Jella Haase

Jella Haase





"Ich bin ein sehr unbedachter Mensch"

"Chantal, heul leise!", ermahnt Elyas M'Barek alias Aushilfslehrer Zeki Müller in "Fack Ju Göhte" seine schluchzende Schülerin. Die Szene ist längst Kult. Jella Haase hat mit der von ihr gespielten Chantal Filmgeschichte geschrieben. Über sieben Millionen Zuschauer fand die Komödie im Winter 2013/14. Die moderne Paukerklamotte machte die in Berlin-Kreuzberg geborene Jella Haase, die schon 2011 mit David Wnendts "Kriegerin" und Ziska Riemanns "Lollipop Monster" ihren Durchbruch schaffte und für ihre überzeugenden Leistungen mit dem renommierten Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wurde, endgültig zum Star. Im Interview vor dem Kinostart der Fortsetzung "Fack ju Göhte 2" am 10. September beweist die 22-Jährige, dass sie auch über den Tellerrand blickt.

teleschau: Frau Haase, "Fack Ju Göhte" ist eine Komödie. Worüber lachen Sie?

Jella Haase: Ich bin sehr schadenfroh. Man kann mich sehr leicht beglücken, zum Beispiel, wenn sich jemand den Kopf stößt. Ich lache aber auch viel über mich selbst. Gerade, wenn ich mich doof anstelle. Kürzlich fiel mir in einer Leseprobe mit Jugendlichen fünfmal der Stift runter, weil ich so ungeschickt bin. Darüber kann ich auch sehr gut lachen.

teleschau: Die Komödie gilt als Königsdisziplin. Was macht eine gute Komödie aus?

Haase: Gute Dialoge, gute Blicke (Haase macht eine Kunstpause und fixiert kurz den Fragesteller, Anm. d. Red.). Es muss nicht immer die krasseste Story sein. Eine Komödie lebt von den Darstellern und den Dialogen. Das Zusammenspiel macht es.

teleschau: Regisseur Bora Dagtekin sagte mal, "heulen können alle Schauspieler. Comedy-Timing haben die wenigsten."

Haase: Das hat er gesagt? Bora ist frech, der traut sich so etwas. Dieses Timing lässt sich nicht proben und nicht erzwingen. Das hat ein Schauspieler - oder er hat es nicht. Wir hatten eine wahnsinnig gute Vorlage von Bora. Die Gags sind so gut geschrieben, da kann man nichts falsch machen. Jeder weiß, wie er seine Rolle spielt und wie er sich verhalten muss.

teleschau: Das hat auch mit dem Gegenüber zu tun. Welche Rolle spielt für Sie diesbezüglich Sympathie?

Haase: Die halte ich für wichtig. Wir Jüngeren von "Fack ju Göhte" haben sogar beieinander übernachtet. Da spürt man, man kann sich auf die anderen verlassen. Wir gucken uns an ... und da entsteht etwas. Sympathie spielt dabei eine große Rolle. Man muss es aber auch professionell überspielen können, wenn keine Sympathie besteht.

teleschau: Ihre Chantal ist eine der bekanntesten Filmfiguren dieser Tage. Wie lebt es sich mit ihr?

Haase: Chantal ist eine Figur, die ich spiele, die nichts mit meiner eigenen Persönlichkeit zu tun hat. Ich werde auf der Straße als Chantal erkannt, aber das endet zu Hause. Meine Freunde hauen auch kein "Heul leise" raus. Da spielt das überhaupt keine Rolle. Manchmal sprechen mich Leute auf der Straße an und fragen mich: "Warum sprichst du so normal?". Schon komisch, erklären zu müssen, dass ich Schauspielerin bin. Es gibt Phänomene bei Schauspielern, die ihre Rolle mit nach Hause nehmen. Bei einem anderen Dreh hatte ich Albträume, weil die Rolle so emotional zu spielen war.

teleschau: Bei welcher Rolle war dies der Fall?

Haase: Ich habe gerade einen Abschlussfilm von Studenten der Münchener Filmhochschule gedreht, der den Arbeitstitel "Jade" trägt. Da geht es um drei Frauen in einer Psychiatrie. Wir bewegten uns die ganze Zeit auf einem hohen emotionalen Niveau, mit dem, was wir spielten. Da hatte ich extreme Albträume nachts, weil ich diese Emotionalität nicht abstellen konnte.

teleschau: In den ersten Jahren finden sich in Ihrer Vita ausschließlich Filme, in denen Sie ernste Rollen übernahmen. Doch die Komödie "Fack Ju Göhte" überstrahlt alles. Werden Sie als Komödiantin wahrgenommen?

Haase: Meine Rollenanfragen sind sehr weit gefächert. Dafür bin ich sehr dankbar. Von Anfang an war klar, dass da diese eine krasse Komödie ist, ich aber nicht weiter in diese Schiene gehe. Mir wurden natürlich eine Reihe prolliger Rollen angeboten, aber die Entscheidung fiel bewusst dagegen.

teleschau: Planen Sie Ihre Karriere?

Haase: Ja, gemeinsam mit meiner Agentur.

teleschau: Gibt es da Überlegungen, wie Sie sich nicht nur als Schauspielerin, sondern auch als öffentliche Person präsentieren?

Haase: Ich habe mittlerweile eine eigene Presseagentin, die sich um mein Image kümmert. Die ist eher da, um darauf zu achten, was an die Öffentlichkeit gerät. Ich glaube, ich bin ein sehr unbedachter Mensch. Mich würde es sehr einschränken, wenn ich mich einem erdachten Image gemäß verhalten müsste. Ich entscheide sehr aus dem Bauch heraus. Meine Agentinnen schützen mich vielmehr, als dass sie mich positionieren. Mich würde es nervös machen, wenn ich mir jetzt konkrete Ziele setzen würde.

teleschau: Sie sind noch sehr jung. Ihre Bekanntheit bringt aber schon große Verantwortung mit sich. Ist das manchmal irritierend?

Haase: Würde ich mir das immer wieder vorhalten, würde mich das irritieren. Ich versuche, locker mit den Sachen umzugehen und ich selber zu sein. Man hat immer eine Verantwortung vor sich selbst - und auch vor anderen. Im öffentlichen Leben ist die vielleicht gewaltiger, aber ich versuche das nicht an mich heranzulassen. Ich habe generell den Anspruch an mich, verantwortungsbewusst zu sein - und das nicht, weil ich Filme mache und denke, Jugendlichen ein Vorbild sein zu müssen.

teleschau: Wo übernehmen Sie Verantwortung für sich und andere?

Haase: Man muss sich selbst hinterfragen und wissen, warum man bestimmte Dinge tut. Ich bin Vegetarierin, weil ich es nicht artgerecht finde, wie Tiere gehalten werden, um diesen unfassbaren Fleischkonsum zu ermöglichen. Ich mache Sachen für mich selbst, die ich nicht an die große Glocke hänge. Zudem arbeite ich schon länger mit Flüchtlingen, muss das aber nicht jedem erzählen.

teleschau: Fühlen Sie sich als Schauspielerin oder doch eher als "Popstar"?

Haase: Als Schauspielerin. Auch wenn der Trubel, der mit "Fack Ju Göhte" einhergeht, extrem ist. Das war beim ersten Teil noch nicht so. Da wusste noch niemand, wie gut die Rolle ankommt. Wir gehen nun auf Kinotour durch Österreich, Schweiz und Deutschland. Das wird sicher krasse Dimensionen annehmen, die ich so noch nicht kenne; ein Jetset-Leben, bei dem man sich wie ein Popstar fühlen könnte.

teleschau: Den ersten Teil haben sieben Millionen Zuschauer in Deutschland gesehen. Wie schwer ist es, solche Dimensionen einzuordnen?

Haase: Ich habe mich kürzlich mit einem Freund über den Film "Krabat" unterhalten. Den haben über eine Million Zuschauer gesehen - und das war ein Erfolg. Ich wunderte mich darüber, und als er dann meinte, dass schon 500.000 Zuschauer in Deutschland ein Erfolg sind, habe ich bemerkt, dass ich mir darüber vor "Fack Ju Göhte" nie Gedanken machte. Mir war dieser Erfolg nie so bewusst.

teleschau: Woran haben Sie Erfolg bei ihren vorherigen Filmen ausgemacht?

Haase: Bei "Kriegerin" war es, wie die Leute darüber sprachen. Der hat etwas ausgelöst, eine Emotion getroffen. Das war der richtige Film zur richtigen Zeit. Ein wichtiger Film. Ich nahm wahr, wie die Leute auf mich zugingen. Da waren alle begeistert, aber auch betroffen. Das war ein persönlicher Erfolg! Ich bin glücklich, dass der einen so positiven Anklang fand.

teleschau: 250.000 Freunde bei Facebook, 40.000 bei Instagram: Betreuen Sie Ihre sozialen Netzwerke selbst und wie wichtig ist Ihnen das?

Haase: Ja, darum kümmere ich mich selbst. Früher war ich total dagegen, eine Facebookseite zu haben. Mir wurde aber dazu geraten. Ich habe keinen absoluten Darstellungsdrang und könnte auch ohne leben. Das wäre sicher auch entspannter. Ich habe aber gemerkt, dass die Leute sehr dankbar dafür sind und viel zurückgeben. Es macht einen nahbarer und zu einer echteren Person. Gerade als junge Schauspielerin gehört das dazu, insbesondere in den USA. Innerlich bin ich ein wenig zerrissen. Ich möchte nicht an meinen Kennzahlen in den sozialen Netzwerken festgemacht werden, sondern beispielsweise an meinem Talent.

teleschau: Sie erwähnen die USA: Wünschen Sie sich die ganz große Karriere, die Sie nach Amerika führt?

Haase: Ich bin für alles offen. England interessiert mich auch sehr, aber auch ganz andere Sachen. Ich würde gerne mit Kindern arbeiten oder soziale Projekte mit aufbauen. Ich überlege gerade, in einem Jahr mit Orang-Utans zu arbeiten, weil ich die so toll finde. Dabei handelt es sich um ein Projekt, das von ihren Müttern getrennte Baby-Orang-Utans aufpäppelt und wieder auswildert. Ich würde mir wünschen, mit diesen Geschöpfen in Kontakt zu kommen, weil es so weit weg ist, von der Welt, in der wir uns gerade bewegen.

Quelle: teleschau - der mediendienst