Bullet For My Valentine

Bullet For My Valentine





Gesunde Wut

"Wir wollten ein aggressives Album schreiben." Das ist eine der zentralen Aussagen von Matt Tuck zu "Venom". Ganz und gar nicht aggressiv verhält sich der Frontmann der walisischen Metaller Bullet For My Valentine dagegen im Interview. Er und seine Band-Kollegen zeigen sich höchst zufrieden mit ihrem neuen Werk. Seit zehn Jahren spielen sie in der ersten Liga des Genres. Als junge Helden waren Bullet For My Valentine nie ganz unumstritten, das jedoch spornte sie nur noch weiter an. Sie ließen sich nicht beirren, zeigten sich entwicklungsbereit und kehren mit ihrem fünften Album nun dorthin zurück, wo es richtig weh tut.

Es sei ein "bewusstes Bestreben" gewesen, sagt Tuck weiter, "Venom" mit einer Extraportion Wut und Furcht auszustatten. Ausschlaggebend war dabei das Echo der Fans. Diese hätten die letzten Alben zwar geliebt, sich aber einen "feurigeren, zornigeren" Sound gewünscht. Zurückgewünscht, um genau zu sein. Schließlich sorgte das bis heute gefeierte Debüt "The Poison" (2005) nicht zuletzt aufgrund seiner Durchschlagskraft für reichlich Furore.

Mittlerweile sind Bullet For My Valentine gestandene Vertreter der Szene, die sich in den Newcomern von heute durchaus auch wiedererkennen. "Wir waren letzte Woche bei den Kerrang Awards in London", berichtet Tuck, "und sahen all diese jungen Bands. Das war wie bei uns vor zehn Jahren, als wir anfingen." Der 35-Jährige kommt etwas ins Grübeln. "Wir sind keine alte Band, aber wir sind definitiv auch keine junge Band mehr." Die drohende "Midcareer-Crisis" hingegen soll an einer Wand aus donnerndem Heavy Metal zerschellen: "In dieser mittleren Phase, in der wir uns seit ein, zwei Jahren befinden, geht es darum, den Fuß nicht vom Gaspedal zu nehmen, sondern es sogar stärker durchzudrücken. Und hoffentlich wird uns dieses Album dorthin zurückwuchten, wo wir es meiner Meinung nach verdient haben, zu stehen."

"Dorthin zurück", das impliziert eine gewisse Enttäuschung über das letzte Album "Temper Temper", welches 2013 bei Kritikern und Fans gleichermaßen gemischte Reaktionen hervorrief. Tuck, der sich in der Runde schnell als Hauptgesprächspartner herauskristallisiert, stimmt zumindest in kommerzieller Hinsicht zu: "Mit 'The Poison' passierte damals das", sagt er und macht eine Handbewegung, die steil nach oben zeigt. "Und so blieb es dann fast acht Jahre lang. Als das letzte Album herauskam, ebnete sich das Ganze ein. Und alle flippten aus. Es war das erste Mal, dass so etwas passierte. Und das erste Mal, dass die Hallen nicht größer wurden." Man habe sich eben schon an stetiges Wachstum gewöhnt, was dann schließlich zu Selbstzweifel führte: "Wir dachten auf einmal: 'Oh mein Gott, was haben wir falsch gemacht?' Aber wir hatten nichts falsch gemacht. Wir hatten lediglich eine andere Herangehensweise gewählt."

Diese Herangehensweise wird mit "Venom" revidiert. "Wir fingen ein, was die Band ursprünglich ausmachte", meint der Sänger und Gitarrist. "Es war auch ein bewusstes Bestreben, textlich zu einem dunkleren Ort zurückzugehen. In die Zeit, als ich aufwuchs, in die Schulzeit." Er spricht darüber, damals "drangsaliert und gehänselt" worden zu sein. Und bei dem ganzen "Bullshit" bleiben natürlich auch schwierige Beziehungsthemen nicht aus.

Moment. Der Frontmann einer als "Metal-Titanen" bezeichneten Band als Opfer in der Schule? Ja, und es ist nicht das erste Mal, dass dieses Thema bei Bullet For My Valentine an die Oberfläche kommt: "Es waren einfach zwei bis drei Kerle, und die hatten es vom ersten Tag an auf mich abgesehen. Obwohl sie mich überhaupt nicht kannten. Sie mochten mich nicht, aus welchen Gründen auch immer. Das ging drei, vier Jahre lang." Es sei wichtig, dass die Leute so etwas hören, "denn diese Dinge ziehen sich ja auch weiter: Sie tauchen später im Berufsleben auf, oder auch online. Unabhängig von Alter, Geschlecht oder was auch immer". Die Message ist deutlich: "Es ist eine traurige Sache, aber es ist auch etwas, das adressiert werden muss. Wir reden darüber, damit unsere Fans realisieren, dass so etwas nicht nur einem von ihnen, sondern auch einem späteren Sänger einer Rockband passieren kann."

Überhaupt, die Fans. Ohne sie geht nichts. Auf die Frage nach einer Charakterisierung ihrer Anhänger kommt Tuck sofort das Wörtchen "treu" über die Lippen. Und nach einer kurzen Pause folgt: "Eigensinnig. Im positiven Sinne. Im Prinzip das, was ich als Fan meiner Bands auch bin. Loyal. Ich verlasse sie nie. Aber ich habe meine eigene Meinung über bestimmte Sachen." Auch der Rest der Band - unter ihnen auch der neue Bassist Jamie Mathias - nickt auf die kurze Zwischenfrage, ob sie sich selbst noch als Fans sehen würden, einstimmig mit den Köpfen. Und hat sich die Struktur der Fans im Laufe der Jahre verändert? "Ich denke nicht, dass sie sich veränderte. Sie entwickelte sich nur und wuchs. Wir haben immer noch eine sehr breit aufgestellte Fanbasis. Es gibt bei uns die Old-School-Metal-Elemente. Aber wir klangen immer schon ein bisschen moderner und ausgefallener." Auch mit dem neuen Album wolle man wieder Fans aus der jüngeren Generation gewinnen, "und gleichzeitig die treuen Fans an Bord behalten".

Loyalität. Im extremsten Falle bis in den Tod. Die Meldung, dass Bullet For My Valentine die Asche zweier verstorbener Fans mit auf Tour nehmen würden, sorgte für Aufsehen. Wer allerdings nun denkt, dass eine Urne im Bandbus mitreist, der liegt daneben. Wenn auch nicht völlig: "Die Eltern ließen Schmuck anfertigen, Halsketten, in denen etwas Asche ist." Ganz klar: "Es ist mehr ein Symbol." War es denn ein Wunsch der Eltern? Tuck bestätigt nachdenklich: "Ja. Ein seltsamer. Aber irgendwie cool."

Das Gespräch nähert sich dem Ende. Es wird kurz nachgeschaut, ob an diesem Abend noch ein interessantes Konzert in der Stadt stattfindet, zu welchem es sich zu gehen lohne. Sie sind eben weiterhin Fans. Aber warum sollte sich auch der unbedarfte Hörer ab und zu eine Platte wie "Venom" anhören? "Das Leben ist nicht immer ein Zuckerschlecken. Manchmal brauchst du etwas, gegen das du deinen Schädel schlagen und mit dem du alles rausschreien kannst. Danach fühlst du dich besser. Genau das liefert dir eine Heavy-Metal-Band, und genau das liefert unser neues Album. Es ist doch in Ordnung, stinksauer zu sein. Leg 'Venom' auf und lass' dich einfach davon mitziehen."

Quelle: teleschau - der mediendienst