Iris Berben

Iris Berben





Auf der Reise durch die Jahre

Iris Berben, deutsche Volksschauspielerin mit Anspruch, mag ihren Geburtstag nicht besonders. Vielleicht hat das weniger mit Angst vorm Älterwerden zu tun als mit dem Arbeitsethos der nun fast 65-Jährigen. Der Mensch schafft, er feiert sich nicht. Diesen Leitsatz könnte man sich aus dem Mund Iris Berbens gut vorstellen. Weil die elegante Diva des deutschen Films am 12. August Geburtstag hat, ist das Programm voll mit ihren Filmen. Die ARD zeigt als Free-TV-Premiere die Kinokomödie "Miss Sixty" (Mo., 17.08., 20.15 Uhr, ARD), in der eine 60-jährige Karrierefrau doch noch versucht, ein Kind zu bekommen. 3sat sendet zwischen dem 11. und 23. August gleich eine ganze Berben-Retrospektive. Schließlich zeigt die hochkarätig besetzte Polit-Groteske "Die Eisläuferin" (Mi., 16.09., 20.15 Uhr, ARD) die Jubilarin gar als deutsche Kanzlerin. Im Geburtstagsgespräch reflektiert Iris Berben über Vorzüge und Melancholie des Alters, über ihren Abschied vom Kinderwunsch und bereits gezogene Lebensabschnittsbilanzen.

teleschau: In der Komödie "Miss Sixty" sagt Ihre 60-jährige Figur zu Beginn des Films: "Eigentlich bleibt man doch immer 18." Würden Sie den Satz unterschreiben?

Iris Berben: Ich habe zumindest bemerkt, dass man sich mit zunehmendem Alter der 18 wieder nähert (lacht). Diese 18 stehen ja für Neugierde, Unangepasstheit und Wagnis. Wenn man wie ich in ein höheres Lebensalter eintritt, hat man in der Regel bereits "geliefert". Man wird tatsächlich wieder freier und ist neugieriger auf das Leben, weil einige Zwänge wegfallen. In dieser Hinsicht finde ich mich in dem Satz wieder.

teleschau: Warum verlieren wir diese Neugierde zwischendurch?

Berben: Dafür gibt es ganz pragmatische Gründe. Man hat eine Familie, für die man zu sorgen hat. Das Materielle muss stimmen, man arbeitet an einer Karriere. In der breiten Mitte des Lebens, dem klassischen Erwachsenenalter, gibt es einfach eine Menge zu tun. Oft ist das die Zeit, in der man die meisten Kompromisse macht. Von diesen Zwängen lösen wir uns oft erst wieder im Rentenalter. Darin liegt dann aber auch eine große Chance. Weil wir die Motive der eigenen Jugend wiederentdecken können.

teleschau: Hat diese zweite Jugend Vorteile gegenüber der ersten?

Berben: Na klar. Man hat eine Menge Erfahrung. Ich weiß heute sehr viel genauer, was ich im Leben will und brauche. Auch, was ich nicht brauche. Ich lehne heute Filme ab, wenn ich erkenne, dass ich mich in dieser Rolle wiederholen würde. Es geht wieder um Lust und Herausforderung. Man hat nicht mehr viel zu verlieren, wenn man älter wird.

teleschau: Ist Schauspielerin ein guter Beruf zum Älterwerden?

Berben: Wenn man Erfolg hat, dann schon. Das Schöne ist, dass man nicht in Rente gehen muss. Und dass man eigentlich niemals "angekommen" ist. Es gibt auch kein Alter, in dem man als Schauspieler sagt: "Jetzt weiß ich, wie dieser Beruf funktioniert." Ich weiß zwar gewisse Dinge und kenne mein Handwerk, das mich aus der einen oder anderen schwierigen Situationen rettet. Dennoch ist jede neue Rolle ein Abenteuer. Ich weiß bei keiner Rolle im Vorfeld, ob ich das kann oder ob ich mit ihr Erfolg haben werde. Das ist spannend, finde ich.

teleschau: Gab es ein Lebensalter, in dem Sie gerne länger verweilt hätten?

Berben: Vielleicht ... als ich 40 wurde. Man verlässt die Jugend. Mit 40 ist man definitiv keine junge Frau mehr, aber du bist mitten im Leben. Die Füße stehen ziemlich kräftig auf dem Boden. Du hast schon ein großes Paket an Erfahrungen und Wissen gesammelt. Andererseits ist es schön, weil man weiß, dass man noch auf viel Neues treffen wird. Ich fand, 40 war ein gutes Alter.

teleschau: Es gibt diese Redensart vom "Altern in Würde". Wie macht man das eigentlich: in Würde altern?

Berben: Das weiß ich auch nicht. Es wird einem ja immer so ein bisschen von außen vorgegeben, dass man in Würde altern soll. Wenn ich eine, zwei oder drei Generationen zurückdenke, war das ein Spruch, der vor allem Frauen im Visier hatte. Ab 40 hat man von einer Frau erwartet, dass sie sich in sich selbst zurückzieht. Dass sie quasi verschwindet. Für Frauen ab 40 musste alles vor allem "praktisch" sein: ein "praktischer" Haarschnitt, "praktische" Kleidung und so weiter. Davon haben wir uns erfreulicherweise lösen können. Heute gibt es eine Menge Dinge, mit denen ältere Frauen selbstbewusst, durchaus fordernd und auch laut im Leben auftauchen dürfen. Es gibt, zum Beispiel in Fragen der beruflichen Emanzipation, immer noch eine Menge zu tun. Wir haben aber auch schon eine Menge geschafft.

teleschau: In "Miss Sixty" möchte eine 60-jährige Ex-Karrierefrau ein Kind bekommen. Fanden Sie es selbst schwierig, sich irgendwann einzugestehen: Nein, ich werde kein zweites Kind mehr bekommen?

Berben: Es ist ja bei uns immer noch so, dass man sich als Frau zwischen Kindern und Karriere entscheiden muss. Das ist eine große Ungerechtigkeit! Warum soll nicht beides gehen? Da gibt es nun also die Fortschritte der Medizin, die einiges möglich machen. Aber das ist nicht die Antwort. Ich kenne im Freundeskreis Frauen, die sich sehr bewusst gegen ein Kind entschieden haben. Und ich kenne welche, die große Probleme haben, ein Kind zu bekommen. In jeder Frau ist das Kinderthema ein großes. Da kommen viele Fragen auf: Habe ich den richtigen Zeitpunkt gewählt, ein Kind zu bekommen? Hätte ich noch eins gewollt? Ich glaube, das macht jede Frau mit sich selber aus und durch.

teleschau: Ist es mit dem Älterwerden zwangsläufig so, dass man auch melancholischer wird?

Berben: Ja, ich denke schon. Man hat zumindest verstärkt melancholische Momente. Einfach deshalb, weil man immer mehr hat, auf das man zurückblickt. Manchmal bin ich melancholisch, weil ich mir noch mal die Unerfahrenheit und das Unwissen wünsche, die ich früher im Leben hatte. Man weiß so vieles heute.

teleschau: Ist Melancholie dennoch ein gesundes Gefühl?

Berben: Finde ich schon. Es ist auch ein schönes Gefühl. Weil man sich im Moment der Melancholie immer auch selbst analysiert und reflektiert. Man denkt darüber nach, wo man gerade ist, was man vermisst und wo man vielleicht noch hin will. Wichtig ist, dass man mit sich in gutem Einklang lebt. Dann überwiegt auch das Positive an der Melancholie.

teleschau: Mit "Miss Sixty" und "Die Eisläuferin" gibt nun zwei Komödien mit Ihnen in der ARD zu sehen. Täuscht der Eindruck oder haben Sie gerade besonders viel Lust auf dieses Genre?

Berben: Ich habe große Lust auf Komödie. Vor allem, wenn wie hier in beiden Fällen ein ernstes Thema hinter der Grundidee des Films steckt. Es macht oft Sinn, sich schwierigen Problemen filmisch auf eine leichte Art zu nähern.

teleschau: In "Die Eisläuferin" spielen Sie die Bundeskanzlerin. Nachdem ihr ein Schild auf den Kopf gefallen ist, lebt sie gedanklich in der Zeit, als die Mauer noch stand, und funktioniert im Politikbetrieb nicht mehr nach Plan. Fühlten Sie sich wohl als Kanzlerin?

Berben: Ja, ich habe mich wohlgefühlt. Auch weil ich die Metapher mit dem Brett, das ihr auf den Kopf fällt und sie alles nach einem Tag wieder vergessen lässt, sehr stark fand. In der Politik wird viel vergessen. Es wird auch vergessen, dass man die Politik ja eigentlich für die Menschen macht und nicht aus einem Selbstzweck heraus. Nicht nur ich habe den Eindruck, dass der Abstand zwischen Politik und Volk immer mehr wächst.

teleschau: Haben Sie sich Angela Merkel als direktes Vorbild genommen?

Berben: Dazu ist sie zu einzigartig und hat auch genügend Probleme, als dass ich sie allzu direkt persiflieren müsste. Was ich sagen möchte als jemand, der ihr mehrere Male begegnet ist: Sie ist eine Frau mit sehr viel Humor. Was in ihrem Job natürlich selten nach außen sichtbar wird ...

teleschau: Bei 3sat gibt es rund um Ihren 65. Geburtstag eine schöne Retrospektive mit Filmen von Ihnen. Dabei fällt auf, dass Ihre wichtigen Arbeiten oft in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Matti Geschonneck entstanden sind. Was macht diese besondere Partnerschaft zwischen Ihnen aus?

Berben: Matti hat diese besondere Fähigkeit, sehr psychologische Figuren und Situationen zu erschaffen. Und das auf eine sehr unaufgeregte und dadurch wahrhaftige Weise. Er ist ein Meister der Reduktion. Wenn Matti eine Szene erschafft, läuft der Prozess so, dass immer mehr unnötiges schauspielerisches Beiwerk entfernt wird. Durch die Reduktion schafft er es immer, dem Thema und der Figur nahezukommen. Bei "Das Zeugenhaus" war es so, dass ich meine Rolle irgendwann nur noch mit den Augen gespielt habe, was richtig war. Solche Dinge macht und erkennt er wie kein anderer. Deshalb würde ich liebend gern jeden Film bei Matti zusagen.

teleschau: An welchem Projekt arbeiten Sie jetzt gerade?

Berben: Aktuell drehe ich mit der Regisseurin Franziska Buch den Kinofilm "Conni und Co" - nach den gleichnamigen Kinder- und Jugendbüchern. Die Hauptfigur ist ein junges Mädchen. Und ich bin so eine Art anarchistische Großmutter, die nicht so recht in das Klischeebild der klassischen Oma passen will. Eine Rolle, die ja irgendwie auch zu unserem Gesprächsthema passt (lacht).

Quelle: teleschau - der mediendienst