Paul Kalkbrenner

Paul Kalkbrenner





Veränderung, um derselbe zu bleiben

Er spielte einst in den kleinsten Clubs. Und nun auf den größten Festivalbühnen: Spätestens mit seiner Rolle als Berliner DJ Martin "Ickarus" Karow in "Berlin Calling" (2008) und dem dazugehörigen Album schaffte der gebürtige Leipziger Paul Kalkbrenner seinen internationalen Durchbruch. Trotzdem macht der 38-Jährige seinen Erfolg nicht maßgeblich an diese Episode fest. Was ihm seiner Meinung nach stattdessen Ruhm einbrachte, wie er zu kommerziellem Erfolg steht und wie man sich ständig verändern und trotzdem derselbe bleiben kann, erklärt der König der Nachtmusik und zugleich Jungvater im Interview.

teleschau: Herzlichen Glückwunsch zum Baby! Wie ist das Leben als Jungvater bisher?

Paul Kalkbrenner: Vielen lieben Dank! Sie ist ein sehr liebes Mädchen und macht uns viel Freude.

teleschau: Werden Sie denn jetzt nach der Albumveröffentlichung erst einmal ein bisschen das Familienleben genießen?

Kalkbrenner: Für die diesjährigen Sommerfestivals kommt die Platte eh zu spät. Deswegen werde ich nur etwa 20 Shows spielen und dann erst mal Pause machen. Wahrscheinlich gehe ich nächstes Jahr mit dem neuen Album auf Tour.

teleschau: Und dann mit einem neuen Sound. Sie greifen auf "7" verschiedene Genres wie Soul, Pop und Rock auf. Folgen Sie da einfach dem Trend?

Kalkbrenner: Nein, ich denke, dass meine Musik schon ziemlich einzigartig klingt. Ich würde nie sagen, dass ich ein großer Bestseller bin, aber einzigartig innerhalb von Techno und elektronischer Musik schon. Das ist mit das Letzte, auf das ich noch stolz bin.

teleschau: Spätestens seit "Berlin Calling" (2008) sind Sie auch im Ausland angekommen. Wie wichtig ist Ihnen der kommerzielle Erfolg?

Kalkbrenner: Naja, ich bin Vater geworden, ich bin 38 Jahre alt. Da merkt man irgendwann: Kommerziellen Erfolg abzulehnen ist etwas für die Zeit, wenn man jung ist - aus einem Idealismus heraus. Dafür gibt es Underground-Musik. Da komme ich ja auch her. Ab einem gewissen Alter geht das aber ins Lächerliche über. Und ich will nicht noch mit 73 in irgendwelchen Autohäusern "Sky and Sand" spielen.

teleschau: Sind Sie denn noch stolz auf "Berlin Calling" und "Sky and Sand"?

Kalkbrenner: Ich spiele "Sky and Sand" sehr gerne. Es ist einer meiner größten Hits. Und mittlerweile werde ich darauf auch nicht mehr reduziert. Dafür ist in den acht Jahren seitdem zu viel passiert. Der Film und der Soundtrack haben mich nicht dahin gebracht, wo ich jetzt bin.

teleschau: Sondern?

Kalkbrenner: Ich bin mir treu geblieben! Ich stehe für einen einzigartigen Sound. So wirst du weltweit in dieser Nische genügend Leute finden, die würdigen, was du machst. Das ist das ganze Erfolgsgeheimnis.

teleschau: Heißt das, dass sich Ihr Sound im Laufe der Jahre nicht groß verändert hat?

Kalkbrenner: Doch schon! Ich bin jemand, der sich verändern muss, um derselbe zu bleiben. Das neue Album etwa ist sehr viel persönlicher. Ich bin jetzt viel näher an dem dran, was ich eigentlich machen wollte.

teleschau: Und wie haben Sie das geschafft?

Kalkbrenner: Ich nahm mir mal wieder richtig Zeit. Das Vorgängeralbum "Guten Tag" ist in drei Monaten zwischen harten Welttourneen zusammengeklebt worden. Trotzdem erhielt es in Deutschland Goldstatus. Es ist schwierig, mit der Hilfe eines Computers andere hören zu lassen, was da in deinem Kopf vor sich geht. Mit dem Alter begreift man das aber besser. Nun lasse ich mir einfach mehr Zeit.

teleschau: Sie erwähnten nun schon mehrmals Ihr Alter. Sind Sie trotzdem noch gerne in Clubs unterwegs?

Kalkbrenner: Nein. Früher ging man ja auch erst wirklich nachts in Clubs. Ich bin sehr froh, dass ich da nicht mehr zur Prime Time um 4 Uhr spiele, sondern eher auf großen Festivals um Mitternacht. Da habe ich auch noch viel mehr Power. Das hat, glaube ich, auch etwas mit dem Älterwerden zu tun. Ich war so viele Jahre in so vielen Clubs auf der ganzen Welt, nun folgt eben ein neuer Abschnitt.

teleschau: Da ist es für Sie ja ganz praktisch, dass mittlerweile auch mehr Elektrokünstler auf Festivals vertreten sind. Früher lebte Techno ja fast nur von der Nachtszene.

Kalkbrenner: Richtig, und das macht Techno natürlich immer noch. Außer Rock'n'Roll haben alle Musikrichtungen ab einem gewissen Level ihre Ursprünglichkeit verloren und waren damit auch tot. Techno scheint da recht widerstandsfähig zu sein. Auf den größten Bühnen läuft dieser Sound ganz gut. Trotzdem wird auch auf den kleinstmöglichen Plattformen immer noch damit gewerkelt. Das ist es einfach, was Techno zu dieser globalen Bewegung macht. Wir haben damit im Bunkerstil angefangen, in kleinen Räumen mit Nebel. Man hat gar nicht gesehen, wo der DJ war.

teleschau: Aber stehen Sie wirklich dahinter, dass Techno so groß geworden ist?

Kalkbrenner: Ja, natürlich. Jeder, der früher immer sagte: "Oh, der Coolness wegen verkaufe ich lieber nur 300 Platten" - das ist doch Quatsch! Damit hat man sich die eigene Kleinheit viele Jahre schön geredet.

teleschau: Traf das auch auf Sie zu?

Kalkbrenner: Natürlich! Wenn früher immer alle fragten, warum man denn nichts von mir im Radio hören würde, obwohl ich das jetzt schon ein paar Jahre mache - antwortete ich immer: "Weil das, was ich mache, eben nur so wenige verstehen." Das war zumindest zur Hälfte immer geschwindelt. Heute muss ich das nicht mehr. Damit fühle ich mich viel wohler.

teleschau: Es gibt ja einige Techno-Größen, die gerne von einer negativen Veränderung bis zu einem Verfall ihres Genres sprechen. Würden Sie das auch so sehen?

Kalkbrenner: Das hat natürlich mit der jahrelang geforderten Demokratisierung der Arbeitsmittel zu tun. Jetzt ist sie da! Jeder kann sich einen Laptop kaufen und damit herumspielen. Das sorgt natürlich für viel Abfall. DJ ist heute eigentlich ein reiner Bürojob. Das hat mit der Romantik im Plattenladen, etwa neueste Importe aus Detroit unter der Theke hervorzugraben, natürlich überhaupt nichts mehr zu tun. Ich glaube, in den nächsten Monaten wird sich entscheiden, wie die Menschen überhaupt Musik hören und was sie ihnen wert ist. Aber mich betrifft das glücklicherweise nicht, weil ich 80 bis 90 Prozent meines Einkommens mit Live-Shows verdiene.

teleschau: Für die meisten Künstler ist das aber nicht der Fall. Sie verdienen Ihr Geld eher mit Verkäufen und versuchen diese über viel Marketing anzukurbeln. Wie stehen Sie zu dieser starken Selbstvermarktung?

Kalkbrenner: Ich würde ihnen raten, sich viel mehr auf das Produzieren der Musik zu konzentrieren als auf Eigenmarketing per Instagram und Twitter. Wenn diese Skills, die Skills im Musikstudio übersteigen, dann promotet man am Ende das Nichts. Und das wird dann zum einem riesigen Problem.

Quelle: teleschau - der mediendienst