang Stumph

Wolfgang Stumph





"Arbeit ist eine Form von Glück"

Wahnvorstellungen. Realitätsverlust. Nervenzusammenbruch. Es steht schlecht um Wilhelm Löhring, Ex-Manager eines großen, global agierenden Finanzunternehmens. Sein Workaholic-Dasein und dauerndes Streben nach Erfolg haben ihn buchstäblich um den Verstand gebracht. Löhring ist fertig. Er hat sich zugrunde gearbeitet und dabei die wesentlichen Dinge im Leben völlig aus den Augen verloren, etwa seine bereits von ihm getrennt lebende Ehefrau Gisela. Was Löhring helfen soll: Ein Aufenthalt in einer psychiatrischen Einrichtung, wo er zusammen mit anderen wohlhabenden Privatpatienten in ähnlichen gesundheitlichen Zuständen einquartiert wird. Wobei Löhring selbst nur eine Medizin im Kopf hat: "Die einzige Hilfe, die ich brauche, ist Arbeit!" Wilhelm Löhring ist die Hauptfigur in der Tragikomödie "Die Insassen" (Donnerstag, 17. September, 20.15 Uhr, ZDF), der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Bestsellerautorin Katharina Münk, er wird gespielt von Wolfgang Stumph.

Ja, richtig: dem Stumph. Dem Volksschauspieler, dem "Stubbe", dem Vater von Schauspielerin Stephanie Stumph, und dem, nun ja, scheinbar auch Arbeitsbesessenen. Ein anderer Blick auf den 69-Jährigen und seine Karriere ist kaum möglich, zu dicht sind die zahlreichen Stationen, Projekte und Engagements aneinandergereiht.

Anfänglich eher klein besetzt und nebenher noch als Kabarettist tätig, gelang Stumph Anfang der 90-er der TV-Durchbruch. Der in Polen geborene Dresdener fuhr auf Goethes Spuren mit dem Trabant durch Italien und unterhielt erstmals ein Massenpublikum mit "Go Trabi Go". Es folgten Sitcom-Erfolge mit "Salto Postale" und "Salto Kommunale", bevor Stumph in seine bis heute wichtigste Rolle schlüpfte: die des Ermittlers "Stubbe". In der Krimireihe "Von Fall zu Fall" löste jener Stubbe seit 1995 in insgesamt 50 Folgen (ZDF) alle ihm anvertrauten Fälle.

Im vergangenen Jahr jedoch war Schluss mit "Stubbe". "Sicherlich haben viele Leute mich gefragt: Warum hörst du auf, wenn's doch gerade am schönsten ist?", erzählt Stumph mit einem zurückgelehnten Lächeln auf den Lippen. "Aber für mich war eben genau das wichtig: Mit 'Stubbe' auf dem Höhepunkt abzuschließen, um mich anderen Dingen zu widmen." Als ob Stumph bis dahin keine Nebenschauplätze gehabt hätte. In Dutzenden Filmen und Serien war er in den "Stubbe"-Jahren ebenso zu sehen (u.a. "Dresden", "Keinohrhasen", "Stilles Tal", "Blindgänger"), bekam offensichtlich nie genug von der, tja, Arbeit. Drei "Stubbe"-Drehs im Jahr plus Zusatzjobs - rückblickend sieht Stumph ja ein: "Teilweise war es schon Wahnsinn, was das Arbeitspensum anging."

Zu viel jedoch, meint er, wäre es nie gewesen. Löhring-artige Ausmaße hätte es bei ihm nie angenommen: "Ich war noch nie nah am Burnout. Klar, ich habe mich auch schon gefragt, ob ich vielleicht zu sehr auf meine Arbeit fixiert bin. Aber ich behaupte mal, reflektiert genug zu sein, um zu merken, wann es genug ist."

Während seine Figur in "Die Insassen" selbst in der Klinik, die ihn von der Weiterarbeit abhalten und ein endlich heilen soll, ununterbrochen nach Optimierungsmöglichkeiten sucht und sich deshalb von den Betreuerinnen zurechtweisen lassen muss ("Du bist nicht hier, um einen Betrieb umzustrukturieren, sondern dich selbst"), hat Stumph nach eigenen Angaben längst begriffen, wieviel Arbeitsdrang gut ist: "Arbeit ist eine Form von Glück für mich. Ich muss aber nicht arbeiten, um glücklich zu sein. Ich suche mir auch im Alltag die Momente des kleinen Glücks."

Wofür sich Löhring keine Zeit lässt ("Das einzige Hobby in meinem Leben ist unternehmerische Verantwortung"), habe Stumph ausreichend Platz in seinem Leben: Entspannung. Für den Schauspieler bedeutet das vor allem, "mit der Familie, mit Freunden Zeit zu verbringen. Genauso wie jetzt, da ich ein 'bisschen' mehr Zeit habe, mit meinen Enkeln im Garten zu gießen, und wir reden dabei mit den Blumen." Er könne durchaus abschalten, so Stumph, und zwar gänzlich: "Ich kann einen klaren Break machen! Zum Beispiel war ich kürzlich mit meiner Frau und meiner Tochter an der Ostsee. Und dort habe ich es geschafft, das Handy mal komplett auszulassen." Natürlich solle das kein Dauerzustand werden. Stumph wird zum Liebling aller Politiker, die die Rente am liebsten so weit wie möglich nach hinten verschieben möchten, wenn er festhält: "Das Alter muss kein Grund sein, mit der Arbeit aufzuhören. Natürlich spreche ich da nicht für Dachdecker und andere extrem körperlich beanspruchende Berufe." Aber: "In mir steckt immer noch der große freche Junge, der übermütig und lebenshungrig ist. Ich habe immer noch jede Menge Flausen im Kopf."

Ein bisschen Löhring-artig klingt er dann auch schon wieder, wenn er von seinem neuesten Projekt erzählt - der Fortsetzung eben jenes ersten, großen Wurfs: "Gerade komme ich aus Rom, wo ich ein neues Projekt abgedreht habe: 'Go Trabi Go - Forever.' Das hat mir einen Heidenspaß gemacht! Natürlich ist das Arbeit, aber eben eine, die für mich genussvoll ist. Die gibt mir Freude und Lebenskraft, die ich dann wieder weitergeben kann."

Es ist, als könne Stumph, ähnlich wie Löhring, fast nie nichts tun. Nur scheint sich Stumph dabei regelmäßig selbst zu kontrollieren. Zu checken, wie viel Job gut ist - egal in welchem Alter. Die Entscheidung jedenfalls, mit "Stubbe" Schluss zu machen, bringt ihn in eine komfortable Situation. Und da ist es wieder, dieses kleine Grinsen: "Stubbe' habe ich in den Ruhestand geschickt. Stumph bleibt im Unruhestand."

Quelle: teleschau - der mediendienst