Coconut Hero

Coconut Hero





Selbstmord zum Wohlfühlen

Mike Tyson fuchtelt ungeschickt mit einer Schrotflinte herum, um sich zu erschießen. Es knallt, dann Stille. Der Selbstmordversuch misslingt spektakulär. Von Beginn an hält die kanadische Tragikkomödie "Coconut Hero" mit lakonischer Todessehnsucht nicht hinterm Berg. Mit ironischen Winks ebensowenig: Natürlich handelt es sich bei dem suizidgefährdeten Protagonisten nicht um den Ohrbeißer-Boxer, sondern um einen gleichnamigen Provinz-Teenager. Dessen Coming-of-Age-Geschichte erzählt Florian Cossen in seinem zweiten Kinofilm nach dem hochgelobten und Lola-nominierten Debüt "Das Lied in mir". In "Coconut Hero" folgt der deutsche Regisseur der melancholisch-schwarzhumorigen Tradition des US-Indie-Kinos. Die schmalzige Tendenz jenes Genres ignoriert er dabei leider nicht.

Mike Tyson also. Selbstverständlich wird die 16-jährige Hauptfigur in "Coconut Hero" in der Schule ausgiebig gehänselt und regelmäßig zu Boxkämpfen herausgefordert. Überhaupt erweist sich das Leben des Heranwachsenden als trostlos: In einem Kaff im letzten Winkel Kanadas wohnt Mike (Alex Ozerov) bei seiner alleinerziehenden Mutter (Krista Bridges) und fristet, von Hinterwäldlern umgeben, eine bemitleidenswerte Existenz. Sicher: Wie jeder Teenager in der Provinz bemitleidet er sich vor allem selbst. Und entscheidet konsequenterweise, sterben zu wollen.

Doch der Selbstmord will einfach nicht gelingen. Einmal mehr "hilft" Todesengel Zufall: Nach dem Erschießungsversuch checken die Ärzte Mike im Krankenhaus noch einmal von oben bis unten durch - und siehe da: ein prächtiger Hirntumor hat sich im Kopf des Sterbewilligen eingenistet! Mike ist glücklich. Darf er doch endlich sterben, und das gar ohne sein Zutun. Eine Ausgangslage, die das Publikum entzweien dürfte: Muss derlei Morbidität denn sein? Oder aber: Sterbenwollen und Krankheit endlich mal ohne Moralquatsch!

Jener verheißungsvolle Beginn weicht bald der Ernüchterung - zumindest für alle Freunde schwarzen Humors. Der überaus talentierte Florian Cossen gehört nun einmal weder den Coen-Brüdern noch Monty Python an, sondern orientiert sich offensichtlich am amerikanischen Teenage-Indie-Drama der Nullerjahre. Ganz im Geiste von "Juno", "Little Miss Sunshine" und Co. wandelt sich "Coconut Hero" recht schnell von der bitterbösen Psycho-Satire - Mike zimmert sich einen feschen Sarg - zum süßmelancholischen Wohlfühl-Geklimper. Wer sich für ARD-Schmonzetten zu cool ist, frönt seiner heimlichen Romantik-Leidenschaft eben mit so genanntem Arthouse-Anspruch.

Der besteht vor allem in nett fotografierten Bildern. Schließlich birgt der Arsch der Welt immer auch ironisch abbildenswerte Redneck-Typen, liebliche Tristesse und hübsche Landschaften. Inmitten der nach dutzenden Filmen dieser Art nicht mehr taufrischen Szenerie lernt Mike nun natürlich das Leben wieder zu schätzen. Befreit von seiner zwanghaften Todessehnsucht läuft ihm die ältere Miranda (Bea Santos) über den Weg. Die ist - wie sollte es anders sein - very charming und völlig abgedreht. Und ändert, na klar, Mikes Blick auf Leben und Tod.

Was folgt, ist eine humorig urkitschige Liebesgeschichte für Hipster, ein schwermütiger Instagram-Roadtrip und ein vor neoromantischer Kulisse gezündetes Feuerwerk pseudophilosophischer Teenie-Lebensweisheiten im Hashtag-Format. Hinzu kommen langweilig platte Frauenrollen, hingegen mit dem derzeit überall gefeierten "Victoria"-Regisseur Sebastian Schipper als Mikes deutschstämmigem Karohemd-Dad auch eine losermäßig liebenswert gespielte Nebenrolle.

Charmant gibt sich "Coconut Hero" dabei allemal - nur leider auch ebenso larmoyant wie irrelevant. An sich wäre das zu ertragen und könnte als deutscher Film gar als innovativ durchgehen. Wäre da nicht das penetrant weinerlich in jeder verdammten Szene vor sich hindudelnde Indie-Jammer-Gejaule, das sich Soundtrack nennt, aber eher einem aufreizend präsentierten akustischen Boxsack ähnelt.

Quelle: teleschau - der mediendienst