How To Change The World

How To Change The World





Hippie-Propaganda gegen das Böse

Greenpeace, die erste und größte Umweltschutz-NGO der Welt, begann als chaotische Rebellengruppe voller verplanter und kiffender Hippies. So weit, so richtig - und doch nur ein Teil der Wahrheit. Die da lautet: Greenpeace begann als chaotische Rebellengruppe voller verplanter und kiffender Hippies, die zudem bereits Anfang der 70er-Jahre um die enorme Macht der Medien wussten. Eindrücklich zeigt der Dokumentarfilm "How To Change The World", wie idealistische junge Leute bei ihren Aktionen gegen Atomtests, Walfängerei und Robbenjagd immer auch ihre Wirkung auf die Öffentlichkeit im Blick behielt. Eine heute gängige Strategie, ohne die das mitreißende und kritische Zeitdokument gar nicht möglich gewesen wäre: Es bedient sich jener Filmaufnahmen, die es zugleich thematisiert.

"Geschichte zu schreiben, das bedeutet zu neunzig Prozent, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein." Dass jenes Zitat von Greenpeace-Mitbegründer Bob Hunter ungefähr das Gegenteil von inhaltsleerem Gewäsch war, beweist Jerry Rothwells hervorragend kompiliertes Werk. Hunter ist darin als bärtiger Umweltschützer nicht nur Protagonist, sondern in gewisser Weise zeitlich versetzt auch Filmproduzent: Er war es, der die im Film gezeigten 16mm-Szenen an den Orten des Geschehens koordinierte, Kameraleute anstellte, den besten Moment erkannte.

Beispielsweise jene beinahe geschichtsträchtige Szene, in der das winzige Greenpeace-Bootchen samt zweier Insassen todesmutig zwischen ein gigantisches russisches Walfang-Schiff und einen akut bedrohten Meeressäuger fährt. Als die sowjetische Crew völlig unerwartet und trotz aller Lebensgefahr für die Protestler ihre Harpune abfeuert, gehört das zu den ikonografischsten Momenten der Umweltbewegung. Die Waffe verfehlt Hunter und seinen Kollegen nur knapp. Jedoch: Die Kamera hat alles eingefangen. Und das ist, was zählt.

Schon ganz am Anfang filmt Hunter mit, damals noch selbst. Etwa als die wild zusammengewürfelte, verrückte Crew aus Hippies, Esoterikern, Biologen, Wissenschaftlern und Seeleuten 1971 mit einem baufälligen Miet-Boot in Richtung Alaska segelt, um gegen die dort stattfindenden US-Atomwaffentests zu protestieren. Die Aktion scheitert, das Boot - inzwischen in "Greenpeace" umbenannt - wird zurückgeschickt. Doch inzwischen hat nicht nur die alternative Szene davon Wind bekommen, sondern die ganze Weltöffentlichkeit: Die US-Regierung verschiebt die Tests.

"How To Change The World" zeigt, wie sich die Gruppe formiert, besser organisiert und sich nach ihrem Schiff "Greenpeace" benennt. Es ist die Geburtsstunde der modernen Umweltbewegung. Das Wissen um die Macht der Bilder ist von Beginn an präsent. "Mindbomb" nennt Hunter Greenpeace' gefährlichste Waffe: mit Aufsehen erregender Kritik durch schockierende, einprägsame Bilder in die Medien kommen, um beim Publikum eine Bewusstseinsveränderung, ein Umdenken auszulösen. Es funktioniert, obwohl sich innerhalb der Gruppe größere Konflikte anbahnen und Freundschaften über Meinungsverschiedenheiten auseinandergehen. Natürlich wird dabei auch jeder Streit am Essenstisch fein säuberlich filmisch dokumentiert.

Rothwells Doku macht beim Erzählen dieser beeindruckenden Geschichte beinahe alles richtig: Er lässt die Bilder für sich sprechen, thematisiert ihre Entstehung aber anschließend auf der Meta-Ebene, in Interviews oder durch kluge Schnitte. Am Ende steht eine mitreißende Geschichte über die Anfangstage von Greenpeace. Und ebenso ein zeitkritisches Dokument über Nutzen und Schaden von Propaganda in Zeiten der Massenmedien und -Gesellschaft.

Quelle: teleschau - der mediendienst