Viola Davis

Viola Davis





Anders als die anderen

Viola Davis ist anders als andere Hollywood-Schauspielerinnen: Die Afro-Amerikanerin aus South Carolina passt nicht in Size Zero und überschritt am 11. August die magische und im Showbusiness oft kritische Grenze von 50 Jahren. Doch trotzdem oder gerade deswegen ist Viola Davis momentan ganz dick im Geschäft. Sie übernahm die Hauptrolle in der Crime-Serie "How to Get Away with Murder", die aus der Feder von Shonda Rhimes ("Grey's Anatomy") stammt und in den USA für Furore sorgt. Nachdem dort bereits die zweite Staffel rund um die knallharte Strafverteidigerin Annalise Keating abgedreht wurde, strahlt VOX ab dem 2. September die ersten Folgen als deutsche Free-TV-Premiere aus. Immer mittwochs, 20.15 Uhr, zeigt die zweifach Oscar-Nominierte (für ihre Rollen in "The Help" und "Glaubensfrage"), dass sie mehr kann, als nur "eine schwarze Haushaltshilfe spielen", wie sie uns beim Interview in Paris erzählt. Ihre Klasse beweist sie nicht nur mit ihrem intensivem Spiel, sondern auch durch ihren Mut: Vor laufender Kamera entfernte sie das Make-up und legte ihre Perücke ab, wodurch sie ein riesiges Medienecho auslöste. Warum ihr diese "Nacktheit" wichtig war und welche Tabus sie sonst noch bricht, verrät die Mutter einer Adoptivtochter im Interview.

teleschau: Gibt es Eigenschaften von Annalise, die Sie gerne hätten?

Viola Davis: Oh ja! Ihren Mut. Ich wünschte, ich wäre weniger ängstlich im Umgang mit anderen Leuten. Ich brauche Jahre, um Menschen selbst mit Kleinigkeiten zu konfrontieren. Ich bin viel zurückhaltender und schüchterner als sie. Es ist toll, dass sie so straight ist.

teleschau: Annalise ist vollkommen anders als die meisten Hauptdarstellerinnen in TV-Serien. Glauben Sie, dass sich die Zuschauer dennoch mit ihr identifizieren oder zumindest sympathisieren?

Davis: Ich kann verstehen, dass die Leute Annalise als Anti-Hero sehen. Aber ich versuche, nicht in das Schema der Hollywood-Beauty zu passen, sondern ich möchte eine Everyday-Woman zeigen. In ihr können die weiblichen Zuschauer Teile von sich selbst finden und sich damit identifizieren. Ich denke, das ist meine Aufgabe als Schauspielerin. Der Rest der Serie ist sehr rasant und mysteriös. Ich wollte etwas Greifbares und Realistisches dazu beitragen.

teleschau: Sie hatten also ein Mitspracherecht bei der Rollenentwicklung?

Davis: Ja, Shonda wollte mit mir zusammenarbeiten und meine Meinung hören. Und damit hat sie mich gekriegt.

teleschau: Welche Szenen und Charakterzüge haben Sie beeinflusst?

Davis: Zum Beispiel habe ich gesagt, dass ich nicht unterzeichnen werde, bis mir zugesichert wird, dass wir meine Haare thematisieren. Das ist jetzt sehr simpel zusammengefasst: Im Fernsehen siehst du immer einen bestimmten Typ Frau: perfekte Wesen mit einer Size Zero. Wenn sie eine Perücke trägt, dann geht sie damit schlafen und wacht mit perfekt sitzendem Haarteil und tollen Wimpern auf. Aber sie hat falsche Wimpern und Haare, und es wird lediglich so dargestellt, als würde sie von Natur aus so perfekt aussehen - immer!

teleschau: Und diesem ewigen Film- und Fernseh-Fake wollten Sie ein Ende setzen?

Davis: Ja! Wenn die Zuschauerinnen diese perfekten Frauen sehen, fühlen sie sich schlecht, weil sie selbst nicht so perfekt sind. Und genau das wollte ich ändern. Also sagte ich Shonda: "Zeig eine Frau, die ihre Maske abnimmt!" Denn Annalise ist äußerlich so hart, dass sich dahinter ein weicher Kern verstecken muss. Ich wollte jemanden zeigen, der sich nicht hinter irgendetwas versteckt, sondern die nackte Wahrheit zeigt. Jemand, der das Gegenteil von dem ist, was er in der Öffentlichkeit darstellt. Ich habe Annalise so geformt, dass am Ende eine echte Frau gezeigt wird. Ich wollte weder mir persönlich als Schauspielerin, noch Annalise den Gefallen tun, einem einfachen Klischee zu entsprechen.

teleschau: Sie mussten also auch Ihre persönliche Komfortzone verlassen?

Davis: Ja, absolut! Nicht nur in den Episoden ohne Make-up- und Perücke. Es gab auch eine Szene, in der ich gegen die Wand gelehnt Sex mit meinem heißen Lover habe - das ist unbequem.

teleschau: Ach was ...

Davis: (lacht) Nicht nur, weil die Position unbequem ist, sondern es ist es auch in dem Sinne, dass ich weiß, dass die Zuschauer das sehen. Es ist etwas, dass die Leute nicht kennen und erwarten. Ich entspreche nicht dem typischen Muster: Normalerweise sind es in Filmen andere Frauen, die heißen Sex haben! Aber trotzdem oder gerade deswegen müssen wir es machen. Es ist eine Möglichkeit für mich, über mich hinauszuwachsen und eine Chance, gesehen zu werden bei etwas Neuem, das ich tue. Denn vorher spielte ich immer Dienstmädchen.

teleschau: Wie war das Medienecho?

Davis: Gewaltig. Es war sehr revolutionär, was wir da gezeigt haben. So ähnlich wie damals Katherine Hepburn, die als erste Schauspielerin Hosen trug. Damals war es ein Skandal, heute ist es ganz normal. Es ist gut, dass wir darüber reden und endlich Menschliches im Fernsehen zeigen. Eine Frau, die ihre Perücke abnimmt. Das ist ein Novum. Ebenso die Erregung einer Frau beim Sex zu sehen, ist neu.

teleschau: Warum haben Sie sich ausgerechnet jetzt - nach zwei Oscar-Nominierungen und zahlreichen Hollywood-Filmen - dafür entschieden, eine Hauptrolle in einer TV-Serie zu übernehmen?

Davis: In "The Help" hatte ich eine wichtige Rolle, aber abgesehen davon, war ich meist das Mädchen hinten links in der dritten Reihe. Deshalb war es sehr leicht, Ja zu "How to get away with murder" zu sagen. Es ist eine Möglichkeit, meine Vielfalt zu zeigen und im Gespräch zu bleiben. Denn du musst einfach relevant bleiben. Selbst, wenn du einen wichtigen Filmpreis gewonnen hast, bringt dir das nichts, solange du nicht die Hauptrolle in einem Film hattest, der für mindestens fünf Millionen Dollar produziert wurde und dann 500 Millionen eingespielt hat und weltweit gezeigt wird. Selbst, wenn die Leute dein Gesicht kennen, bist du noch lange kein gut gebuchter Erfolgsgarant. Und ich fand es toll, endlich mal einen sexy, mysteriösen Charakter zu spielen! Shonda hat mir im Vergleich zu anderen, ein tolles Angebot gemacht.

teleschau: Sie konnten eine farbige, reifere, echte Frau darstellen.

Davis: Genau, das ist Shondas großer Coup: Sie hat schwarze Frauen ins 21. Jahrhundert geholt und neu definiert. In anderen Filmen und Serien sind sie alle immer gleich und arbeiten auf dem Feld. Bei Shonda ist die Herkunft irrelevant und das volle Spektrum an Menschlichkeit wird gezeigt. Das ist großartig. Etwas Besseres konnte mir nicht passieren!

Quelle: teleschau - der mediendienst