Gloria

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"Die Dinge sensibel wahrnehmen ..."

Klaas Heufer-Umlauf mal ganz unironisch und ohne Witz? Geht nicht? Geht doch! Als eine Hälfte von Gloria, der Indie-Pop-Band, die der TV-Moderator (Joko & Klaas) zusammen mit Wir sind Helden-Gitarrist Mark Tavassol gegründet hat, kann man Heufer-Umlauf vollkommen echt und ungekünstelt erleben. Und sogar ziemlich gefühlvoll - nachzuhören etwa auf dem bereits zweiten Gloria-Album "Geister", das jetzt erscheint. Im Interview spricht das Duo über seine Freundschaft, die Tücken des Showgeschäfts und die neue Verletzbarkeit, die Heufer-Umlauf auf der Musikbühne spürt.

teleschau: Klaas und Mark, seit ein paar Jahren sind Sie als Gloria eine Band, seit noch ein paar mehr Freunde. Worauf basiert die eigentlich: Ihre Freundschaft?

Mark Tavassol: Auf vielen Gesprächen!

teleschau: Erzählen Sie einander ganz offen von Ihrem Gefühlsleben?

Klaas Heufer-Umlauf: Ja, auf jeden Fall. Wir sprechen über das, was uns berührt, und das sind in der Regel die beiden großen Themen, die jeden irgendwie berühren: Liebe und Gesellschaft.

Tavassol: Und darüber schreiben wir dann natürlich auch, denn wir glauben beide fest daran: Man kann nur über das schreiben, was man schon mal selbst gefühlt hat. Wir folgen da sicherlich einem inneren Kompass.

teleschau: Und wie muss man sich das dann vorstellen? Sie sitzen zu zweit bei Wein und Kerzenschein auf dem Teppich und schreiben melancholische Lieder?

Tavassol: Diese Art von Romantik gibt es eigentlich gar nicht - auch bei anderen Musikern nicht. Für das erste Album haben wir tatsächlich sehr oft und lange aufeinander gehockt. Jetzt, beim zweiten Album war es auch oft so, dass wir uns einfach unsere Texte zugeschickt haben. So kenne ich es auch von Wir Sind Helden, wo wir auch immer sehr eigenbrötlerisch gearbeitet haben.

teleschau: Auf "Geister" geht es vor allem um gesellschaftliche Themen, auch das Showgeschäft scheint ein Thema zu sein. Was hilft dort gegen die falschen Geister?

Heufer-Umlauf: Regelmäßiges Reflektieren hilft. Man sollte seine eigenen Motive immer wieder neu hinterfragen. Also: Warum mache ich das alles? Was waren und was sind meine Ideale?

teleschau: Bereuen Sie selbst einige Dinge, die Sie in dieser Branche gemacht haben?

Heufer-Umlauf: Natürlich gibt es Dinge, von denen ich im Nachhinein dachte, dass ich sie besser nicht getan hätte. Aber Bereuen muss ja nicht heißen, dass man sich heulend im Zimmer versteckt oder zusammenfällt, sobald man in den Spiegel guckt.

teleschau: Sondern?

Heufer-Umlauf: Es geht darum, die Dinge möglichst sensibel wahrzunehmen, also zu merken und anzuerkennen, dass man bestimmte Dinge aus bestimmten Gründen, etwa dem eigenen Reifegrad, falsch gemacht hat. Und dann sollte man auf eine positive Weiterentwicklung hoffen.

teleschau: Herr Heufer-Umlauf, Sie haben mal gesagt, dass die Musik Sie generell verletzbarer machen würde. Haben Sie sich an dieses Gefühl schon gewöhnt?

Heufer-Umlauf: Es stimmt, dass ich als Musiker etwas mehr die Hose runterlasse. Das passiert automatisch, weil es nicht mehr nur ironisch zugeht. Es ist zwar schon etwas besser geworden, aber das Selbstbewusstsein, das man auf der Musikbühne braucht, werde ich mir wohl nie zu hundert Prozent aneignen können.

teleschau: Fühlt sich das unangenehm an?

Heufer-Umlauf: Ein bisschen unangenehm ist das tatsächlich. Wobei ich hoffe, dass dieses Unangenehme nie ganz weggeht, denn damit würde auch ein Stück weit die Intimität eines Songs oder Konzerts verloren gehen.

teleschau: Glauben Sie, dass Sie sich durch die Musik generell verändert haben? Durch immer mehr Zeit auch, in der Sie sich mit diesen ernsten Geschichten beschäftigen, die Sie für Gloria singen?

Heufer-Umlauf: Im Idealfall entwickelt man sich natürlich sowieso weiter, ob mit oder ohne Musik. Aber klar, durch so etwas wie Musik kann man eine Entwicklung schon etwas besser beobachten. Ein Song ist ja sehr greifbar, daran kann man einiges ablesen.

teleschau: Können Sie sofort in den Gloria-Modus switchen, wenn Sie anfangen, gemeinsam musikalisch zu arbeiten?

Tavassol: Wir brauchen nicht jedes Mal Anlauf, auch weil die Zeiten zwischen den Blöcken, in denen wir arbeiten - sei es im Studio oder auf Tour - nicht all zu lang sind. Wir müssen nicht jedes Mal so Reunion-mäßig eine Woche auf einen Landgasthof fahren und uns finden. Wobei: Als wir mit dem Schreiben vom neuen Album angefangen haben, mussten wir schon erst mal wieder rein kommen in diesen Prozess.

teleschau: Wie oft machen Sie überhaupt Musik, wenn Sie sich treffen?

Tavassol: Bevor wir zusammen eine Band hatten, haben wir uns eher sporadisch getroffen. Irgendwann waren wir dann mal zu zweit - und es ging sofort um Musik. Seitdem hatten und haben wir immer vor, wenn wir uns sehen, auch Musik zu machen. Oder zumindest darüber zu sprechen.

teleschau: Und wie wichtig ist Gloria für Sie beide aktuell?

Heufer-Umlauf: Man darf bei der Überlegung, warum man eine Band gründet, Platten rausbringt und auf der Bühne steht, nicht vergessen, dass das, was am meisten Spaß macht, immer noch das Musikmachen ist. Das geht bei diesem ganzen Pop-Zirkus immer ein bisschen unter. Viele denken, wir hätten zuerst die großen Hallen gebucht, bevor wir überhaupt einen einzigen Song geschrieben hatten.

Tavassol: Eine Band sollte einem immer genau so wichtig sein, wie sie einem Freude bereitet. Daher ist uns Gloria im Moment natürlich sehr wichtig.

teleschau: Und wie war es anfänglich?

Heufer-Umlauf: Wir haben uns erst einmal viele Jahre hobbymäßig getroffen und Musik gemacht, ohne die Intention zu haben, ein Album zu machen.

teleschau: Das hätten Sie ja auch weiterhin so handhaben können. Vielleicht brauchten Sie aber irgendwann die Öffentlichkeit, um noch mehr Spaß zu haben.

Tavassol: Wir wollten viel mehr den Spaß, den wir zu zweit schon hatten, konservieren. So ist damals auch das erste Album entstanden.

teleschau: Und Ihr Bühnendrang? Hat der keine Rolle dabei gespielt?

Heufer-Umlauf: Ist doch klar: Jeder, der regelmäßig auf die Bühne geht, hat auch ein gewisses Bedürfnis, im Mittelpunkt zu stehen und sicherlich auch eine Veranlagung zur Egozentrik. Wer das bestreitet, erzählt Quatsch. Wichtig ist bei all dem nur zu wissen, wo dieses Bedürfnis anfängt, und wo es aufhören sollte.

teleschau: Wer von Ihnen beiden ist denn die größere Rampensau?

Heufer-Umlauf: Ich glaube, wir haben beide das, was man einen An-und-Aus-Schalter nennt. Das ist uns beiden auch sehr wichtig. Ich finde, es ist vollkommen in Ordnung, auch mal auf 120 Prozent zu drehen, aber eben nicht ständig und sobald mehr als zwei Leute im Raum sind. Das finde ich unerträglich.

Quelle: teleschau - der mediendienst