Herbert Knaup

Herbert Knaup





Drehen als Trauerarbeit

Am 5. März 2013 starb der Schauspieler Dieter Pfaff. Inmitten der Dreharbeiten zu seiner Anwaltsserie "Der Dicke". Anstatt die ARD-Serie einzustellen beschloss man, sie unter dem Namen "Die Kanzlei" einfach weiterzuführen. Herbert Knaup, der eigentlich nur in ein paar Episoden mitspielen sollte, übernahm eine feste Rolle und wird in der neuen Staffel ("Die Kanzlei", ab Dienstag, 08.09., 20.15 Uhr, ARD) zum Kollegen der verbliebenen Anwältin Isabel von Brede (Sabine Postel). Im Interview erzählt Knaup von seinen Erinnerungen an den so besonderen Volksschauspieler Dieter Pfaff. Der 59-jährige Nachfolger des "Dicken" erklärt auch, warum man den Tod Dieter Pfaffs mit dem Ableben seiner Figur Gregor Ehrenberg im Rahmen der Serie verarbeiten wollte.

teleschau: Wie fühlt es sich an, der Nachfolger von Dieter Pfaff in einer Serie zu sein, die auf diesen Mann zugeschnitten war?

Herbert Knaup: Es kam ja alles anders als gedacht. Meine Figur sollte einige Folgen lang Dieter Pfaffs Gegenspieler verkörpern, einen etwas arroganten, schnöseligen Anwalt, um ihn zu entlasten. Nachdem ich mit der Arbeit begonnen hatte, machte Dieter ein paar Wochen Pause, da er ja diesen schweren Krebs hatte und sich erholen sollte. Es schien alles gut zu werden, seine Chemotherapie schlug gut an. Wir drehten schon ein paar Wochen und sparten dabei Dieters Szenen aus. Und dann starb er so überraschend. Das war natürlich ein Riesenschock für alle. Vor allem für jene im Ensemble, die schon lange mit Dieter gearbeitet hatten. Das war ja seine Filmfamilie - und er war das Oberhaupt.

teleschau: Stand es nie zur Debatte, dass man die Serie einstellt?

Knaup: Doch, natürlich. Aber es gab Verantwortliche beim NDR, die sagten: "Das ist ein einmaliges Format in der heutigen Fernsehlandschaft. So etwas wie 'Liebling Kreuzberg', das gibt es sonst nicht mehr. Wir müssen es weiterführen." Das war übrigens auch die Idee von Dieter Pfaff, als er die Serie erfand. Sie sollte von einem Anwalt erzählen, der für die sozial Schwachen und kriminalisierte Bürger kämpft. Das lag Dieter sehr am Herzen.

teleschau: "Der Dicke" war eine im guten Sinne altmodische Serie

Knaup: Was heißt hier altmodisch? Es stimmt, die Serie ist sehr redselig. Es wird viel verhandelt, also nicht so viel über Bilder erzählt. Aber - die Geschichten sind alle mit einem soliden juristischen Fundament erzählt. Natürlich hat sich die Serie ohne Dieter verändert. Man kann Dieter Pfaff nicht einfach ersetzen. Dieses große Herz, er war einmalig. Meine Figur ist anders angelegt, leichter und ironischer.

teleschau: Wie haben Sie den erzählerischen Übergang von "Der Dicke" zu "Die Kanzlei" hinbekommen?

Knaup: Ziemlich gut, wie ich finde. Dieter Pfaffs Figur Ehrenberg findet eben auch ein Ende in der Serie. Danach passiert etwas Neues und das können die Zuschauer mitverfolgen. Ich weiß gar nicht, ob man eine Serie in Deutschland schon mal auf diese Art weitererzählt hat. Dieter Pfaff hat mit Folge 52 aufgehört. Mit Folge 53 fangen wir an, und im Laufe der ersten Folgen verabschieden wir uns von der Figur Ehrenberg und Dieter Pfaff. Das finde ich großartig.

teleschau: Sie meinen die Idee, dass man innerhalb der Serie um einen Volksschauspieler wie Dieter Pfaff trauern darf?

Knaup: Ja. Es gibt andere Beispiele in der Serienwelt, wo der Hauptdarsteller oder ein wichtiger Darsteller gestorben ist und man die Serienfigur weiterleben lässt. Die flüchtet dann vielleicht in die Karibik oder kommt einfach mit einem neuen Gesicht zurück. Aber das wäre in diesem Fall nicht fair gewesen. Weil Dieter diese Serie war und er ohnehin so ein großartiger Mensch und Typ Schauspieler gewesen ist. Ich finde es die beste Lösung, dass man sich im Lauf der Handlung zusammen mit den anderen Schauspielern von ihm verabschieden darf.

teleschau: Wie gut kannten Sie Dieter Pfaff?

Knaup: Wir kannten und mochten uns, standen uns aber nicht so nah wie das Ensemble und die Mitarbeiter hinter den Kulissen von "Der Dicke". Trotzdem kannte ich Dieter schon sehr lange, da mein Bruder mit ihm am Theater war. In den 80er-Jahren in Landshut. Da wohnte er im gleichen Haus, in dem auch zuvor ich vier Jahre gewohnt habe. Ein völlig verrückter Zufall! Bei mir waren das die Jahre so zwischen 18 und 22. Es war ein Bauernhaus im Allgäu, das nur aus acht Häusern bestand. Ich bin von dort aus an die Schauspielschule. Er war ein bisschen später dort. Ich glaube Sogar, das dort seine Kinder zur Welt kamen.

teleschau: Wollte die Familie Pfaff, dass die Serie weitergeht?

Knaup: Ja, sie haben das befürwortet. Seine Tochter war auch oft am Set, auch nach Dieters Tod. Ich glaube, sie wollte auf diese Art ausdrücken, dass es richtig ist, dass wir weitermachten.

teleschau: Was hat Dieter Pfaff in Ihren Augen zu einem besonderen Schauspieler gemacht?

Knaup: Die Klarheit und Ehrlichkeit, mit der er spielte. Er hatte immer so etwas Direktes und Aufrichtiges - so als wäre es gar keine Rolle sondern er selbst, der da spielt. Das war es, was die Leute begeistert hat, denke ich. Wobei ich auch weiß, dass er gerade bei "Der Dicke" ziemlich gestöhnt hat. Es sind schon Rollen mit sehr viel Text in dieser Serie. Und mit vielen juristischen Fachtermini, bei denen man ganz schön pauken muss. Gerade weil diese komplizierten Worte und Sätze ja nach einem ganz normalen Gespräch klingen sollen. Was Dieter Pfaff auszeichnete, war seine Herzlichkeit. Er hatte die Möglichkeit, sein Herz sprechen und die Zuschauer daran teilhaben zu lassen. Durch diese weichen großen Augen, natürlich auch die Fläche im Gesicht - was man da an Liebe und Zuversicht miterleben durfte - war schon großartig. Dieter Pfaff konnte so ein Gefühl von "Wir-schaffen-das-schon" vermitteln.

teleschau: Er selbst hat ja auch eine ganze Menge geschafft ...

Knaup: Mit "Bloch", "Sperling" und "Der Dicke" hat er dem deutschen Fernsehen drei große Reihen geschenkt, die er alle mitentwickelt hat. Die Grundideen kamen, so weit ich weiß, immer von ihm. Auch deshalb, glaube ich, dachte man bei den Machern, dass man nach Dieter Pfaff jetzt nicht auch noch seine Serie beerdigen will. Ob das dann später passiert, wird der Zuschauer entscheiden. Er wird "Die Kanzlei" annehmen oder nicht. Ich finde, es ist eine faire Entscheidung.

teleschau: Gab es denn noch einen Auftrag von Dieter Pfaff, wie man mit der Serie nach seinem Tod verfahren soll?

Knaup: Darüber weiß ich nichts. Wahrscheinlich eher nicht. Es war so, wie es meistens in solchen Fällen ist. Wenn ein Mensch sehr krank ist, zieht er sich zurück. Dann ist Film auch nicht mehr so wichtig wie das Leben selbst. Man lässt nur noch den engsten Kreis an sich heran. Natürlich hängt man auch am Leben und hofft, dass es weitergeht. Deshalb hieß es auch immer, der Dieter kommt zurück.

teleschau: Wie schwer war es, unter dem Schock dieses plötzlichen Todes weiterzuarbeiten?

Knaup: Schwer. Das hat man bei den Dreharbeiten schon deutlich gespürt. Die drei Frauen in unserem Ensemble, Sabine Postel, Katrin Pollitt und Sophie Dahl, waren extrem getroffen. Die haben den Dieter Pfaff als Kollegen und als Menschen über alles geliebt. Das Gefühl der Trauer von der schauspielerischen Arbeit zu trennen, war die schwierigste Aufgabe.

teleschau: Kann man im Spiel nicht auch ein bisschen von der eigenen Trauer verarbeiten?

Knaup: Ja, das ist in der Tat möglich. Es ist ein großer Vorteil, den wir Schauspieler in unserem Beruf haben. Normalerweise holt man sich diese Gefühle von einem anderen Ort ab. In diesem Fall war die Verbindung zwischen Realität und Spiel sehr eng. Ich weiß nicht, ob das immer so gut ist. Letztendlich muss man da jeden Schauspieler einzeln befragen. Ich kann mir vorstellen, dass das jeder auch ein bisschen anders empfindet. Unsere Arbeit an der Serie war auf jeden Fall durch all diese Umstände sehr außergewöhnlich.

Quelle: teleschau - der mediendienst