Das Märchen der Märchen

Das Märchen der Märchen





Keine Gute-Nacht-Geschichte

Die Märchenwelt könnte so schön sein: die Rollen klar in Gut und Böse aufgeteilt, und am Schluss wartet das Happy End. So schön, so langweilig. Der italienische Regisseur Matteo Garrone ("Gomorrah") kramte dagegen tief in der Mottenkiste der Kulturgeschichte seines Landes und förderte "Das Märchen der Märchen" zu Tage. In seinem Werk verwebt er virtuos drei Geschichten aus dem "Pentameron", einer Sammlung des neapolitanischen Schriftstellers Giambattista Basile aus dem 17. Jahrhundert. Auf eine verwirrende, aber auch sehenswerte und wundersame Weise vermischen sich in diesen "Urmärchen" Gewalt, Erotik und Groteskes zu einem Film, in dem ein gutes Herz zum Überleben nicht reicht.

Es waren einmal Märchen, an deren Verfilmung sich bis zum Regisseur Matteo Garrone keiner wagte. Sie erzählen von monströsen Geschöpfen, anmaßenden Wünschen und unglaublichen Liebesbeziehungen. Die Königin von Lontrellis (Selma Hayek) kann keine Kinder bekommen. Aus Mitleid und tiefer Zuneigung begibt sich ihr Mann (John C. Reilly) auf ein lebensgefährliches Abenteuer. Er muss ihr das Herz eines Seemonsters bringen. Jenes muss anschließend in einem genau zu befolgenden Ritual von einer Jungfrau zubereitet und von der Königin verspeist werden, die daraufhin sofort schwanger werden soll. Das funktioniert, doch der König bezahlt dieses Abenteuer mit dem Leben.

In einer grandiosen Szene verschlingt Selma Hayek als verzweifelte Noch-Kinderlose auf ihrem hölzernen Herrscherstuhl an einer langen weißen Tafel das riesige, blutende Herz auf einem Silberteller. Mit Messer und Gabel und bis zum letzten Bissen. Immerhin: Es lohnt sich, sie wird tatsächlich schwanger. Doch nicht nur der Königssohn wird geboren. Auch die Jungfrau hat vom Herzen gekostet und bringt einen Zwilling zur Welt, dessen Existenz die schöne heile Mutter-Kind-Welt der Königin bedroht.

Alle drei Geschichten handeln von Obsessionen, die ausgelebt werden und fatale Folgen haben. Matteo Garrone erzählt sie parallel, hüpft von einem Königreich ins nächste und hält sich auch in einer Erzählung nur bedingt an die Chronologie. Nichts ist vorhersehbar. Wenn man glaubt zu wissen, wie die Geschichte läuft, kommt eine neue Wendung. Ein Oger taucht auf, nicht grün und putzig, sondern ein richtiger Menschenfresser, der zwar à la "Die Schöne und das Biest" seine Prinzessin verschont. Doch die Lebensbedingungen in seiner Höhle im Fels sind doch allzu garstig, also muss die Liebliche tätig werden.

Wem im "Märchen der Märchen" Motive bekannt vorkommen, liegt richtig. Denn auch die Brüder Grimm kannten die 50 Erzählungen umfassende Sammlung und nahmen sie als Grundlage für viele ihrer Geschichten. So befremdlich Garrones Film inhaltlich auch sein mag, so großartig sind die Bilder, die er für diese Groteske findet. Eine junge Schönheit liegt wie hingegossen nackt, nur leicht umhüllt von einem roten Tuch, im grünen Wald. Hier findet sie der lüsterne König von Strongcliff (überzeugend: Vincent Cassel). Und auch die mächtigen Mauern des achteckigen Castel del Monte - einem an sich schon faszinierenden Bau der Staufer in Apulien - bieten eine mächtige und interessante Kulisse weit weg von den Disney-Schlössern.

Wer der üblichen Märchenverfilmungen überdrüssig ist, dem bietet Matteo Garrones Film ein spannendes und visuell überzeugendes Fantasy-Erlebnis. Eines mit intensiven emotionalen Momenten und einer dezent eingebauten Moral zu zeitlosen Themen wie dem Verlangen nach ewiger Jugend. Die Spezialeffekte wirken gewollt altbacken und verleihen dem Film einen "märchenhaften" Charakter. Erzählungen aus einer anderen Zeit, berührend und beängstigend zugleich - und ganz sicher nicht für Kinder geeignet.

Quelle: teleschau - der mediendienst