Gruß aus dem Tessin

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In Locarno findet das 68. Internationale Filmfestival statt (bis 15.08.)

Er wird wieder augenscheinlich, der Spagat, den der künstlerische Leiter des Internationalen Filmfestivals von Locarno seit nunmehr drei Jahren auf die Bühne bringen muss. Unermüdlich versucht der Mailänder Carlo Chatrian das Unterhaltungsbedürfnis der touristischen Filmfans auf der Piazza Grande zufriedenzustellen. Dass da manche Europapremiere nichts anderes als eine Nettigkeit ist, ficht den umtriebigen Maître de Plaisir nicht an. Andere Hollywood-Menschen wiederum werden auch ganz ohne Film eingeladen: Der reflektierte Edward Norton bekam gleich zu Beginn einen "Excellence Award" und machte bella figura auf der Piazza. Und selbst der ewige Dracula Udo Kier trug als Mitglied der Hauptjury zum Hollywood-Flair des Festivals bei. Öffentliche Fragerunden gab's mit Michael Cimino ("Deer Hunter") und Andy Garcia - wie überhaupt das Festival draußen im Grünen, abseits der Piazza, das Gespräch mit dem Publikum sucht. So wird manche Schwäche abgemildert.

Auch in Locarno war diesmal kein deutscher Regisseur im Hauptwettbewerb vertreten. Scheint schon fast zum guten Ton zu gehören - oder tut es am Ende Festivalleiter Chatrian einfach den "großen Brüdern" Cannes und Venedig gleich? Immerhin räumte er zwischen amerikanischen Komödien ("Ricki and the flash") und gehobenem Bollywood ("Bombay Velvet") auf der Piazza Grande einer erstaunlichen Biografie aus Deutschland einen Platz ein: "Der Staat gegen Fritz Bauer" (Kinostart: 1. Oktober) von Lars Kraume setzt außer Konkurrenz dem titelgebenden Frankfurter Generalstaatsanwalt ein spätes Denkmal.

Bauer half ab 1957 Adolf Eichmann, den "Buchhalter der Endlösung", in Argentinien aufzugreifen und vor Gericht zu bringen. Später veranlasste er auch die Frankfurter Auschwitzprozesse von 1963 und erwehrte sich als Jude stets gegen Altnazis, die in der Bundesrepublik wieder zu Amt und Würden kamen. Burghardt Klaußner macht mit tiefergelegter Stimme und stets qualmender Zigarre diesen ruppigen Staatsanwalt und Nazijäger zum Ereignis. Er ist Held und Mensch zugleich. Man erlebt die One-Man-Show eines großen Außenseiters. In Locarno gab es viel Beifall für ein verschollenes Stück Zeitgeschichte, das natürlich mehr von Worten (und Wortgefechten) als von großen Bildern lebt.

Der Zufall wollte es, dass gleichzeitig im Wettbewerb eine Dokumentation der belgisch-jüdischen Regisseurin Chantal Akerman an die Shoa erinnerte. Akermans Film ist eine asketische Liebeserklärung an die eigene Mutter, die sie in den späten Tagen ihres Lebens mit der Kamera begleiten durfte. Die Kamera beobachtet in langen Einstellungen die alte Frau in ihrer Wohnung, wie in Echtzeit zeigt sie die Monotonie des verbleichenden Lebens. Aber auch hier findet der Humor seinen Platz, wenn Tochter und Mutter per Skype telefonieren, wobei Raum und Zeit geradezu verspielt überwunden werden.

Neben Akerman blieb es im Wettbewerb zwei älteren Herren vorbehalten, die Grenzen des schlichten Erzählkinos zu sprengen: Der Pole Andrzej Zulawski ("Cosmos") und der Georgier Otar Iosseliani ("Chant d'Hiver") zeigen - jeder auf seine skurrile, romantisierende Weise - verrückte Welten. Bei Zulawski ist es eine Familie samt einer erwachsenen, schrecklich schönen Tochter, für die sich sogar das Morden lohnt. Bei Iosseliani treibt es ein Pariser Viertel toll: Hausmeister, Stadtstreicher und verarmter Adel fetzen sich rund um die Bastille oder walzen sich gar mit der Dampfwalze platt, um dann unter der Haustüre hindurchgeschoben zu werden. Viel Begeisterung aber zeigt Iosseliani für die jungen Skater, die sich als raffinierte Diebesgemeinschaft präsentieren.

Der schönste Film kommt aber wieder einmal aus dem Iran (so wie der Berlinale-Gewinner "Taxi Teheran", seit 23. Juli im Kino). "Paradise" von Regisseur Sina Ataeian Dena handelt von einer tieftraurigen jungen Lehrerin, die aus ihrem tristen Teheraner Vorort ins Zentrum der Metropole versetzt werden will, weil sie sich davon ein freieres, toleranteres Leben erhofft. In klaren, ruhigen Bildern vom Moloch Teheran und vom farblosen Vorort, vom traurigen Gesicht der jungen Lehrerin unter ihrem dunklen Gewand, aber eben auch von all den Schulkindern, die trotz Dauerdrills ziemlich lebensfroh geblieben sind, wird hier das Porträt eines Landes im zähen Wandel erzählt. Werden die Kinder irgendwann als Erwachsene glücklich sein? Diese Hoffnung schwingt immer mit.

Und dann ein "anderer" Fußballfilm aus Brasilien: Regisseur Sergio Oksman kommt nach Sao Paulo, um just zur Fußballweltmeisterschaft 2014 seinen alten, fußballverrückten Vater zu besuchen. Gemeinsam wollen sie, sei es im Stadion oder im TV, die Spiele erleben. Doch dann hören sie den Lärm des Stadions nur aus der Ferne im Auto, müssen aus der Akustik auf gefallene Tore schließen. Viel Understatement und leiser Humor kennzeichnet den Film bis hin zu der Stelle, an der der Vater im Krankenhaus stirbt und die Stimme des TV-Reporters aus dem Off stellvertretend die brasilianische Niederlage gegen die Deutschen beklagt.

Noch bis Samstag, 15. August, laufen die ausgewählten Filme in Locarno. Dann werden die Goldenen Leoparden vergeben.

Quelle: teleschau - der mediendienst