Southpaw

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Nur nicht liegenbleiben!

Was unterscheidet einen guten Boxer von einem echten Champion? In gewisser Weise dürften es ganz ähnliche Qualitäten sein wie jene, die aus einem guten Schauspieler einen Oscarkandidaten machen. Talent, Hingabe und harte Arbeit sind die Grundvoraussetzungen. Doch braucht es am Ende mehr. Der Boxer muss im Ring glänzen, der Schauspieler vor der Kamera, und natürlich brauchen beide Unterstützung. Das Drumherhum muss stimmen. Vor diesem Hintergrund muss man davon ausgehen, dass Jake Gyllenhaal auch beim nächsten Oscar-Showdown nicht sehr viel Beachtung finden wird: Im Boxerdrama "Southpaw", in dem er die Hauptrolle spielt, stimmt zwar manches - aber längst nicht alles.

Zu den heißen Kandidaten für einen Academy Award wurde Gyllenhaal schon öfter gezählt, zuletzt 2014, als er in "Nightcrawler" einen skrupellosen Reporter verkörperte. Und weil inzwischen jeder weiß, wozu dieser Ausnahmeschauspieler imstande ist, weckt auch "Southpaw" wieder allergrößte Erwartungen. Gyllenhaal spielt in der Mischung aus Charakterstudie und Familiendrama die Box-Urgewalt Billy Hope - seine bisher körperbetonteste Rolle und eine durchaus interessante noch dazu.

Billy, den sie "The Great" nennen, kommt als Waisenkind aus dem New Yorker Problemviertel Hell's Kitchen von ganz weit unten und hat sich mit 43 Siegen in Folge nach ganz oben gekämpft: Er ist Weltmeister im Halbschwergewicht und darf seinen Titel gleich in den ersten Minuten des Films ein weiteres Mal verteidigen. Auf Deckung, das sei dazugesagt, verzichtet er aus Prinzip, weil er scheinbar endlos einstecken und noch viel härter austeilen kann.

Dass Gyllenhaal für diese Rolle, die ursprünglich Rapper Eminem zugedacht war, monatelang intensiv trainierte, glaubt man angesichts der beeindruckenden Bilder sofort. Diesen Billy Hope richtig anzupacken, damit hat er allerdings seine Probleme: Durch sein anfängliches Gestammel etwa entsteht nicht das Bild eines Boxers, der über die Jahre zu viele Schläge abbekommen hat, sondern das eines besoffenen Idioten. Überhaupt wirkt die Figur oft überspielt, was in einem Film mit ausgeprägtem Realismus-Anspruch besonders schmerzt und letztlich auch Regisseur Antoine Fuqua ("The Equalizer", "Training Day") anzukreiden ist. Die Action im Ring weiß Fuqua mitreißend zu inszenieren, bei der Führung seines Stars lässt er aber immer wieder das nötige Feingefühl vermissen. Bis Gyllenhaal endlich in die Rolle und zu gewohnter Stärke findet, ist der halbe Streifen vorüber.

Da ist Billy Hope, was etwas überdramatisch vonstattengeht, übrigens schon wieder ganz unten. Drehbuchautor Kurt Sutter ("Sons Of Anarchy") kennt keine Gnade mit seinem Helden, verpasst ihm einen Tiefschlag nach dem anderen: Bei einem Handgemenge mit einem Herausforderer wird Billys Ehefrau Maureen (Rachel McAdams) erschossen, dann geht er völlig unerwartet pleite, überwirft sich mit seinem Manager (Curtis "50 Cent" Jackson), und wenig später entzieht man ihm auch noch das Sorgerecht für seine kleine Tochter Leila (eine Wucht: Oona Laurence). Nachdem Billy im Ring einen Schiedsrichter attackiert und der Verband ihm eine saftige Sperre aufbrummt, ist schließlich auch die Karriere im Eimer.

Von da an aber geht's wieder aufwärts, für Billy und den Film gleichermaßen. Dafür hauptverantwortlich: Oscarpreisträger Forest Whitaker ("Der letzte König von Schottland"). Als stoischer Coach Titus "Tick" Wills verpasst er dem Streifen nicht nur eine wohltuende Erdung, sondern erklärt sich auch bereit, Billy wieder aufzubauen. Tick bringt dem vormals aufbrausenden Wüterich mit dem titelgebenden "Southpaw Stance" einen völlig neuen Boxstil bei. Und auch menschlich gibt er ihm einen Schubs in die richtige Richtung. Vielleicht kann Billy am Ende sogar seine Tochter und seinen Titel zurückerobern? Jake Gyllenhaal dagegen wird weiter auf die ganz großen Weihen warten müssen, doch dürfte er bei diesem Projekt zumindest eines gelernt haben: Ein echter Champion darf fallen, aber er bleibt nicht liegen.

Quelle: teleschau - der mediendienst