Steffen Simon

Steffen Simon





"Abstiegskampf ist die neue Meisterschaft"

Noch bevor die Fußball-Bundesliga mit dem Eröffnungsspiel Bayern München gegen Hamburger SV am Freitag, 14. August (ab 20.15 Uhr, live im Ersten), in die 53. Spielzeit geht, scheint die Frage nach dem kommenden Meister geklärt. Der FC Bayern wird das Rennen auch in dieser Saison wieder machen. Oder nicht? Steffen Simon (50), Leiter der Bundesliga-Redaktion der "Sportschau" und Sportchef des WDR, hat da wie die meisten anderen "Experten" keine Zweifel. Auch wenn er eine weitere Überlegenheit der Bayern nicht prickelnd findet und sich etwas mehr Spannung mit wenigstens zwei Mannschaften im Titelrennen wünscht, schade die totale Dominanz der Bayern seiner "Sportschau" aber nicht. Der samstägliche Fußball-Klassiker der ARD (3. Liga um 18 Uhr, Bundesliga um 18.30 Uhr) sieht sich nicht abhängig von den Superstars aus dem Süden. Sollen die doch von Rekord zu Rekord eilen: Die wahre Spannung steckt längst im Abstiegskampf, glaubt Simon, der samstags wieder aus den Stadien berichten wird. Als Moderatoren im Studio wechseln sich wie gehabt Gerhard Delling, Matthias Opdenhövel, Reinhold Beckmann und Alexander Bommes ab.

teleschau: Herr Simon, was erwarten Sie von der kommenden Saison?

Steffen Simon: Guten Fußball, spannende Spiele und ein hoffentlich interessiertes Publikum.

teleschau: Und der FC Bayern München wird wieder Deutscher Meister?

Simon: Wir können nicht auf der einen Seite die Dominanz der Bayern beklagen und auf der anderen darüber jammern, dass die Bundesliga in der Champions League nicht erfolgreich ist. Momentan jedoch sind Spannung in der Bundesliga und eine stetige Teilnahme im Halbfinale der europäischen Eliteliga nicht unter einen Hut zu bringen.

teleschau: Die Meisterschaft scheint also vorab entschieden. Was macht die Bundesliga dann noch attraktiv?

Simon: Wir haben in den vergangenen Jahren einen Abstiegskampf bekommen, den wir so nicht kannten. Es gibt diesen Slogan: "Abstiegskampf ist die neue Meisterschaft!" Genau das hat zuletzt fasziniert. Das lässt sich auch belegen. Allein das letzte Relegationsspiel zwischen dem Karlsruher SC und dem Hamburger SV haben 9,4 Millionen Menschen verfolgt. Diese Spannung um einen möglichen Abstieg gleicht eine Berechenbarkeit im Titelkampf wieder aus.

teleschau: Wird den "ewigen" Meister-Bayern etwa nicht mehr zugeschaut?

Simon: Dass die Bayern gewinnen, stellt kaum jemand außer Frage. Jedoch: Haben viele früher verfolgt, ob sie gewinnen, will man nun wissen, wie sie gewinnen. Ungebrochen ist, dass von dieser Bayern-Mannschaft eine enorme Faszination auf den Zuschauer wirkt.

teleschau: Früher war das Bayern-Spiel so gut wie immer das letzte in der "Sportschau". Inzwischen wird ein 8:0-Sieg des FCB über den HSV auch mal zwischendrin gesendet.

Simon: Wir setzen immer das relevanteste Spiel von Samstagnachmittag an das Ende der Sendung. So haben wir in der vergangenen Saison beispielsweise die Partie Paderborn gegen Hannover zuletzt gesendet. In dieser Partie gab es das 82,5-Meter-Tor von Moritz Stoppelkamp, und der Aufsteiger Paderborn war plötzlich Tabellenführer. Und zum Ende der Saison, wenn Bayern als Meister schon feststeht, ist der Überlebenskampf des Hamburger SV eben interessanter.

teleschau: Was erhoffen Sie sich persönlich von der Bundesligasaison?

Simon: Ich wünsche mir immer eine Saison mit Spannung bis zum Schluss mit mindestens zwei Mannschaften, die um die Meisterschaft kämpfen.

teleschau: Wird das in der bevorstehenden Runde 2015/2016 passieren?

Simon: Das ist das Schöne, dass man das im Vorhinein nicht weiß. Ich glaube, dass die Bayern nicht mehr ganz so weit vom Rest entfernt sein werden. Dortmund und Schalke könnten überraschen. In Wolfsburg haben Trainer Dieter Hecking und Manager Klaus Allofs bewiesen, dass sie hervorragende Arbeit leisten.

teleschau: Sie haben in einem früheren Interview gesagt, dass Free- und Pay-TV zwei verschiedene Märkte seien. Hat sich daran etwas geändert?

Simon: Im Gegenteil! Sky hat in den letzten Jahren doch eine Erfolgsmeldung nach der anderen herausgegeben. Dazu haben wir das Phänomen "bild.de" bekommen. Und dennoch schneidet die "Sportschau" mit 5,3 Millionen Zuschauern im Schnitt ab. Wenn sich die unterschiedlichen Märkte also gegenseitig bedingen würden, dürfte die "Sportschau" nicht mehr so viele Zuschauer haben.

teleschau: Profitiert die "Sportschau" auch davon, dass Sky die Bundesliga doch arg aufwendig präsentiert?

Simon: Auch Sky profitiert von der "Sportschau". Gerade weil wir in der Zusammenfassung die Dynamik, Spannung und Faszination der Bundesliga in einer sehr kompakten Form darstellen. Das begeistert den ein oder anderen Fan möglicherweise derart, dass er mehr will und ein Abo bucht. Schon hat Sky einen Kunden mehr.

teleschau: In der "Sportschau" am Samstagvorabend läuft anfangs ab 18 Uhr die 3. Liga. Wird das Unter-Unterhaus überhaupt angenommen?

Simon: Generell ist die Partnerschaft mit der 3. Liga seit 2006 eine echte Erfolgsstory. Anfangs gab es einige, die daran gezweifelt hatten. Es hieß, der drittklassige Fußball könnte unsere Marke als Bundesliga-Sendung beschädigen. Genau das Gegenteil ist passiert. Wir sind sehr erfolgreich damit, gerade weil wir die 3. Liga auf einen traditionell besetzten Fußballplatz platziert haben.

teleschau: Worin liegt die Faszination 3. Liga?

Simon: Die 3. Liga ist spannend, weil viele Traditionsvereine darin um Punkte kämpfen. Die Stadien sind auch dort zumeist voll. Und es gibt guten Fußball zu sehen. Für viele Zuschauer der "Sportschau" sind die Spiele der 3. Liga eine Art Aufwärmen für den dann folgenden Bundesliga-Fußball. Davon profitieren alle beteiligten Parteien: die DFL mit der Bundesliga, die 3. Liga und der DFB sowie die "Sportschau" als starke Fußball-Marke.

teleschau: Gibt es Pläne, die Übertragungszeiten der 3. Liga zu erweitern?

Simon: Nein. Ein Beispiel: Wir haben am 33. und 34. Spieltag der Bundesliga immer eine vorgelagerte 3. Liga. Dann haben wir die Situation, dass wir mit der Zusammenfassung im Oberhaus bei insgesamt neun statt fünf Spielen bereits um 18 Uhr beginnen dürfen. Die 3. Liga wird um 17.30 Uhr gesendet - häufig mit Aufstiegs- und Abstiegsentscheidungen. Erstaunlicherweise hat sie auf diesem Sendeplatz nur die Hälfte der Zuschauer wie sonst üblich ab 18 Uhr.

teleschau: Spielt es eine Rolle, wie stark die 3. Liga besetzt ist? Für die SG Sonnenhof Großaspach werden sich wohl weniger Zuschauer interessieren als für Dynamo Dresden?

Simon: In der vergangenen Saison gab es ein überraschendes Phänomen. Die höchste Zuschauerzahl mit 4,37 Millionen hatten wir am 14. März 2015 mit den Partien Bielefeld gegen Rostock und Halle gegen Cottbus. Die niedrigste Zuschauerzahl hatten wir mit 2,47 Millionen am 20. September 2014 mit den Spielen Cottbus gegen Halle und Rostock gegen Bielefeld. Wir hatten also mit genau denselben Begegnungen die höchsten Ausschläge nach oben und nach unten. Das unterstützt die These, dass die 3. Liga vor allem als Ganzes funktioniert.

teleschau: Die Übertragungsrechte der Bundesliga sind bis 2017 geregelt. Wird es bei der Vergabe der darauf folgenden Rechte möglicherweise einen dritten und weitere Konkurrenten geben, die neben Sky und der ARD in den Bieterwettstreit einsteigen könnten?

Simon: Das kann immer passieren und ist auch schon passiert. Gerade wenn es um die Sportrechte beim Fußball geht, sitzen wir Programmverantwortlichen auf einem Schleudersitz. Wir wissen nie, ob es weitergeht. Wir haben keine Gewähr. Jedoch haben wir die Situation insoweit im Griff, dass wir anständige Sendungen machen und so unsere Partner davon überzeugen, dass sie bei uns an der richtigen Adresse sind. Sicher ist, wir werden alles dafür machen, die Rechte zu behalten. Ob es letztendlich klappen wird, erfahren wir im zweiten Quartal 2016. Zu dieser Zeit ist Entscheidung der DFL angekündigt.

teleschau: Die Vereine der Premier League kassieren nach dem Abschluss ihres neuen Vertrags über die TV-Rechte künftig fast sieben Milliarden Euro in den kommenden vier Jahren.

Simon: England hat sich im Bereich Fußball nicht erst seit diesem letzten großen Fernseh-Deal aus jeder Form der Rationalität verabschiedet.

teleschau: Wenn die Engländer mit so viel Geld in der Hinterhand auf Einkaufstour gehen, kann das der Bundesliga schaden?

Simon: Generell ist es ein großes Glück, dass auch bei englischen Profimannschaften nur elf Spieler auf dem Platz stehen können. Die Vereine der Premier League können auch nicht jeden Spieler in Europa kaufen. Sie sind auch darin beschränkt, wenn es um eine gewisse Zahl an Nicht-EU-Ausländern geht.

teleschau: Die Topspieler der Welt könnten wegen des höheren Gehalts aber wohl eher nach England ziehen als in die Bundesliga?

Simon: Das aktuelle Geschehen bei Bayern München beweist das Gegenteil. Mit Arturo Vidal haben sich die Münchner gerade nicht nur einen knalligen Typen gesichert, sondern auch einen der derzeit besten Mittelfeldspieler der Welt. Wenn die Bundesliga auf einem absteigenden Ast wäre, hätten auch die Bayern Vidal nicht bekommen. Zudem hat die Bundesliga ganz eigene Stärken. Das sind beispielsweise die vielen eigenen Nachwuchszentren. Von ihnen wird sie noch über Jahre hinaus profitieren. Gerade bei der Jugend hat England sehr viele Fehler gemacht. Das wird die Premier League auf die Schnelle auch nicht mehr aufholen.

Quelle: teleschau - der mediendienst