Christoph Maria Herbst

Christoph Maria Herbst





"Dafür kann ich zu viel"

Was der 49-jährige Schauspieler Christoph Maria Herbst anpackt, scheint zu Gold zu werden. Mit dem von ihm verkörperten Bernd Stromberg, von dem er sich bereits vor einer Weile endgültig verabschiedete, hat er eine der prägenden Figuren der deutschen Comedy geschaffen. Daneben fand er immer wieder Zeit für erfolgreiche berufliche Ausflüge als Synchron- oder Hörbuch-Sprecher. Mit "Die Kleinen und die Bösen" (Start 3. September, Regie: Markus Sehr) bringt er eine Komödie auf die Leinwand, die in seiner Heimatstadt Köln spielt. In München stand er Rede und Antwort ...

teleschau: Herr Herbst, "Die Kleinen und die Bösen" beginnt mit einer Traumsequenz. Wovon träumen Sie am Strand?

Christoph Maria Herbst: Von gar nichts, denn da bin ich ja im Traum. Ich genieße das, was ich gerade habe: Meeresrauschen und ein schönes Getränk an meiner Seite, eine bezaubernde Frau, den Sand am Rücken, und wenn ich die Augen öffne, sehe ich Palmen. Das ist ein Traum. Darüber hinaus bin ich bei niemandem, sondern genieße es, im Hier und Jetzt zu sein.

teleschau: Gelingt es Ihnen abzuschalten?

Herbst: Das kann ich sehr, sehr gut. Ich kann sehr fleißig sein, aber auch sehr faul. Das betrachte ich als Geschenk. Ich bin kein Getriebener, kein Workaholic. Ich muss nicht von einem Projekt ins nächste. Das war letztes Jahr so, das hatte sich so ergeben. Dieses Jahr ist ruhiger, das genieße ich auf eine Weise. Das ist immer für irgendetwas gut. Vielleicht muss ich gerade die Batterien aufladen, weil ein anstrengendes zweites Halbjahr auf mich wartet, von dem ich jetzt noch nichts weiß. Ich bringe da eine Gelassenheit mit.

teleschau: Um Ihre Gelassenheit war es wohl geschehen, als Sie Schauspielkollegen Peter Kurth in einer Szene von "Die Kleinen und die Bösen" wirklich verletzten.

Herbst: Ja! Doch da Peter Kurth ein altes Theater-Pferd ist, nahm er es mir nicht übel. Er blutete über der Augenbraue, hat es aber wie ein Mann ertragen. Gott sei Dank reagierte er nicht wie seine Figur Hotte und hat mir sofort eine reingehauen.

teleschau: In "Die Kleinen und die Bösen" spielen Sie eine sehr schöne "Romeo und Julia"-Szene. So etwas kennt man von ihnen nicht unbedingt ...

Herbst: Das ist eine meiner Lieblingsszenen. Ich habe im Stadttheater Bremerhaven schon den Romeo gespielt. Da hatte ich noch volles Haar und war noch einige Jahre jünger. Für mich geht's also back to the roots.

teleschau: Wünschen Sie sich mehr solcher Rollen mit einem romantischen Potenzial?

Herbst: Gerne! Man hat immer die Sehnsucht nach dem, was man gerade nicht hat. Jeder, der für das Psychodrama steht, möchte unbedingt eine Komödie spielen, und jeder Komödiant wünscht sich eine Rolle mit tragischem Tod. Ich sollte mich beim Klagen hinten anstellen. Mir hat das Schicksal schon zu viele schöne Rollen zugespielt. Ich durfte kürzlich für die ARD eine Doppelrolle in "Besser als du" spielen, wo ich zwei sehr unterschiedliche Figuren übernahm, die beide beispielsweise von Stromberg meilenweit entfernt waren. Die hatten auch untereinander nichts zu tun.

teleschau: Am 26. November startet der nächste Film mit Ihnen in der Hauptrolle in unseren Kinos ...

Herbst: "Highway to Hellas", den Matthias Schweighöfer produzierte. Dort wird man zuerst denken: Der Herbst mimt wieder einen, wie man ihn kennt. Aber die Figur macht eine ganz andere Entwicklung durch, und ich spiele ganz andere Dinge. Unterschiedliche Rollen zu spielen ist eine große Bereicherung für mich. Es ist das, was ich immer wollte. Ich wollte mich widersprüchlich aufstellen und nicht für eine bestimmte Sache stehen. Meinen Stromberg-Stempel habe ich weg. Für den habe ich auch selber gesorgt. Es ist mir eine große Freude, mich von dem zu entfernen. Ich möchte nicht nur für die Humorfarbe Sarkasmus und Zynismus stehen, dafür kann ich zu viel.

teleschau: Eine Rolle wie Stromberg ist sicher manchmal ein Fluch, aber doch auch mehr Segen, oder?

Herbst: Absolut. Das könnten meine Worte sein. Stromberg hat mir mehr Türen geöffnet als verschlossen.

teleschau: Sie sind mit Stromberg, aber auch dank vieler Ihrer anderen Rollen eines der Gesichter der deutschen Komödie. Wie lässt sich der deutsche Humor beschreiben?

Herbst: Ich denke, wir haben eine unglaubliche Bandbreite. Als ich Kind oder Jugendlicher war, gab es schon eine unheimliche Bandbreite. Da gab es Dieter "Didi" Hallervorden, Otto Waalkes und Loriot - die haben viele Farben abgedeckt. Mir würde es schwer fallen, den deutschen Humor in einem markanten Satz zusammenzufassen. Mit "Stromberg" haben wir das Schwarze wieder in den deutschen Humor gebracht - und der Kalauer sei erlaubt: damit ins Schwarze getroffen. Das war eine Farbe, die fehlte. Diesen Humor gibt es nicht nur bei den Engländern und den Österreichern, sondern auch in dem Land dazwischen, in Deutschland. Der ist auch hier zuhause - und das ist auch gut so.

teleschau: Regisseur Markus Sehr sagt: "Wir wollten einen schwitzigen, dreckigen Großstadtfilm erzählen. Aber eben ohne diese Tristesse, die man manchmal aus Milieu-Betrachtungen kennt." Wie sind Sie da auf Köln gekommen?

Herbst: Wir haben uns da ein unerhörtes und ungesehenes Köln erschlossen, in dem ich seit 15 Jahren lebe. Da sind Bilder dabei, bei denen ich mich frage, ob wir die wirklich in Köln gedreht haben. Ob sich Köln und die Stadtväter Kölns jetzt in jeder Sekunde freuen, ist eine andere Frage. Es ist toll zu zeigen, wie viele unterschiedliche Facetten die Stadt besitzt. Es gibt ganz wundervolle Einstellungen, etwa wenn Benno auf seiner 50 Jahre alten Vespa durch Köln flitzt und der Dom im Hintergrund ist. Köln ist eine tolle Filmstadt, die von ihrem Schauwert her einiges zu bieten hat. Aber: Immer ist eine Baustelle im Bild, ein Kran, irgendwo ein Presslufthammer. Das ist auch Köln.

teleschau: Sie ernähren sich bewusst, waren schon viele Jahre Vegetarier und leben nun vegan. Wie kam es dazu?

Herbst: Vor knapp drei Jahren habe ich sehr spannende Bücher zum Thema gelesen. Unter anderen "Tiere essen" von Jonathan Safran Foe, von Ruediger Dahlke "Peace Food" und "China Study", ein Buch aus den Vereinigten Staaten, was wissenschaftlich begründet, warum eine pflanzenbasierte, vollwertige Kost dem Menschen besser tut als jegliche andere. Nach dem Lesen der drei Bücher hatte ich das Gefühl, kurz hinter den Vorhang gesehen zu haben. Ich bin kurz davor, 50 zu werden und hatte den Impuls, Dinge nicht mehr vor mir her zu schieben und nicht mehr zu verdrängen.

teleschau: Es geht Ihnen aber wohl auch um die Tiere?

Herbst: Dieses "Tiere süß finden", beim Wandern mit einem Kälbchen flirten, das dich anguckt mit seinen Äugchen, sich streicheln lässt und dann abends beim Türken einen Döner aus Kalbfleisch zu essen ... das empfand ich schon seit Jahren als schwierig. Aber das habe ich verdrängt, weil der Döner so lecker war. Das möchte ich nicht mehr zulassen. Es fühlt sich nicht richtig an, ich möchte es lassen. Ich vermisse nichts, vermisse keine Milch, kein Bratenstück; Wurst oder Schinken eh nicht. Ab und zu esse ich ein bisschen Fisch, wenn mir mein Körper das Gefühl gibt, ihm täte es gut. Wir leben im Schlaraffenland. Wir haben alles und können alles essen. Ich bin kein Eskimo.

teleschau: Richtig, in Deutschland genießen wir eine privilegierte Situation, was das angeht ...

Herbst: ... und wir können wählen. Diese Wahl habe ich für mich getroffen und mir geht es super dabei und damit. Ich verkrampfe nicht, und mir läuft kein Sabber aus dem Mund, wenn ich jemanden Hackbraten essen sehe. Ich verbiete mir nichts. Es war für mich eine freiwillige und sehr bewusste Entscheidung, das zu tun. Das macht mich zu einem sehr selbstbewussten und selbstbestimmten Menschen. Das ist etwas Tolles.

teleschau: Hat das mit einer Achtsamkeit zu tun, die vielleicht im Alter stärker ausgeprägt ist?

Herbst: Achtsamkeit gegenüber sich selbst und gegenüber dem Leben. Das soll nicht melodramatisch klingen, aber aufgrund meines Alters beschäftige ich mich mit der Endlichkeit meines Daseins. Ich weiß, das ist statistisch mein drittes Drittel. Während ich hier sitze, habe ich nicht das Gefühl, knapp 50 zu sein. Aber biologisch ist das so. Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, möchte mich pflegen und mich um mich sorgen, um die Verabschiedung aus dem irdischen Jammertal hinauszuzögern.

teleschau: Das klingt, als würden Sie sich mit dem Tod beschäftigen.

Herbst: Um mich herum wird gestorben. Das ist ein Thema, mit dem ich mich beschäftige. Nicht, um mich dem zuzuwenden, sondern um Energie für mein Leben zu schöpfen. Ich habe keine Todessehnsucht und fange nicht mit Bungeejumping an. Der Tod gehört zum Leben dazu. Er ist eine Facette des Lebens. Meinem natürlichen Tod bin ich jetzt näher als gestern. Und morgen wieder näher als heute.

teleschau: Glauben Sie, dass nach dem Tod etwas kommt?

Herbst: Unbedingt. Das Leben geht in einer anderen Weise weiter. Ich glaube, mein Körper wurde mir nur zur Verfügung gestellt. Der ist ein Geschenk, und mit einem Geschenk geht man achtsam und liebevoll um. Das wurde mir anvertraut, das ist mein Glaube. In dieser Hülle lebt eine Seele, die das irdische Dasein überdauern wird.

Quelle: teleschau - der mediendienst