Bob Dylan

Bob Dylan





Der Tag des Teufels

"Woody Guthrie war tot, Little Richard wurde Priester - egal ob du ein Folk-Sänger oder ein Christ warst: Rock'n'Roll war der Teufel", heißt es in "I'm Not There" (2007), dem surrealen Episodenfilm über ein halbes Dutzend beachtenswerter Abschnitte im Leben Bob Dylans. Eine der Sequenzen behandelt die Zeit, in der "die Stimme einer Generation" sich eine E-Gitarre umschnallte und nicht mehr Folk-, sondern eben Rock'n'Roll-Künstler sein wollte. Teufelszeug für die Szene, die Dylan in den vorigen Jahren zu ihrem Anführer erkor. Am 25. Juli 1965 kam es zum Höhepunkt: Bob Dylan trat unter einem Stromgitarren-Gewitter beim Newport Folk Festival auf und wurde von großen Teilen des Publikums übel ausgebuht. Heute, 50 Jahre später, weiß man: Der Tag veränderte die Musikwelt.

Mit einem Herzklopfen ist der Part im Film akustisch unterlegt. Cate Blanchett übernimmt mitten im Geschehen von Kollege Ben Whishaw - zwei von insgesamt sechs Dylan-Darstellern. Whishaw sitzt im Auto, Blanchett steht schließlich auf der Bühne. Aus dem Off darf der Erstgenannte noch darüber sinnieren, dass es sich bei Rock'n'Roll eben um Teufelszeug handle, er eigentlich bereit sei, aufzuhören, um in Mitleid und Verzweiflung zu krepieren. Schließlich übernimmt die Oscar-Preisträgerin mit einem Donnerschlag: Gemeinsam mit ihrer Band schießt sie mit Maschinengewehren in das Publikum. Nicht anders fühlte es sich wohl für einige der Zuschauer an, damals, 1965 in Newport, Rhode Island.

Ein Jahr zuvor wurde der tatsächliche Bob Dylan von Ronnie Gilbert an gleicher Stelle angekündigt. Im ersten Band seiner als Dreiteiler angekündigten Autobiografie "Chronicles" (2004) zitiert er die Ansage der kürzlich verstorbenen Sängerin der Folk-Formation The Weavers wie folgt: "Und da ist er ... greift zu, ihr kennt ihn ja, er gehört euch." Als düstere Prophezeiung beschreibt Dylan diese Worte, eine Weissagung, die er aber nicht gleich wahrhaben wollte: "Was für ein Wahnsinn! Aber das konnten sie vergessen. Soweit ich wusste, gehörte ich damals niemanden - genauso wenig wie jetzt", erkennt er in seinem Buch. War sein Auftreten ein Jahr später also eine schlichte Trotzreaktion?

1963 trat Dylan erstmals in Newport auf. Außerhalb von Greenwich Village, dem New Yorker Szene-Stadtteil, in dem er sich bewegte, kannte kaum jemand aus der aufkeimenden Folk-Gemeinschaft Robert Allen Zimmermann und dessen Künstlernamen Bob Dylan. Doch das sollte sich dieser Tage ändern, stand das aufstrebende Talent, damals 22 Jahre jung, doch kurz vor einer Tournee mit der weitaus bekannteren Joan Baez. Als inoffiziellen Auftakt der landesweiten Konzertreihe stellte sie ihren Support bereits in Newport dem Publikum vor. Wenige Wochen später sangen beide gemeinsam beim Civil-Rights-Marsch auf Washington, wo Martin Luther King schließlich seine "I have a dream"-Rede hielt.

Ein Jahr drauf, bei seinem zweiten Auftritt beim berühmten Folk-Festival, war der heute 74-Jährige bereits ein Star der Szene. Baez fand sich bereits in seinem Schatten wieder. Die Alben "The Freewheelin' Bob Dylan" (1963) und "The Times They Are a-Changin'" (1964) bilden den Bob Dylan ab, der auch heute noch in der Schule gelehrt wird, den Folk-Sänger. Der, der die revolutionären Gedanken einer ganzen Generation auf den Lippen hatte. Damals sei "die Folkwelt noch davon überzeugt gewesen, die Geburt eines Genies miterlebt zu haben. Dabei hatten gerade erst die Wehen eingesetzt", befindet Literaturwissenschaftler Heinrich Detering in seiner Dylan-Biografie (2007).

Doch der werdende Star merkte langsam, dass er zu etwas gemacht wurde, was er nicht war: "Die Schreihälse von der Presse verkündeten unermüdlich, dass ich das Sprachrohr einer Generation sei, ihr Wortführer oder sogar ihr Gewissen", schreibt Dylan in "Chronicles". Dabei habe er immer nur Songs gesungen, "die ohne Umschweife zur Sache kamen, Stücke, denen es um kraftvolle neue Wahrheiten ging". Mit der Jugendszene, für die er angeblich den "Soundtrack" beisteuerte, habe er nichts gemein gehabt. "Ich wollte mir selbst treu bleiben, das war der springende Punkt. Ich war eher ein Kuhhirte als ein Rattenfänger", heißt es weiter.

Es folgte ein Hieb gegen dieses Bild, für das es aus seiner Sicht längst keinen passenden Rahmen mehr gab. Mit "Another Side Of Bob Dylan" (August 1964) machte Dylan klar, dass er nicht nur Protestsänger auf Abruf war, sondern das Leben und all dessen emotionale Facetten abbilden will. Einige Wochen vor dem berüchtigten Auftritt im Juli 1965 veröffentlichte Dylan zudem das Album "Bringing It All Back Home", was auf Deutsch so viel wie "um es endgültig klar zu machen" bedeutet. Erstmals war ein Teil der Lieder auch von elektrischen Gitarren begleitet. "Subterranean Homesick Blues" etwa, das aber in seiner ganzen Machart inklusive Sprechgesang als bloßes Experiment abgetan werden konnte.

Ganz anders aber "Maggie's Farm". Der Titel nimmt Bezug auf seinen Auftritt auf Silas McGees Farm 1963, einem seiner ersten Konzerte während der Civil-Rights-Bewegung. In dem Song spricht sich Dylan frei von der Folkwelt, schießt gegen die Szene, gegen Promoter und gegen alle, die sich ihn zu eigen machen wollten: "I ain't gonna work on Maggie's farm no more", heißt es vielsagend im von wiehernden Blues-Gitarren umrankten Refrain. Beide Lieder waren bereits als Single veröffentlicht. Und auch Dylans ewig-klingendes Rock-Meisterwerk "Like A Rolling Stone" erschien fünf Tage, bevor er die Bühne betrat. Doch befinden wir uns in einer anderen Zeit - ohne Internet -, in der sich solche Neuerungen langsamer herumsprachen und Meinungen sich bedächtiger verbreiteten.

Dass es der Song "Maggie's Farm" war, den der vermeintliche Szene-Vorsteher den Zuschauern in Newport als Erstes vor den Latz knallte - wie passend. Dylan erschien verändert. Mit der musikalischen Neuerfindung kam auch ein Kostümwechsel. Zwar wurde seine wilde Haarpracht, wie der anerkannte Dylanologe Detering herausstellt, schon zuvor mit Argwohn betrachtet: "Working Class Heroes wie Woody Guthrie und Pete Seeger sahen entschieden manierlicher aus als dieser etwas verwahrloste Knabe mit der langen und ungekämmten Haartolle", habe der Aktivist Irwin Silber einst über Dylan gesagt. In Newport war seine Lockenpracht allerdings dazu noch hochtoupiert. Die dunkle Brille, die Lederjacke und sein gepunktetes Hemd stimmte auch kaum mit dem Folk-Dresscode überein.

So trat er auf, begleitet von Gitarrist Mike Bloomfield und der Paul Butterfield Blues Band. Bloomfield drehte seinen Verstärker so laut auf, wie es nur ging. Die Instrumente überschlugen sich, die Gitarren waren verzerrt und Dylans Gesang kaum zu hören - auf damals stattfindenden Rock-Konzerten, auf denen der Teufel tanzte, ging es um einiges gemächlicher zu. Dazu habe die Band die Lieder, neben "Maggie's Farm" auch "Like A Rolling Stone", kaum geprobt. Dylan wollte es ganz offensichtlich drauf ankommen lassen, wollte die Zuschauer verstört zurücklassen. Ein gellendes Pfeifkonzert und Buh-Geräusche kämpften gegen die Stromgitarren an.

Ein Teil des Publikums, heißt es, beklagte den schlechten Sound und das kurze Set. Doch die meisten waren wohl enttäuscht, dass sich ihr Held der kommerziell erfolgreicheren Rock-Musik hingab. Folk-Veteran Pete Seeger, so heißt es der Legende nach, drohte gar, die Stromkabel mit einer Axt zu kappen. Völlig aufgeklärt wurde die Sachlage nie. Nur eines ist klar: Eine Haltung und poetische Texte, wie es im Folk üblich war, gab es damals im Rock noch nicht. Die Spielart stand eher für Pop und Party. Nicht wenige Fans fühlten sich von ihrem Anführer verraten. "Dylan verließ die Woge, die ihn einige Jahre lang so zuverlässig nach oben getragen hatte, mit einem Kopfsprung ins Unbekannte. Er verlor seine Anhänger nicht nur, er stieß sie von sich", schreibt Detering.

Auf Aufnahmen, zum Beispiel in der Film-Doku "No Direction Home" (2005) von Martin Scorsese, sind allerdings auch wenige freudige Laute zu hören, das Publikum war gespalten. Nach den drei elektrischen Liedern brachte Peter Yarrow den Aufständler doch noch dazu, kurz zwei Lieder auf alte, akustische Weise folgen zu lassen. "Er war fassungslos über die Reaktionen und sagte zu mir, ich zitiere: 'Was habt ihr mit mir gemacht?'", erzählte das eine Drittel von Peter, Paul & Mary kürzlich dem "Billboard"-Magazin. Mit "It's All Over Now, Baby Blue" verabschiedete sich Dylan unter Applaus für 37 Jahre vom noch heute stattfindenden Szenetreff. 2002 erschien er - sich der Tragweite seiner Wiederkehr bewusst - mit Perücke und aufgeklebtem Bart.

Auch nach den Buhrufen von Newport nahm der Skandal weiter seinen Lauf. Auf der folgenden Welttournee wurde Dylan im nordenglischen Manchester als "Judas" beschimpft. Doch der Popularität des Sängers und Songschreibers tat dies keinen Abbruch. Auch unter den Folk-Fans wurde er weiterhin verehrt. Dylan löste sich von Szene-Vorgaben und machte etwas Eigenes. Auch durch ihn fand der Folk-Rock immer mehr Anerkennung, und die Pop-Musik entdeckte ihre politische Seite und ihre textlichen Möglichkeiten. Der Pulitzer-Preisträger legte im Laufe seiner Karriere die elektrische Gitarre nur noch äußerst selten ab. Auch heute noch ist Bob Dylan mit dem Teufel namens Rock'n'Roll im Bunde.

Bob Dylan auf Deutschland-Tournee:

12.10., Leipzig, Gewandhaus

13.10., Berlin, Tempodrom

14.10., Berlin, Tempodrom

17.10., Saarbrücken, Saarlandhalle

Quelle: teleschau - der mediendienst