Andreas Spechtl

Andreas Spechtl





Ausschlafen gegen die Zustände

Gemeinsam mit seiner Band Ja, Panik erteilte Andreas Spechtl in den vergangenen Jahren in wunderbar poetischen Pop-Werken den gesellschaftlichen Verhältnissen eine faustdicke Absage. 2011 beklagte seine aus Wien stammende Gruppe mit "DMD KIU LIDT" erst den kapitalistischen Normalzustand, um 2014 auf "Libertatia" dann humanere Alternativen zu besingen. Mit seinem neuen Soloprojekt widmet sich der Wahlberliner Spechtl dem Ausbruch aus realen Zwängen nun noch intensiver: Sleep, so der Name des psychedelisch-verträumten Werks, ist eine einzige Ode an den Schlaf. Warum auch dieser überaus politisch sein kann und wie wichtig es ist, regelmäßig auszuschlafen, erzählt der ebenso dandyhafte wie kritische Musik-Enthusiast im Interview.

teleschau: Gibt es eigentlich einen richtigen Schlaf im falschen Leben?

Andreas Spechtl: (lacht) Das wäre natürlich interessant! Man könnte sagen, dass der Schlaf das Einzige ist, das einen kurz aus dem Leben herausholt. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob das eine Möglichkeit wäre, sich zu verabschieden. Stimmt aber natürlich nicht, da sich das Leben immer im Schlaf spiegelt. Trotzdem ist der Schlaf das Absurdeste, das vom Leben am weitesten Entfernte, an dem man als Mensch dennoch Teil hat.

teleschau: Ist der Schlaf also auch eine Art Flucht vor der widrigen Realität?

Spechtl: Flucht vielleicht nicht - das impliziert ja, man hätte eine Wahl. Das Schöne am Schlaf scheint mir, das man diese gerade nicht hat. Dass er eine Parallelwelt schafft, in die jeder hinein muss.

teleschau: War das Thema Ihres Soloprojekts Sleep also eher Zufall?

Spechtl: Bei Ja, Panik kreieren wir ja oft so ein Konzept und füllen dieses dann. Bei Sleep war es genau umgekehrt. Ich dachte mir nicht: Jetzt mach ich was über den Schlaf. Nach der letzten Ja-Panik-Platte schaute ich mir meine unfertigen Sound-Skizzen aus den vergangenen zwei Jahren an. Es war überraschend, wie oft sie sich um Schlaf, Träume und Nacht drehten.

teleschau: Inwiefern war das mit Ihrem persönlichen Schlaf verwoben?

Spechtl: Ein Großteil der Platte ist zu sehr später Stunde entstanden. Währenddessen war ich sehr oft müde oder befand mich in einer Art Halbzustand. Sehr interessant fand ich, dass man vormittags andere Musik macht, als in der Nacht. Ich sah, was körperliche Zustände mit einem als Musiker anstellen, die Müdigkeit, die Zwischenstufen beim Einschlafen. Diese Übergangsphase kurz vor dem Schlaf ist eine meiner liebsten Zeiten am Tag. Das wirkt manchmal wie eine schwache Halluzination.

teleschau: Die Lyrics sind diesmal eher vage. Nur in einem Song heißt es konkret: "Germans, they get dangerous after dark". Ist das mehr persönliche Erfahrung oder politisches Statement?

Spechtl: Derlei Erfahrungen habe ich auch schon genug gemacht, aber es ist eher der kleine, doch sehr klare politische Moment der Platte - die ansonsten nicht so offen politisch ist, wie viele Ja-Panik-Stücke. Das war auch nicht so angedacht. Aber dieser Moment spielt auf den ganzen Pegida- und Flüchtlingswahnsinn an, auch auf die Fußball-WM. Da warnte man auf einmal auch in Deutschland vor No-Go-Areas. Sonst findet man die ja auf der Seite des auswärtigen Amtes, oder in Reiseführern wird vor gewissen Gegenden gewarnt. Und plötzlich gibt es die auch in Deutschland - vielleicht nicht für Deutsche, aber für Leute von außerhalb. Sonst wird immer die Welt als gefährlich dargestellt - dazu wollte ich ein Gegenbild schaffen.

teleschau: Derlei Zustände haben Sie mit Ja, Panik so konsequent wie poetisch kritisiert. Machen Sie politischen Pop?

Spechtl: Ich fand es immer schon schwierig, sich in der Musik allzu klar politisch zu positionieren. Das sah ich auch bei Ja, Panik so, auch wenn ich das im Rückblick etwas anders wahrnehme. Ich glaube an politische Kunst, denke aber, dass es dann Wendungen geben muss. Sonst lässt sie sich wahnsinnig vereinnahmen. Ich finde die Form und die Kürze eines Pop-Songs einfach problematisch. Die meisten politischen Themen, die mir am Herzen liegen, sind sehr komplex. Oft kann man dann nur ein Gefühl, eine Haltung rüberbringen, als sich damit wirklich auseinanderzusetzen. Ich würde mich als sehr politischen Menschen bezeichnen, zweifel aber immer mehr an der Form des Pop-Songs.

teleschau: Glauben Sie, politische Parolen in Songs bewirken nichts?

Spechtl: Ich denk immer daran, wie ich in einem kleinen Kaff im Burgenland aufgewachsen bin und dort Musik hörte. Eine Band wie The Clash politisierte mich damals schon. Nicht, weil sie in ihren Liedern die komplette Welt erklärt hätten, sondern weil sie mir zeigten, dass es auf der Welt Leute gibt, die anders denken und eine klare Haltung haben. Dass war ein Anstoß, mich mit anderen Dingen zu beschäftigen.

teleschau: Blicken Sie darauf anders, seit Sie in der Großstadt wohnen, erst in Wien und nun in Berlin, weil es dort vielleicht weniger bornierte Leute gibt?

Spechtl: Als reflektiert denkender Mensch findet man die in jeder Stadt, an jedem Ort dieser Welt. Es sind vielleicht ein wenig andere. Vor meiner Haustür in Neukölln habe ich auch sehr oft Lust sehr laut irgendwem was ins Gesicht zu schreien (lacht).

teleschau: Weniger anstrengend wäre da wiederum der Schlaf ... Kann der auch widerständig sein?

Spechtl: Das ist ambivalent: Einerseits ist der Schlaf eine Art Abschalten, mit dem man sich in den Standby-Modus versetzt. Andererseits macht er einen auch fit für die Arbeit. Er ist eine der letzten Bastionen, die sich der Neoliberalismus einverleibt. Da kann ich dann per App meine Schlafphasen messen, die mir zeigen, wann ich am gesündesten schlafe. Man erzählt überall, wie wir unseren Schlaf optimieren können. Selbst da wird heute eingegriffen, allein für die Reproduktion der Arbeitskraft. Man soll mit möglichst wenig Schlaf wieder möglichst fit werden.

teleschau: Aber kann der Schlaf auch der utopische Ort sein, "Libertatia" zum Beispiel, wo Veränderung geschieht?

Spechtl: Die Idee kann im Schlaf kommen, aber man muss natürlich sehen, dass man diesen Ort wirklich schafft. Sonst wird man ganz schnell zum Esoteriker - und das darf man ja auch nicht werden. Es gibt aber auch den anderen Aspekt: Es hat etwas wahnsinnig Schönes, Einlullendes, auch mal über die Zeit hinaus zu schlafen und im Bett rumzuliegen. Aber das wird in unserer Gesellschaft nicht so gesehen. Ich mache das ja sehr gerne, das beinhaltet schon eine Art Aussteigertum.

teleschau: Haben Sie persönlich überhaupt Zeit, den Schlaf zu genießen?

Spechtl: Ja, ich bin da sehr streng, sonst bekomme ich schlechte Laune. Deshalb nehme ich mir das auch einfach. Ich schlafe sehr regelmäßig meine acht Stunden. Auch auf Tour - man mag es nicht glauben, aber ich bin öfter mal der Erste im Bett.

teleschau: Inwiefern ist Sleep eigentlich mit Ja, Panik verknüpft?

Spechtl: Es war mir sehr wichtig, eine große Distanz zu Ja, Panik zu wahren. Ich finde nichts lächerlicher, als irgendwelche Songwriter von mehr oder weniger bekannten Bands, die nach der vierten Platte glauben, sie könnten das auch allein. Dann nehmen die mit ein paar Studiomusikern eine langweiligere, glattere Platte auf. Das hat etwas wahnsinnig Eitles. Aber für mich ist es gut, nun einen Platz für all die anderen Dinge gefunden zu haben, die mich so interessieren. Es tut auch Ja, Panik gut, dass ich mich da austoben kann. Bald arbeiten wir auch als Band wieder an neuen Stücken und wollen nächstes Jahr zumindest ins Studio gehen.

teleschau: Haben Sie dabei den derzeitigen Austro-Pop-Hype um Wanda, Bilderbuch und Nino aus Wien im Hinterkopf oder ist Ihnen das egal?

Spechtl: Mit dem Nino bin ich freundschaftlich verbunden, die anderen beiden kenne ich nicht. Ich finde es lustig, dass auf einmal überall Wien ist. Das ist gut für die Stadt, allerdings gibt es dann eben ein paar Aushängeschilder - und der Rest, der seit Jahren Musik macht, wird vergessen. Zum anderen würde man Bands wie Wanda und Bilderbuch, wenn sie nicht beide aus Wien kämen, niemals in einen Topf werfen - das war ja schon bei Britpop und der Hamburger Schule so. Wenn das einzig Verbindende tatsächlich Wien ist, dann bin ich eher der No-Nations-Typ. Auf derlei Schulterschluss-Geschichten habe ich keine Lust und halte mich deshalb zurück.

teleschau: Zumal die Bands ja auch unterschiedliche Klientel bedienen ...

Spechtl: Auf den Konzerten sind ja auch andere Leute unterwegs. Bestimmte Journalisten sind eben froh, wenn sie darüber schreiben können. Aber diese Verbindung gibt's im echten Leben gar nicht so sehr. Ich glaub, ich hab die Wanda-Platte noch nie ganz durchgehört.

teleschau: Die Hamburger Schule hat sich immerhin zumindest ironisierend gegen solche Zuschreibungen gewehrt ...

Spechtl: Das würde ich mir mal wünschen - sei es von Seiten des Publikums, der Medien oder der Protagonisten - Protagonistinnen gibt es ja nicht allzu viele, was ich sehr schade finde. Es ist schon eine ziemliche straight white men Veranstaltung. Wenn aber irgendwer mal sagen würde: Hey Leute, so lässig sind Wien und Österreich nun auch wieder nicht.

teleschau: Was geht Ihnen gegen den Strich?

Spechtl: Vor allem aktuell: Österreich bearbeitet seit Wochen keine neuen Asylanträge mehr. Man könnte sich auch mal dagegen stellen und sagen: Das ist nicht mein Österreich, dafür möchte ich nicht stehen. Eine Szene kann ja auch außerhalb einer nationalen Verbundenheit funktionieren. Während sich die Hamburger Schule dahingehend sehr politisiert hat, findet das hier gar nicht statt. Dafür sag ich's ja manchmal (lacht).

Quelle: teleschau - der mediendienst