Uwe Ochsenknecht

Uwe Ochsenknecht





Ein starker Auftritt

In diesen Wochen beschäftigen sich gleich zwei TV-Filme mit dem Fall Uli Hoeneß. Während sich das ZDF dem Thema über ein "seriöses" Dokuspiel nähert ("Uli Hoeneß - Der Patriarch", Donnerstag, 27.08., 20.15 Uhr), versucht es SAT.1 mit der Satire "Die Udo Honig Story" (Dienstag, 8. September, 20.15 Uhr). Regie führte Uwe Janson, der 2013 schon aus der Politik-Realsatire des Karl-Theodor zu Guttenberg den Film "Der Minister" zauberte. Mit das Beste, was auf SAT.1 in Sachen Fiction in den letzten Jahren zu sehen gab. Auch bei "Udo Honig" ist Jansons Ansatz durchaus ambitioniert, und mit einer teils theaterhaften Überzeichnung - zum Beispiel bei der Inszenierung des Knasts - wird er nicht alle Zuschauer auf diese Reise mitnehmen können. Über jeden Zweifel erhaben ist allerdings die bärenstarke Leistung seines Hauptdarstellers Uwe Ochsenknecht. Der 59-jährige Komödienspezialist sieht nicht nur aus wie sein Rollenvorbild, er schafft es durch verblüffend echte Sprache und emotionale Tiefe, den Zuschauer tatsächlich zu bannen. Sicher eine der besten Ochsenknecht-Rollen seit den Tagen von "Schtonk!".

teleschau: Kennen Sie Uli Hoeneß persönlich?

Uwe Ochsenknecht: Nein. Aber Kujau, den Fälscher der Hitler-Tagebücher im Film "Schtonk!", kannte ich auch nicht persönlich, als ich den spielte. Wenn man eine Satire dreht, muss man sich auf die satirischen Aspekte einer Figur konzentrieren. Man muss sie nicht voll und ganz kennen. Wir wollten keine Dokumentation drehen und auch nicht jenen Fußballmanager, um den es in "Udo Honig" geht, eins zu eins wiedergeben.

teleschau: Es gibt verschiedene Methoden, sich als Schauspieler einer Figur zu nähern, die jeder kennt und die noch dazu lebende Person ist. Welchen Ansatz wählten Sie?

Ochsenknecht: Für mich ist das Genre des Films sehr entscheidend. Ich entnehme es dem Drehbuch und dem Gespräch mit dem Regisseur. Ich würde die gleiche Figur in einer Spieldoku natürlich anders spielen als in einer Komödie. Auch Komödie und Satire unterscheiden sich klar. Hier haben wir es mit einer Satire zu tun, und da geht es vor allem um eine treffsichere Überhöhung bestimmter Aspekte.

teleschau: Welche Aspekte der Figur haben Sie interessiert?

Ochsenknecht: Oh, da gab es einige. Zum Beispiel, wie sie sich in Situationen verhalten könnte, die normalerweise nicht öffentlich dokumentiert werden. Wenn er zum Beispiel mit seiner Frau zusammen ist. Oder wenn er alleine in der Zelle sitzt und plötzlich mit sich selbst konfrontiert wird. Es gibt natürlich auch spannende Aspekte an ihm, die bereits bekannt sind. Honig ist eine Figur, die total polarisiert. Mit dieser spannenden Mischung aus Menschlichkeit, geschäftlichem Talent und Härte. Wie er den Mund aufmacht, wenn er was zu sagen hat! Wie er sich aber auch um Leute kümmert, die gestrauchelt sind. Das ist schon eine schillernde Figur. Ein echtes Phänomen, der Mann.

teleschau: Können Sie verstehen, warum sich viele Deutsche einen verurteilten Straftäter möglichst schnell in Amt und Würden zurückwünschen? Ja, warum sie ihn fast schon als moralische Instanz im Fußballgeschäft vermissen?

Ochsenknecht: Ich finde, man muss sich anschauen, was er wirklich getan hat. Es gibt viele Verbrecher, die sich gegen die Menschheit vergangen haben, die weitaus weniger bestraft wurden. Durch sein Steuervergehen hat er dem Staat vielleicht ein bisschen geschadet. Andererseits schauen Sie sich an, was der Staat mit einem Teil unserer Steuergelder macht. Suspekte Regimes unterstützen, Waffen in Krisengebiete liefern - ist das dann moralisch korrekt? Udo Honigs reales Vorbild hat sich vor allem selbst und seinem Image geschadet. Und er hat natürlich viel Geld verloren. Er hat jedoch niemanden umgebracht oder körperlichen Schaden zugefügt. Es gibt schlimmere Verbrechen. Und für die, die er verübt hat, wurde er bestraft.

teleschau: Sie sympathisieren also mit der realen Figur hinter Udo Honig?

Ochsenknecht: Ich finde, man sollte es mit der Verurteilung und der immer noch im Status des Freigängers verbüßten Strafe nun auch mal gut sein lassen. Der Mann hat so viel Gutes getan, dass er es einfach verdient hat. Wer von uns ist schon moralisch so integer, dass er sagen kann, er hätte das Finanzamt noch nie betrogen? Auch wenn es da vielleicht nur um ein paar Bewirtungsbelege geht. Moralisch betrachtet ist das Vergehen doch das gleiche. Dazu kommt, dass die Probleme Udo Honigs durchaus als Krankheit im Sinne einer Sucht zu verstehen sind. Gegen diese Sucht kam er eben nicht an. Seine Handlungen sind auch nur vor diesem Hintergrund logisch erklärbar, finde ich.

teleschau: Erstaunlich ist, wie Sie Dialekt und Sprache Udo Honigs detailgetreu aufgesaugt haben und wiedergeben. Wie schwierig war das?

Ochsenknecht: Nun, es war nicht leicht. Honig ist in Ulm geboren, er ist also Schwabe. Dennoch hat er fast sein ganzes Leben in München verbracht, was seine Sprache logischerweise ebenfalls prägte. Ich habe mir meinen Text von jemandem mit diesem speziellen Dialekt auf CD sprechen lassen und mir das dann reingehämmert. Das mit dem richtigen Dialekt fand ich schon sehr wichtig. Wir wollten ja keine Persiflage drehen oder eine schlechte Comedy. Satire ist nur gut, wenn alle Details stimmen. Es ist ein extrem schweres Genre, weil man mit Überhöhungen arbeitet, ohne ins Absurde abzudriften. Ich finde, Sprache ist ein guter Ansatz, um Detailtreue walten zu lassen. Es ist ja so, dass man einen ganzen Film kaputt machen kann, wenn eine der Hauptfiguren einen Dialekt spricht, der nicht authentisch ist. Dann achtet der Zuschauer nämlich nur noch auf diese falsche Sprache und konzentriert sich gar nicht mehr auf den Film.

teleschau: Auch äußerlich kommen Sie der realen Person hinter Udo Honig in diesem Film erstaunlich nahe ...

Ochsenknecht: Die erste Reaktion, als ich das Rollenangebot erhielt, war, dass ich erschrocken zum Spiegel lief und schaute, ob ich zugenommen habe. Natürlich fragt man sich, warum die Filmemacher diesen Menschen in mir sehen. Ich fand eigentlich, dass ich ihm gar nicht ähnlich sehe. Trotzdem wollte ich ihm äußerlich nahekommen. Da mussten eben die Haare ab und dafür ein paar Kilo drauf. Ich habe in der Rolle zwar auch einen Fake-Bauch umgeschnallt bekommen, aber die Kilos sollte man schon auch im Gesicht sehen - was bei mir immer ziemlich schnell passiert. Für die Rolle hat das gut gepasst.

teleschau: Sind Sie trotzdem erst mal erschrocken, als Sie sich in der fertigen Maske sahen?

Ochsenknecht: Ich war eher zufrieden wegen der guten Arbeit. Die Maske ist schon sehr entscheidend für die Rolle. Es gibt ja so eine ureigene Freude des Schauspielers über geglückte Veränderungen. Auch deshalb macht man den Job. Weil man eine unbändige Lust aufs Verkleiden, auf Veränderung seines Typs hat. Das ist wie bei Kindern, die sich bis zu einem gewissen Alter wahnsinnig gern bei jeder Gelegenheit verkleiden - nur dass dieser Zustand bei uns Schauspielern ein Leben lang anhält. Als ich sah, dass ich ihm in der Maske wirklich ziemlich ähnlich sehe, dachte ich: "Scheiße, jetzt musst du es aber auch wirklich gut spielen."

teleschau: Udo Honig wird im Film nicht nur als Suchtkranker gezeichnet, sondern auch als äußerst talentierter Menschen-Manipulator. Wäre er nicht Fußballmanager geworden, er hätte auch einen guten Diktator abgegeben. Sind solche Menschen gefährlich?

Ochsenknecht: Das Manipulative ist auf jeden Fall Teil dieser Persönlichkeit, die wir porträtieren wollten. Aber wo ein Manipulator ist, gibt es auch Leute, die sich manipulieren lassen wollen. Menschen, die auf solche Persönlichkeiten anspringen. Ob man den Film nun als Warnung vor derlei Charakteren auffassen will, dazu muss sich jeder seine eigene Meinung bilden. Es ist aber auf jeden Fall ein Teilaspekt dieses Falles Honig, den wir auch erzählen wollten.

teleschau: Sagt der Film auch etwas über uns Deutsche aus? Gehen wir anders mit einem Udo Honig um, als man es vielleicht anderswo täte?

Ochsenknecht: Typen wie Udo Honig gibt es sicher weltweit. Trotzdem erzählt der Fall auch etwas über die Deutschen und wie wir mit so etwas umgehen. Nicht im Sinne eines pauschalen Urteils über "den Deutschen", aber über all die unterschiedlichen Gefühle, die der Mann in uns auslöste. Da gab es ja alles - von totaler Verurteilung bis hin zur Bewunderung eines Märtyrers. Ich lerne aus diesem Fall vor allem eines: Wenn etwas möglich ist, wird es getan. Alles, was jemandem in unserer Gesellschaft einen Vorteil bringt und wogegen sich keiner massiv wehrt, wird gemacht. Unser Zusammenleben gleicht diesbezüglich einem Dschungel.

teleschau: Hätten Sie Lust, Uli Hoeneß nach Ausstrahlung des Films mal zu begegnen? Oder wäre Ihnen das ein bisschen peinlich?

Ochsenknecht: Ich bin da eigentlich ganz locker. Schauspielerei ist mein Job, ich konnte das Berufliche und Private immer schon recht gut voneinander trennen. Für mich ist es sogar unerheblich, ob es eine Figur im wirklichen Leben gibt oder nicht. Wir wollten mit dem Film etwas Bestimmtes zeigen, und das haben wir unabhängig von einem realen Vorbild ganz gut geschafft. Ich habe noch nicht mal das Drehbuch geschrieben. Im Prinzip bin ich nur ein ausführendes Organ. Natürlich stehe ich hinter dem Projekt, sonst hätte ich es nicht gemacht. In unserem Film wird niemand beleidigt oder denunziert. Es wird nur ein Mann mit großen Talenten und eben auch ein paar Schwächen gezeigt. Wäre ich das Vorbild für Udo Honig, ich wäre bestimmt stolz darauf, dass man über mich so einen guten Film macht.

Quelle: teleschau - der mediendienst