Dieter Hallervorden

Dieter Hallervorden





Älterwerden, ein Mittel gegen den Tod

Es heißt, Dieter Hallervorden sei schwierig. Er gibt selten Interviews. Und auf "Didi" und "Nonstop Nonsens" sollte man ihn besser nicht ansprechen. Stimmt alles ein bisschen, aber dann auch wieder nicht. Im Hamburger Hotel "Madison" sitzt ein älterer Herr in Hemd und Strickjacke am Schreibtisch einer kleinen Suite. Die bekannte Stimme, mit der eine ganze Generation zwischen 1975 und 1980 aufgewachsen ist ("Nonstop Nonsens"), klingt fest und sehr vertraut. Sie berlinert wie eh und je. Und trotzdem ahnt man, Smalltalk könnte mit Dieter Hallervorden schwierig werden. Auch wenn ihm die ARD mit "Chuzpe - Klops braucht der Mensch" (Samstag, 05.09., 20.15 Uhr) eine Komödie zum 80. schenkte - dieser extrem rüstige Mann von fast 80 Jahren sucht das ernsthafte, konzentrierte Gespräch. Es wird zum Lebensbericht eines notorischen Positivdenkers, rastlosen Arbeiters und Erfolgsmenschen. Erst durch seine späte Vaterschaft, so scheint es, zeigt sich Hallervorden auch mal von einer weicheren Seite.

teleschau: Spielen Sie in "Chuzpe" eine ähnliche Figur wie in "Sein letztes Rennen"? Also einen älteren Herren, der sich nicht damit abfinden mag, dass schon alles vorbei sein soll?

Dieter Hallervorden: In "Chuzpe - Klops brauch der Mensch!" geht es um einen Holocaust-Überlebenden, der sich nach über 60 Jahren in Australien entschließt, doch noch mal das Land zu betreten, wo er so schreckliche Dinge erlebt hat. Das ist eine optimistische Figur, die das Glas immer als halb voll empfindet. Es ist ein Mann, der immer noch sehr viel Lust am Leben hat. Und er krempelt dieses Leben noch mal total um, indem er mit über 80 nochmal neu in seinem neuen, alten Land anfängt. Dazu gehört schon sehr viel Chuzpe ...

teleschau: Wieviel hat das mit Ihnen zu tun?

Hallervorden: Alt ist man erst dann, wenn man mehr Freude an der Vergangenheit hat als an der Zukunft. Man muss sich an Dingen freuen, die noch vor einem liegen. Das setzt Kräfte frei, darin sehe ich auch den Sinn. Insofern hat diese Figur schon etwas mit mir zu tun. Edek, so heißt dieser Mann, ist jemand, der mit langem Atem ein Ziel verfolgt, der sich noch mal verlieben kann, der seine eigenen Wege geht.

teleschau: Ist diese Lebenseinstellung angeboren oder haben Sie sich die angeeignet?

Hallervorden: Alles, was ich an Lebensphilosophie mit mir herumtrage, stammt von meinem Vater. Er schrieb mir damals ins Poesiealbum: "Ich will, das Wort ist mächtig, spricht's einer leis' und still, die Sterne holt vom Himmel, das kleine Wort: ich will." Für mich gilt das immer noch genau so. Der Wille muss da sein! Natürlich darf man sich nicht selbst überschätzen. Man muss das, was man erreichen will, auch können. Ich habe dieses Lebensmotto für mich ein wenig abgewandelt und sage: Ich will immer mindestens einmal mehr aufstehen als hinfallen.

teleschau: Welche Ziele hatten Sie im Leben?

Hallervorden: Da, wo ich jetzt stehe, war mein Ziel. Ich wollte gern Schauspieler werden. Und zwar nicht einer, der nach fünf Jahrzehnten im Synchronstudio die Rente einreicht, sondern ich wollte vor Publikum auf der Bühne stehen. Ich wollte, dass die Leute mich nach fünf Jahrzehnten noch kennen und sehen wollen. Ich wollte zeigen, dass ich als Schauspieler eine gewisse Bandbreite beherrsche. Dass ich nicht nur das Komische, sondern auch Charakterrollen spielen kann. Das alles ist wahr geworden. Inklusive des Letztgenannten. Das hat dann noch auf meine alten Tage geklappt. Dass ich da noch mal eine neue Karriere machen würde mit Rollen, die man mir vor sechs, sieben Jahren mehrheitlich nicht zugetraut hätte, ist natürlich toll.

teleschau: Sie haben jedoch mit Kabarett angefangen. Was danach aussieht, als hätten Sie anfangs schon vor allem komische Rollen gesucht?

Hallervorden: Nein, das ist nicht richtig. Ich habe auf der Schauspielschule hauptsächlich Franz Moor studiert - also den bitterbösen Schurken aus Schillers "Die Räuber". Ich habe auch in "Turandot" von Schiller gespielt. Erst danach bin ich ins politische Kabarett gegangen - weil ich eben auch ein politischer Mensch war und bin. Schließlich hat man mich als Synchronstimme von Marty Feldman haben wollen. Das hat mir dann den Weg ins Komische geöffnet und war wahrscheinlich auch der Grund, warum man mir die Sendung "Nonstop Nonsens" gab. Später bin ich dann zum politischen Kabarett zurück. Aber ich wollte nie in irgendwelchen Schubladen verschwinden. Natürlich kann ich als Schauspieler nur das machen, was mir angeboten wird. In dieser Beziehung bin ich Kilian Riedhof, dem Regisseur von "Sein letztes Rennen", sehr dankbar. Er hat diese Rolle für mich geschrieben, wir haben das Projekt mit Erfolg durchgesetzt. Ohne "Sein letztes Rennen" hätte mir Til Schweiger niemals "Honig im Kopf" angeboten.

teleschau: Hadern Sie ein bisschen damit, dass Sie so spät als ernsthafter Schauspieler Erfolg haben?

Hallervorden: Was hätte ich davon, wenn ich damit hadern würde? Es würde meine Vergangenheit nicht ändern. Klar wäre es schöner gewesen, wenn das früher gekommen wäre. Aber - alles hat seine Zeit und ich bin froh, dass es überhaupt dazu kam. Wie gesagt, ich bin ein Mensch, der in Gegenwart und Zukunft zu leben versucht.

teleschau: Wie ändern sich die Ziele, wenn man älter wird. Werden sie ein bisschen kleiner?

Hallervorden: Im Leben ändert sich ständig alles. Man muss sehen, wie weit man mit der Zeit gehen kann und wo das keinen Sinn mehr macht. Manchmal sind Ziele, die man sich mal gesetzt hat, irgendwann überholt. Wenn es um die Arbeit geht, sagen wir ein Drehbuch, entscheide ich mit Bauch, Herz und Hirn, ob ich das machen will. Ich habe ja lange Zeit keinen Kinofilm mehr gemacht. Das liegt daran, dass ich mir vorher sehr genau überlege, ob man diesen Film von mir braucht. Ich will nicht als Loser vorm Publikum stehen, weil meine Idee niemanden außer mich selbst interessiert. Ich will auch nicht Rollen spielen, die ich schon mal gezeigt habe und die meinetwegen erfolgreich waren. Solche Projekte empfände ich als langweilig, als Zeitverschwendung.

teleschau: Den meisten Menschen ab 30 machen runde Geburtstage Angst. Sie sorgen zumindest für ein bisschen Unbehagen. Mit welchen Gefühlen nähern Sie sich der Zahl 80?

Hallervorden: Ich konnte nie verstehen, warum Leute jammern, die 30 oder 50 werden. Ich habe in solchen Momenten immer gesagt: So, das habe ich schon mal geschafft. Was kommt als nächstes? Manchmal treffe ich Leute, die werden selbst ganz traurig, wenn sie erfahren, dass ich bald 80 werde. Die muss ich dann aufbauen! Denn es ist nicht schlimm, 80 zu werden. Viel trauriger ist, wenn man nicht 80 wird. Ich hoffe, so rege, wie Sie mich hier sitzen sehen, dass vielleicht noch ein paar Jahrzehnte dazukommen ...

teleschau: Das heißt, Sie haben nie wirklich eine Lebensjahrzehnt-Krise gehabt?

Hallervorden: Nein. Dass man älter wird, ist ein Vorgang, mit dem man seit der Geburt vertraut ist. Wichtig ist nur, dass man aus dem Älterwerden etwas macht. Solange Älterwerden das einzig bekannte Mittel ist, um länger leben zu können, ist es schon der richtige Weg.

teleschau: Für jeden Menschen vergeht die Zeit ja gleich schnell. Trotzdem geht jeder unterschiedlich mit diesem Prozess um. Liegt das in der Genetik oder kann man etwas daran ändern?

Hallervorden: Ich habe ja erklärt, wie ich es sehe. Wie das andere sehen, daran kann ich nichts ändern. Ich glaube nur, dass meine Art nicht nur die optimistischere, sondern auch die realistischere Sicht der Dinge ist. Sicher ist es auch die gesündere.

teleschau: Sie gelten als extrem arbeitsamer Mensch. Schonen Sie sich mittlerweile auch ein bisschen, oder würden Sie sagen: Ich mache genauso viel wie vor 20 oder 30 Jahren?

Hallervorden: Ich leite nach wie vor das Kabarett-Theater "Die Wühlmäuse", das ich selbst als junger Springinsfeld 1960, mit 25 Jahren, gegründet habe. Ich habe vor sechs Jahren mit eigenen Mitteln das Schlosspark Theater in Berlin wieder zum Leben erweckt. Das ist ein Theater, das in früheren Zeiten eine große Reputation hatte. Und ich sah nicht ein, warum das geschlossen bleiben sollte. So, das sind schon mal zwei Dinge. Dazu kommt, dass ich Filme mache und fürs Fernsehen drehe. Außerdem kümmere ich mich noch sehr gerne um meinen 16-jährigen Sohn. Das ist ein ausgefülltes Leben, von dem ich sage: Genau so muss es laufen!

teleschau: Da ist also ganz viel Arbeit und dann noch ein bisschen Familie?

Hallervorden: Nein, das war jetzt keine Wertung in dieser Reihenfolge. Ich habe sogar noch Zeit für viele Dinge, die ich noch gar nicht erwähnt habe. Meine Hobbys zum Beispiel: Ich lese und surfe sehr gerne, außerdem arbeite ich ambitioniert im Garten. Eben alles zu seiner Zeit. Auf den Ruhestand habe ich mich im Gegensatz zu manchem Kollegen nie gefreut. Ich bevorzuge den Unruhestand. Ich hätte niemals Lust, mich irgendwo hinzusetzen, um verzweifelt zu versuchen, kleine Segelboote in Weinflaschen zu stecken oder - auch wenn ich Hobbygärtner bin - die Rasenkante mit der Nagelschere zu bearbeiten.

teleschau: Sie surfen?

Hallervorden: Ja, ich rede vom Windsurfen! Und zwar so ab Windstärke fünf - mindestens. Im Trapez. Das habe ich vor Jahrzehnten gelernt, und das praktiziere ich auch weiter.

teleschau: Wenn Sie auf alle Dinge zurückblicken - worauf sind Sie am meisten stolz?

Hallervorden: Wenn wir übers Professionelle reden, muss ich nicht lange überlegen: die Wiedereröffnung des Schlosspark Theaters. Mit 73 oder 74 Jahren ein Theater zu eröffnen, war eine Entscheidung, die mir nicht leicht gefallen ist. Ich habe als junger Theaterschüler in diesem Haus alle großen Inszenierungen gesehen: mit Leuten wie Martin Held, Carl Raddatz oder Horst Bollmann. Alle Großen haben da gespielt. Und ich konnte nicht einsehen, dass ein solches Theater rein der Sparsamkeit wegen vom Senat geschlossen wird. Natürlich kann ich nicht alle legendären Theater der Welt wiedereröffnen. Aber dieses lag mir eben speziell am Herzen. Ich hoffe, dass es - unabhängig von mir - Berlin noch lange erhalten bleibt.

teleschau: Auf was sind Sie abseits des Berufs am meisten stolz?

Hallervorden: Da kann ich mit Augenzwinkern sagen, dass mir mit 64 Jahren noch mal so ein prächtiger Sohn gelungen ist, macht mich stolz. Ich hatte im höheren Alter ein ganz anderes Bewusstsein fürs Vatersein. Ich wäre bei meinen ersten Kindern nicht darauf gekommen, die mal zu wickeln, das Fläschchen zu geben oder überhaupt bei der Geburt dabei zu sein. All das habe ich - spät - noch nachgeholt. Ich weiß, was ich alles verpasst habe, weil ich die ersten Jahre meiner anderen Kinder nicht so zur Verfügung stand. Es ist schwer, das alles in Worte zu fassen, ohne dass mir jetzt gleich die Tränen kommen. Mein Sohn ist heute mein Seelenmittelpunkt.

teleschau: Waren Sie früher ein typischer Workoholic? Einer, der mit Familie nicht viel am Hut hatte - so wie viele Männer Ihrer Generation?

Hallervorden: Vielleicht. Ich wollte früher eben nicht Mr. Unbekannt bleiben. Nicht vor 20 Zuschauern spielen, sondern vor vollen Kirchen predigen. Es hatte nichts damit zu tun, dass die Familie nicht intakt gewesen wäre. Es gab einfach andere Prioritäten und ein nicht so gut entwickeltes Bewusstsein bei mir, was ich da verpasst habe. Heute habe ich vor Vorstellungen immer ein kleines Bild von meinem Sohn an der Garderobentür. Ein Foto, auf dem er natürlich noch sehr viel jünger ist. Das Foto sagt mir: Es gibt viele Dinge, die wichtiger sind im Leben als ein Versprecher. Das zügelt mein Lampenfieber.

teleschau: Man sagt, dass Sie heute nicht mehr gerne auf Didi und Ihre Zeit mit "Nonstop Nonsens" angesprochen werden. Stimmt das?

Hallervorden: Ich hätte Didi niemals gespielt, wenn nicht große Teile von mir in Didi gesteckt hätten. Ich verdanke Didi viel. Ohne ihn hätte ich das Portemonnaie nicht so voll gehabt, um das Schlosspark Theater zu eröffnen. Ich glaube, wer möglichst lange Kind bleibt, wird auch älter. Didi hatte viel von dem jungen Dieter Hallervorden. Das ist auf jeden Fall ein Teil von mir, ich habe ja auch einen Großteil der Szenen selbst geschrieben. Ich verurteile diese Figur nicht, aber ich konnte natürlich nicht ein Leben lang nur Didi spielen. Es wäre mir persönlich zu langweilig gewesen. Hätte ich "Sein letztes Rennen" als Didi gespielt, könnte man den Film zu Recht in die Tonne treten. Ich musste irgendwann einfach andere Dinge zeigen. Trotzdem ist Didi wie ein Halbbruder für mich. Aber er ist auch eine Kunstfigur - die ich gerne gespielt habe.

teleschau: Hat Sie Didi behindert, in den 90er- oder Nullerjahren auf anderem Terrain erfolgreich zu sein?

Hallervorden: Ja klar, bestimmte Medien stopfen Leute gerne in Schubladen. Mit 21 Folgen "Nonstop Nonsens" habe ich viel dazu beigetragen, in eine solche Schublade hineinzukommen. Aber es entscheidet immer noch derjenige, der in der Schublade steckt, ob Sie ihm bequem genug ist oder ob er vielleicht aus der Schublade heraus will. Ich habe alles dafür getan, um rauszukommen.

teleschau: Worauf freuen Sie sich noch im Leben?

Hallervorden: Erst mal freue ich mich darüber, gesund zu sein. Viele Leute wissen ihre Gesundheit erst dann zu schätzen, wenn sie bestimmte Körperteile nicht mehr bewegen können. Ich freue mich jetzt schon jeden Tag über das, was ich noch alles kann. Außerdem freue ich mich über ein großes Theaterprojekt, über das ich jetzt noch nicht reden kann, und über einige Pläne in Sachen Film und Fernsehen. Ich weiß noch nicht, ob ich von diesen Plänen auch nur eine Sache umsetzen werde. Das ist alles noch offen, mal sehen. Zunächst mache ich eine Pause in meinem selbstgewählten Exil in Frankreich, um die Batterien neu aufzuladen.

teleschau: Sie wohnen dort auf einer winzigen Insel vor der Atlantikküste. Wie ist es dazu gekommen, dass Sie sich an einen solchen Ort zurückgezogen haben?

Hallervorden: Ich bin seit Jahrzehnten außerordentlich geräuschempfindlich. Und mit der überall stattfindenden Technisierung unserer Welt wird es ja überall lauter. Man denke alleine an die Handys und all die Gespräche, die man mit anhören muss, wenn man in der Bahn sitzt, im Aufzug fährt oder wie auch immer. Deshalb habe ich mich schon vor Jahrzehnten dazu entschlossen, dass ich gern auf einer Insel leben möchte. Ich habe die Insel zu einem Zeitpunkt gekauft, da war sie billiger als meine Eigentumswohnung in Berlin. Ich bin übrigens nicht generell geräuschempfindlich. Das Rauschen der Wellen, der Wind in den Bäumen, das Schreien der Möwen sind für mich natürliche Geräusche, die genieße ich. Nur mit der technischen Welt komme ich schwer klar.

teleschau: Trotzdem schaffen Sie es, nebenbei auch noch in einer so lauten Stadt wie Berlin zu leben?

Hallervorden: Ja, sicher. Aber ich lebe ein bisschen am Rande der Stadt. Fast schon im Wald. Dort höre ich vor allem das Bellen der Hunde und ab und zu Polizeisirenen. Gehört für mich zwar nicht in die Kategorie Möwenschrei, aber insgesamt kann ich das Leben in Berlin ganz gut aushalten.

teleschau: Wie weit planen Sie dieses Leben voraus?

Hallervorden: Mein Hausmeister im Theater hat mir so einen Anhänger gemacht, weil ich ständig Schlüssel verliere - mit dem kann ich dort Türen öffnen. Auf dem Anhänger steht, dass er bis zum 5. September 2035 gilt. Ich habe das Ziel, diesen Hausmeister nicht zu enttäuschen.

Quelle: teleschau - der mediendienst