Nadeshda Brennicke

Nadeshda Brennicke





"Jede Mutter hat einen Orden verdient"

Seit über 20 Jahren ist Nadeshda Brennicke fester Bestandteil der deutschen Filmbranche. So sehr die 42-Jährige, die einst mit "Manta - Der Film" bekannt wurde, ihren Job liebt, so sehr braucht sie auch den Abstand zum Medienrummel. Den findet die gebürtige Freiburgerin auf ihrem Hof in Brandenburg, den sie mit ihren Tieren teilt. Denn große Menschenansammlungen und Reizüberflutungen stören die 42-Jährige dabei, das "Paradies in mir zu finden", wie sie es so schön formuliert. Was das Ergebnis dieser Suche sein könnte, warum sie in Deutschland den Mut der Menschen vermisst und was bislang das Beste in ihrem Leben war, verrät die Hauptdarstellerin der neuen SAT.1-Serie "Frauenherzen" (ab Dienstag, 15.09., 20.15 Uhr) nun in einem sehr ehrlichen Interview

teleschau: Was ist das Besondere an der Serie "Frauenherzen"?

Nadeshda Brennicke: Sie erzählt von verschiedensten Typen von Frauen mit den unterschiedlichsten Lebensumständen. Ich denke, dass sich jede Frau in einer der Figuren wiederfinden kann.

teleschau: Sie spielen eine taffe Karrierefrau, die überraschend schwanger wird. Ihr Mann reagiert auf ihre Bedenken, ob Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen sind, ganz lapidar: "Ach, heutzutage kriegen das doch alle Frauen hin." Müssen wir Frauen Superwomen sein und alles schaffen?

Brennicke: Den Frauen wird generell sehr viel abverlangt. Jede Mutter hat einen Orden verdient. Es gibt allein schon in Berlin 80 Prozent alleinerziehende Mütter. Die Männer wollen sich einfach immer seltener binden, aber die Frauen haben weiterhin Sehnsucht nach Kindern. Und Kinder müssen irgendwie finanziert werden. Ich finde, dass die Frauen vom Staat ziemlich alleingelassen werden.

teleschau: Sie haben Ihren Sohn auch alleine großgezogen.

Brennicke: Es ist eine Lebensaufgabe, ein Kind aufzuziehen, und das wird zu wenig gewertschätzt. Alleinerziehende müssen alles schaffen: Vater, Mutter, Erzieher, Geldgeber und Vorbild sein. Das ist schwierig. Ich bin froh, dass mein Sohn schon groß ist.

teleschau: Ist es nicht schade, dass nicht zumindest ein Elternteil die ersten drei Jahre zu Hause bleiben und die Entwicklung des Kindes Schritt für Schritt miterleben kann?

Brennicke: Ja, das stimmt. Das war auch der Grund, warum ich kein zweites Kind bekommen habe. Ich habe mir gesagt: "Entweder ich kann das komplett genießen oder ich lass es bleiben." Das hätte ich nicht noch einmal gestemmt.

teleschau: Warum haben Sie zugestimmt, bei einer Serie mitzuspielen?

Brennicke: Serien sind die Formate der Zukunft. Filme sind längst nicht mehr so interessant für die Zuschauer, wie sie es mal waren. Die Leute wollen länger bei Formaten bleiben: Ein Film ist nach 90 Minuten auserzählt, während Serien die Menschen begleiten und bei einigen schon fast zu einer Ersatzfamilie werden. Sie können über mehrere Staffeln in eine andere Welt abtauchen.

teleschau: Ihre "andere Welt" ist Ihr Hof außerhalb von Berlin, auf dem Sie Pferde züchten und im Stall stehen. Sie sind also eine Frau, die zupackt und nicht auf einen starken Mann wartet?

Brennicke: Genau! In so was wächst man natürlich auch hinein. Und bei mir hat sich das Leben dahingehend gefügt. Ich bin jemand, der gerne etwas erschafft und mit seinen Händen arbeitet. Am Ende des Tages sehe ich gerne die Resultate von dem, was ich getan habe. Ich bin sehr zufrieden mit meinen Tieren auf dem Land. Das beruhigt mich. Ich sehe die Arbeit auf dem Hof auch nicht als Arbeit, sondern als Entspannung.

teleschau: Sind Sie gerne allein?

Brennicke: Ich habe nicht so ein Gruppenbedürfnis, wie es viele Frauen haben. Ich konzentriere mich lieber auf wenige gute Freunde, als auf mehrere. Auf großen Partys wird es mir oft schnell zu viel. Ich habe eine niedrigere Reizschwelle. Da liege ich lieber stundenlang im Garten und höre den Vögeln zu.

teleschau: Sind Filmdrehs dann Ihr Kontrastprogramm?

Brennicke: Wenn ich drehe, dann ist das schön. Aber ich brauche dazwischen auch wieder meine Ruhe und die Kommunikation mit den Tieren.

teleschau: Wenn irgendwann die Rollen ausblieben, hätten Sie also genügend andere Passionen?

Brennicke: Mir würde die Arbeit sehr fehlen. Ich arbeite gerne als Schauspielerin und liebe es, mich in andere Charaktere hineinzuversetzen. Das ist eine Leidenschaft. Ich darf dadurch in fremde Leben reinschnüffeln. Ich bin auch sehr dankbar dafür, dass ich seit 25 Jahren in dem Beruf arbeiten darf. Es war nicht immer leicht, aber ich habe dabei auch viel gelernt. Aber ich würde auch etwas anderes finden. Das muss man auch, sonst gibt man sich auf.

teleschau: Stimmt es, dass Sie mit der deutschen Filmbranche ein wenig hadern und sich mehr Mut wünschen würden?

Brennicke: Das ist generell ein deutsches Problem, dass man hierzulande dem Mittelmaß zugetan ist. Die Deutschen trauen sich nicht, große Ausschläge zu vollziehen. Es muss alles immer von allen geliebt werden und massenkompatibel sein. Das finde ich schade. Es wäre spannender, wenn vieles nicht immer demselben Muster folgen und so durchschaubar sein würde. Durchschaubarkeit langweilt mich!

teleschau: Auch im Privatleben?

Brennicke: Das deutsche Sicherheitsdenken nervt mich. Man traut sich nicht, den Mund aufzumachen, weil man womöglich damit aneckt. Der Mut fehlt mir: zum Außergewöhnlichen und zum Risiko.

teleschau: Obwohl Sie ja gerade in Berlin auf viele Menschen treffen, die sich selbst als außerordentlich mutig, fortschrittlich und weltoffen sehen ...

Brennicke: In Berlin gibt es eine Pseudo-Elite, die das Symbol am Apple-Computer zuklebt, um Understatement zu mimen.

teleschau: Welche Erfahrungen haben Sie in anderen Ländern gemacht?

Brennicke: Als ich mit "Banklady" auf vielen, weltweiten Filmfestivals unterwegs war, habe ich erstaunlicherweise in den Ländern den meisten Mut und die größte Aufbruchstimmung gespürt, in denen vor Kurzem noch Krieg herrschte. Zum Beispiel im Libanon oder in Städten wie Belgrad gibt es viele lebendige, junge Leute, die auf Identifikationssuche sind. Da brodelt es. Da spürt man die Kraft der Leute, etwas bewegen zu wollen. Das hat mich sehr beeindruckt. Die satten Länder, waren eher langweilig.

teleschau: Sie haben in einem anderen Interview gesagt, dass Sie auf der Suche nach dem Paradies in sich sind. Was könnte daraus entstehen, wenn Sie fündig werden?

Brennicke: Zum Beispiel ein Roman. Einen halben habe ich schon geschrieben, aber ich finde momentan nicht die Muße, ihn zu beenden. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass ich im Alter irgendwann mein Haus verkaufe und vollkommen frei durch die Welt reise und schreibe.

teleschau: Viele Menschen trauen sich nicht, alles hinter sich zu lassen und ohne festen Plan herumzureisen. Hierzulande wird oft gepredigt, sesshaft zu werden und Sicherheiten zu haben, seien das Nonplusultra.

Brennicke: In Deutschland machen sich viel zu viele Menschen von der Meinung anderer abhängig. Das Tolle am Leben ist doch, dass man von außen gar nichts muss. Man muss nur für sich entscheiden. Wenn man begriffen hat, dass man sein Leben selbst in der Hand hat, ist man am glücklichsten. Natürlich muss man dann auch die Konsequenzen tragen, für den Weg, den man einschlägt.

teleschau: Hören Sie auf Ihr Herz oder auf den Kopf, wenn Sie neue Wege einschlagen?

Brennicke: Man muss lauschen, was das Leben für mich bereithält. Wenn man Fragen hat, dann genügt es oft, aufmerksam durch die Welt zu gehen. Man kann überall Antworten finden, wenn man offen ist: Entweder man sitzt stumpf hinten im Taxi und lässt sich von A nach B bringen oder man unterhält sich mit dem Fahrer. Manchmal können aus ganz banalen Gesprächen, Wegweiser werden.

teleschau: Man muss sich also aktiv auf die Suche begeben?

Brennicke: Wenn ich etwas suche, kann ich mich nicht zu Hause einigeln oder einsam auf meinem Pferd durch den Wald reiten, sondern muss mich austauschen und kommunizieren. Ich muss mein Bewusstsein neu konfigurieren, dann kriege ich auch Antworten.

teleschau: Welchen Weg schlagen Sie nach "Frauenherzen" ein?

Brennicke: Ich drehe einen Fernsehfilm in Kroatien. Andere Projekte sind noch nicht spruchreif. Ich bin viel bescheidener geworden. Mein Sohn ist jetzt erwachsen. Dadurch habe ich weniger Verantwortung und auch keine so große finanzielle Belastung mehr. Das ist eine Erleichterung, nur noch für sich selbst verantwortlich zu sein. Wenn mal etwas schiefgeht, muss ich nur mein Leben einschränken und nicht das meines Sohnes. Das ist eine Form von Freiheit, die ich die letzten 20 Jahre nicht hatte und die ich sehr genieße. Ich bin erleichtert, dass es mir gelungen ist, einen kleinen Menschen großzuziehen. Das ist mit das Beste, das ich in meinem Leben gemacht habe.

Quelle: teleschau - der mediendienst