Frank

Frank





Mit dem Kopf durch die Wand

Plötzlich ist er doch in einer Band. Eigentlich ist es genau das, was sich Jon (Domhnall Gleeson) immer wünschte. Der schüchterne Junge wäre gerne Popstar, allein es fehlen ihm die kreativen Ideen. Doch seine Karriere als Musiker, die hat er sich anders vorgestellt: So merkwürdig der Bandname Soronprfbs ist, so exzentrisch sind auch die Mitglieder. Allen voran Frank (Michael Fassbender): Der Titelheld in Lenny Abrahamsons fantastischer Tragikomödie versteckt sich unter einem Plastikkopf und will mit fragwürdigen Methoden die Kreativität aus seinen Kollegen zu Tage fördern. Schrullige 91 Minuten lang ist "Frank" zugleich liebevolle Musikersatire, schräges Borderline-Porträt und ein mit großer Herzlichkeit vorgetragenes Plädoyer für den Respekt gegenüber Außenseitern - versehen mit einem leichten Schuss Social-Media-Analyse.

"Das ist ein scheiß Madness-Song", flucht Jon vor sich hin, nachdem er mal wieder einen ganzen Tag lang erfolglos versucht hat, einen Hit zu komponieren. Viel fällt ihm nicht ein, er beschreibt einfach nur, was er sieht: Frauen in roten Mänteln, Häuser, einen Hund. Und die Melodien, die ihm einfallen, die sind auch alle schon mal dagewesen. Popstar wird der Junge aus einer britischen Küstenstadt wohl nicht mehr.

Anstatt über musikalische Fortschritte twittert er also eher über seinen Cheeseburger - bis ihm ein Selbstmörder über den Weg läuft. Der Keyboarder der Band Soronprfbs will sich im Meer ertränken, und Jon darf für ihn einspringen. Der Auftritt geht gehörig in die Hose, beziehungsweise endet in Flammen und zerdepperten Instrumenten. Jon gewiss doch ist trotzdem fasziniert und lässt sich für ein weiteres Engagement ködern: "Wir haben da eine große Sache in Irland vor." Die große Sache, das sind die Aufnahmen für ein Album - die Jon ein Jahr lang ins Nirgendwo Irlands führen.

Es ist ein Haufen Verrückter, auf den sich der Möchtegernmusiker da eingelassen hat. Aber was ist schon verrückt? Regisseur Lenny Abrahamson begegnet seinen Figuren, die gemeinhin als Loser abgestempelt werden würden, mit viel Empathie und Verständnis. Er lässt ihnen Platz zur Entfaltung, sie dürfen ihre Schrulligkeiten ausleben und sich hinter ihren Masken verstecken: Allen voran Frank, der seinen Kopf nicht mal zum Duschen abnimmt, sich mit Flüssignahrung durch einen Strohhalm ernährt und seine Bandkollegen mit Schreiübungen, Prügeleien und anderen merkwürdigen Methoden zum Ursprung der Musik führen will.

Auch wenn man sein Gesicht nicht sieht, spielt Michael Fassbender diesen manischen Musiker Frank, der zur Not mit dem Kopf durch die Wand geht, mit facettenreicher Intensität. An seiner Seite tobt sich Maggie Gyllenhaal als zynische, gewalttätige Clara aus. Selten wirkte eine Musikerin so beängstigend wie dieser immer kurz vor der Eruption stehende Vulkan in schwarzen Kleidern.

Jon beobachtet das merkwürdige Treiben mehr, als dass er musikalische Impulse setzen kann. Er verehrt Frank wie einen Guru, labt sich an dessen Einfallsreichtum und füttert derweil heimlich die sozialen Netzwerke mit Berichten über seine Erfahrungen. Das führt die Band nach langem Kampf und einem weiteren Selbstmord schließlich zum SXSW-Festival. Erst dort, im texanischen Austin, erkennt Jon, worum es der Band, worum es Frank die ganze Zeit überhaupt ging.

Es ist ein großer Knall nötig, um ihn erwachsen werden zu lassen, in diesem einfühlsamen und ehrlichen Film, der seine sympathische Bande von Außenseitern sehr ernst nimmt und gleichwohl witzig ist. Dass am Ende Träume platzen und hinter jeder Schrulligkeit eine tragische Geschichte steckt, holt die exzentrische Filmfantasie in die Realität - wo sie auch hingehört! "Frank" basiert lose auf einem Artikel von Jon Ronson ("Männer, die auf Ziegen starren"), der darin seine Zeit als Keyboarder in Frank Sidebottoms Oh Blimey Big Band beschrieb.

Quelle: teleschau - der mediendienst