Joss Stone

Joss Stone





Nach dem Wunder das Glück

Eine extrem gut gelaunte und entspannt wirkende Joss Stone blickt in einen frühsommerlichen Hamburger Garten. Vogelstimmen dringen durchs geöffnete Fenster, und die attraktive Engländerin schafft das seltene Kunststück, in natura noch wesentlich besser auszusehen als auf den gestylten Fotoprodukten. Strahlend hat sie gerade zwischen zwei Interviews telefonisch ihren "Boyfriend" in England geweckt. Man ist sich fast sicher: Dieser Frau geht es gerade sehr gut. Gründe genug hat die 28-Jährige. Finanziell dürfte Joss Stone ausgesorgt haben. Und trotz des eigenen Labels Stone'd Records, das sie seit 2011 betreibt, arbeite sie heute erheblich weniger als in ihrem früheren Leben, wie die Sängerin behauptet. All diese schönen Dinge glaubt man auch auf Stones neuen Album "Water For Your Soul" zu hören. Es ist das vielleicht beste ihrer Karriere.

Als sie noch beim Plattenriesen EMI unter Vertrag stand, musste Joss Stone immer wieder das anstrengende Soul-Kaskaden schmetternde Wunderkind des Pop geben. Mit 13 erregte das hübsche blonde Mädchen mit der schwarzen Soul-Stimme erstmals das Fernsehpublikum und gleichzeitig die Musikmanager der Insel. Damals schmetterte sie in einer britischen Talent-Show der BBC alte Soul-Hits wie Carole Kings "(You Make Me Feel Like) A Natural Woman". Es folgte ein hochdotierter Plattenvertrag mit 15 Jahren. Zwölf Millionen Alben verkaufte sie seitdem. Das alles war jedoch mit einem straffen Anforderungsprofil verknüpft: Joss Stone machte Fotoaufnahmen für Modelinien, wurde als Schauspielerin in TV-Shows eingesetzt und hatte PR-Auftritte auf der ganzen Welt zu absolvieren. Dabei hasst sie rote Teppiche wie kaum sonst etwas.

"Ich bin eher der Typ, der vor Publikum singen will, um danach gleich nach Hause zu gehen", sagt sie. "Ich pflanze gerne etwas im Garten an und gehe mit meinen Hunden spazieren." Früher habe sie nicht einmal beim Laden um die Ecke einkaufen gehen können, ohne von zehn Fans angesprochen zu werden: "Es war die Art von Leben, die mir zutiefst zuwider ist."

2011 stieg Joss Stone aus diesem Leben aus, das sie heute "Freak Show" nennt. Seitdem macht die bekennende Legasthenikerin künstlerisch wie privat nur noch Dinge, auf die sie Lust hat. "Water For Your Soul" beispielsweise, ihr mittlerweile siebtes Album. Sie hat es zusammen mit dem britisch-indischen Produzenten Nitin Sawhney aufgenommen. Es ist ein wunderbarer Hybrid zwischen Pop und Weltmusik. Ein Album mit starken Grooves zwischen Reggae, Soul und R'n'B - garniert mit Flamenco-Gitarren, indischen Tablas und Flöten, Percussion aus Afrika, Bläser aus New Orleans, irischen Geigen, brasilianischen Beats, einem Gospel- sowie einem Kinderchor. Und zwischen allem fließt die Stimme Joss Stones so elegant und unangestrengt wie wohl niemals zuvor in der Karriere der Sängerin.

Dass diese musikalische Weltreise des Soul-Pop-Stars nicht in Studios rund um den Globus entstanden ist, verwundert aber dann doch ein bisschen. "Water For Your Soul" wurde von der ersten bis zur letzten Note in Devon aufgenommen, auf dem englischen Land. Hier lebt sie seit ihrer Kindheit. Nach der Scheidung ihrer Eltern vor etwa zehn Jahren, übernahm Stone sogar ihr Elternhaus als eigene Wohnstätte, um den geplanten Verkauf zu verhindern. "Ich lebe in der vielleicht schönsten Ecke Großbritanniens", schwärmt das Stimmwunder. "Ich komme von dort, die Leute behandeln mich ziemlich normal. Ich will diesen Ort niemals verlassen." Sie habe das Haus nur etwas umgebaut, "damit es irgendwie meins ist. Aber der Garten ist noch so wie von meiner Mutter."

Die Eltern leben - in verschiedene Richtungen, "ein paar Minuten die Straße herunter". Und wenn Aufnahmen anstehen, kommen "tolle Musiker" aus London oder Bristol angereist, um in Joss Stones Studio ihre Tracks einzuspielen. Die große Blondine wurde mit 16 durch ein Coveralbum mit Soulhits großer Sänger weltbekannt. Als Wunderkind hat sie ihr Plattenkonzern damals verkauft. Bereits ein Jahr später kam das nächste Werk mit eigenen Stücken. Es machte sie zur jüngsten Künstlerin, die ein Nummer-eins-Album in den britischen Charts hatte.

Da stellt sich die Frage, ob die spätere Schulabbrecherin heute findet, dass sie ihre Jugend an den Musikindustrie-Zirkus verkauft hat? "Ich habe tatsächlich viel darüber nachgedacht", gesteht sie. Als junges Mädchen habe sie aber eh nichts Besonderes gemacht: "Ich ging zum Fahrradladen, trank Cider und rauchte Gras. Das war mein Leben neben der Schule." Ihre Heimatstadt habe für Teenager ohnehin nicht viel Spannendes zu bieten: "Man muss bedenken: Ich lebe in Devon, einer Gegend, in die Touristen kommen. Die pulsierende Großstadt habe ich so oder so niemals erlebt oder erleben wollen."

Heute trifft die gerne barfüßige Sängerin ihre eigenen künstlerischen Entscheidungen und entzieht sich weitgehend allen überflüssigen Celebrity-Auftritten. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass sie ihr altes Leben als Wunderkind und Pop-Arbeiterin nicht verteufeln will. Stone weiß, was sie der Industrie zu verdanken hat. "Ich hatte Glück", konstatiert die Sängerin mit ernster, zurückgenommener Stimme. "Wenn ich nicht so ein bisschen als 'Freak Show' verkauft worden wäre - als das blutjunge blonde Mädchen mit der schwarzen Stimme -, hätten die Leute vielleicht nichts von meiner Musik wissen wollen. Ich glaube, damals war ich etwas Seltenes, vielleicht Einmaliges."

Die Grammy- und zweifache Brit-Awards-Preisträgerin glaubt trotzdem nicht, über eine einzigartige Stimme zu verfügen. "Ich konnte gut Leute nachmachen, die ich mir vorher angehört hatte. Ich war etwa fabelhaft darin, so zu singen wie Aretha Franklin." Doch als Stone dann älter wurde und ihren eigenen Weg finden wollte, "war das dann plötzlich nicht mehr so populär". Und doch zieht sie ein versöhnliches Fazit: "Hätte ich damals nicht so gut andere Sänger imitieren können, niemand hätte sich für mich interessiert. Dann hätte es wohl niemals zu einer Karriere gereicht." Manchmal werden eben auch aus Wunderkindern glückliche Menschen. Dann, wenn das Wunder vorbei ist.

Quelle: teleschau - der mediendienst