Thomas Thieme

Thomas Thieme





Auf ein Bier mit Uli Hoeneß

An Uli Hoeneß scheiden sich die Geister. Als der personifizierte FC Bayern war das bei Hoeneß zwar schon immer so, es wurde aber noch einmal verstärkt, seitdem bekannt wurde, dass ausgerechnet der angebliche Wohltäter und vermeintliche "Retter" eines Hamburger Kiezklubs rund 30 Millionen Euro Steuern hinterzogen hat. Dafür wurde Hoeneß im März 2014 verurteilt. Drei Jahre und sechs Monate, so der Schuldspruch. Zu wenig, ätzten daraufhin viele. Milde forderten hingegen seine Anhänger. Schauspieler Thomas Thieme enthält sich diesbezüglich einer Meinung. "Sollen sie am Stammtisch doch palavern", sagt der 66-Jährige. Für das Dokudrama "Uli Hoeneß - Der Patriarch" (Donnerstag, 27. August, 20.15 Uhr, ZDF) stand er vor der Aufgabe, sich dem Angeklagten Hoeneß zu nähern. Keine leichte Aufgabe! Es standen lediglich bisher unveröffentlichte Gerichtsprotokolle zur Verfügung.

teleschau: Sie spielen Uli Hoeneß, den Angeklagten und schließlich verurteilten Steuersünder. Wie sind Sie an die Figur herangegangen?

Thomas Thieme: Natürlich habe ich den Prozess im Fernsehen verfolgt. Doch bis auf diesen berühmten Auftritt im Gerichtssaal mit den Anwälten, sein Blick zwischen selbstbewusst und unsicher, gab es kaum weiteres Material, das ich hätte sichten können. Ich musste mich auf die Berichte der Prozessbeobachter verlassen.

teleschau: Der Film basiert auf genau diesen Berichten?

Thieme: Ja. Das ist auch das Besondere. Das Dokudrama versucht erstmals zu zeigen, was im Gericht tatsächlich passiert ist. Der Film haucht der Szenerie, die wir alle wegen des Kameraverbots im Gerichtssaal nur aus den Berichten der Journalisten kennen, Leben ein. Darzustellen, was in Hoeneß während des Prozesses vorging, war die Herausforderung.

teleschau: Wie haben Sie sich der Person Hoeneß genähert?

Thieme: Uli Hoeneß selbst habe ich leider nie getroffen. Ich habe so manchen Hoeneß-Auftritt noch einmal angeschaut - beispielsweise seine berühmte Wutrede mit hochrotem Kopf bei der Jahreshauptversammlung des FC Bayern. Oder sein Streit mit Christoph Daum damals im "Aktuellen Sportstudio". Und natürlich die einmalige Szene im Ehebett mit Paul Breitner.

teleschau: Wie nahe sind Sie Uli Hoeneß schließlich gekommen?

Thieme: Besonders anrührend fand ich Hoeneß' Äußerungen zur Verurteilung des Ex-Bayern-Spielers Breno. Er empfand offensichtlich reine Empathie für den jungen Spieler, der als Brandstifter verurteilt wurde. Hoeneß hat damals die soziale Härte des Gerichtsurteils öffentlich heftig kritisiert. Seine Aussage damals, sie sollten den Jungen rauslassen, im Knast würde ein 22-Jähriger doch kaputtgehen, habe ich total verstanden. Da kam eben der Robin Hood in ihm durch. Wenn Breno mein Sohn gewesen wäre, hätte ich wohl genauso emotional reagiert.

teleschau: Hat sich Ihre Meinung zu Uli Hoeneß durch die Rolle geändert?

Thieme: Es hat sich vor allem für ihn etwas verändert. Er ist jetzt Straftäter, er ist vorbestraft. Hoeneß ist jetzt immer noch - wenn auch als Freigänger - im Gefängnis.

teleschau: Viele hielten die Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten bei einer Steuerhinterziehung in Höhe von 28,5 Millionen Euro für zu gering.

Thieme: Ich habe kein so philisterhaftes Verhältnis zu Straftätern. Ein Damoklesschwert schwebt doch über uns allen. Wie schnell kann eine Situation eintreten, und wir befinden uns genau dort, wohin wir absolut nicht wollten? Gut, der Mann hat rund 30 Millionen Euro an Steuern nicht bezahlt. Das hätte er schon mitbekommen sollen. Als Schicksalsschlag kann man das nicht mehr deklarieren. Jedoch: Für mich persönlich hat sich der Fall in dem Moment erledigt, als er verurteilt wurde. Und genau das wurde Hoeneß. Nun sitzt er, da können Hoeneß-Gegner oder -Anhänger noch so viel über ein gerechtes Strafmaß palavern.

teleschau: Wird sich Hoeneß den Film ansehen?

Thieme: Das weiß ich nicht. Möglicherweise wird er das heimlich machen und sich eine Meinung über den Thieme bilden. Falls er daraufhin anrufen sollte, würde ich mich sehr darüber freuen, mit ihm ein Bier zu trinken.

teleschau: Im Film sagt der Richter gleich zu Beginn des Prozesses, dass bei ihm keine Deals möglich seien. Ist dieser Satz tatsächlich so gefallen?

Thieme: Dieser Satz hat auch mich überrascht. Laut den Protokollen ist er aber genau so gefallen. Ich selbst habe bei den Dreharbeiten deswegen zweimal nachgefragt, da ich diese Aussage von einem Richter ungewöhnlich finde. Schließlich liegt es doch wohl in der Natur der Sache, dass vor Gericht kein Deal möglich ist. Bei aller Liebe, sonst können wir Gerichtsverhandlungen im Namen der Gerechtigkeit abschaffen. Wenn Absprachen tatsächlich möglich sein sollten, dann nimmt ein nächster seine Brieftasche und sagt, pass' auf, vergiss die Sache, hier hast du die Kohle. Beim Hoeneß-Prozess gibt es jedenfalls keine Hinweise darauf, dass er versucht hätte, einen Deal zu machen.

teleschau: Bei der Verhaftung rufen Sie als Hoeneß einmal sehr laut "Scheiße". Dieser Gefühlsausbruch ist doch wohl nicht verbürgt, oder?

Thieme: Diese Szene ist rein spekulativ. Und sie gibt es laut Drehbuch auch gar nicht. Regisseur Christian Twente hatte mich gebeten, einen Moment zum Ausdruck zu bringen, bei dem alles über Hoeneß hereinbricht, und der seine gesamte Hilflosigkeit zeigt. Sein Schrei der Verzweiflung ist so auch eine der intimsten Szenen im Film. Auch wenn sie so wohl auch nicht passiert sein dürfte. Oder vielleicht doch? Das weiß nur Uli Hoeneß selbst.

teleschau: Vor seinem Gang ins Gefängnis hat Uli Hoeneß bei einer Mitgliederversammlung angekündigt, das wäre es noch nicht gewesen. Kehrt er tatsächlich zurück?

Thieme: Ich habe da keine Idee, bin aber gespannt zu erfahren, wie es Uli Hoeneß ergehen wird, was er plant, wenn er seine Strafe verbüßt hat. Wie positioniert sich der ehemalige Präsident bei den Bayern, die ja eine ganze Zeit ohne ihn auskommen mussten? Das bleibt in der Tat spannend.

Quelle: teleschau - der mediendienst