Boy 7

Boy 7





Oh, Boy ...

Ein spannender Thriller wäre "Boy 7" gerne. Doch es hapert an einigen Stellen. Die Handlung ist zum größten Teil vorhersehbar, die tragenden Figuren sind zu durchsichtig angelegt. Und das grausam bedrückendes Gefühl, dass diese Geschichte in die Realität übertragbar wäre, stellt sich zu keinem Zeitpunkt ein. Das Spannendste an dem Projekt ist dann nur eine Randnotiz: Zum gleichnamigen Jugendbuch der Niederländerin Mirjam Mous von 2009 wurde eine holländisch-ungarische Adaption mit demselben Drehbuch gedreht, um kulturelle Unterschiede bei der Umsetzung zu beobachten. Das ebenfalls von Kritikern verschmähte Konkurrenz-Produkt stand aber leider nicht zur Sichtung bereit.

Das seltene Wiedersehen mit David Kross im deutschen Kino hätte man sich anders gewünscht. In "Boy 7" spielt der "Vorleser"-Star (2008) die Hauptrolle. Überzeugt habe ihn das Buch und eben das Wagnis, sich in Deutschland mal wieder an das selten bespielte Thriller-Genre heranzutrauen. Tatsächlich kommt es nicht oft vor, dass derlei Filme aus Deutschland größer im Kino anlaufen. "Lola rennt" (1998) wäre da natürlich ein blendendes Beispiel aus der Vergangenheit, ebenso "Das Experiment" (2001) und "Die Welle" (2008). Allesamt erhielten (zu Recht!) auch international Beachtung. Yildirims Versuch, dem cineastischen Jugendbuchwahn zu folgen, wird sich in diese Liste nicht einreihen können.

Kross spielt den jungen Helden Sam, der plötzlich ohne Erinnerung aufwacht und durch eine Hamburger U-Bahnstation irrt. Der nächstliegende Schritt zurück zur Identität, der Weg zur Polizei, bleibt ihm verwehrt. Denn er wird verfolgt, blöderweise von den Männern in Blau. In den TV-Nachrichten findet er sich selbst wieder, als gesuchten vermeintlichen Mörder. Was also ist passiert?

Der Film legt die Fährte schnell in Richtung eines an allen Ecken und Enden fragwürdigen Heimes für jugendliche Straftäter. Denn Sam hat geschummelt. Er schanzte seinem Schwarm im Schulrechner bessere Noten zu, indem er wie in einem 80er-Jahre Hacker-Film in seine Tastatur haute. Doch seine Computer-Künste brachten ihn anstatt in ein Heim für Schwererziehbare in eben diese besondere, rätselhafte Ausbildungsstätte.

In dem stattlichen Herrenhaus werden die jugendlichen Delinquenten in graue Hemden und Jogginganzüge gepackt, durchnummeriert, dauergetestet und als Zukunft Deutschlands deklariert. Wer als Zuschauer bei solchen "Lagern" keine Bauchschmerzen bekommt, wer hier nicht von vornherein merkt, dass etwas faul ist, den bringen die Leiter, Direktor Fredersen (Jörg Hartmann) und Isaak (Jens Harzer), mit ihrer offensichtlich zwielichtigen Tour auf die Spur. Gerade Letzterer könnte präsentiert sich als klischeebehafteter, eindimensionaler Bösewicht. .

Auf der Suche nach dem wahren Ich ist Lara alias "8" (Emilia Schüle) Sam alias "7" behilflich. Die kleine Gothic-Braut kann sich genauso wenig an ihre Vergangenheit erinnern, entdeckt allerdings wie der erst zurückhaltende, dann aber doch überaus mutige Sam, dass da was im Busch ist. Es gibt durchaus spannende Momente, gut inszenierte Passagen, die die beiden langsam, aber sicher der Lösung des Mysteriums um diese vermeintlich schleierhafte Einrichtung näher bringen. Doch leider kommt alles so wie erwartet. Und schließlich der Todesstoß: Die Gewissheit, dass man eine solche Einrichtung in Deutschland wohl nie und nimmer so unbeaufsichtigt arbeiten lassen würde, lässt "Boy 7" und dessen Story farblos erscheinen, so mausgrau wie die Hemden und Jogginganzüge der straffälligen Kids.

Quelle: teleschau - der mediendienst