Wladimir Kaminer

Wladimir Kaminer





Zu Gast beim deutschen Waldmenschen

Privat ist er Russe, beruflich einer der erfolgreichsten Schriftsteller Deutschlands. Wladimir Kaminer ("Russendisko") schreibt nicht nur auf Deutsch, was man ihm bei seinem kantigen Akzent gar nicht zutraut, er hat auch einen ausgeprägt verschrobenen Humor. Dieser Umstand und die brillante Beobachtungsgabe des 48-Jährigen ließen den "Deutschlandbeobachter" Kaminer bislang drei Millionen Bücher verkaufen. Sein neuestes Projekt findet nun aber ab 24. August im Fernsehen statt (Montag bis Freitag, 19.30 Uhr, bei 3sat). "Kulturlandschaften" ist ein Reisebericht über deutsche Provinzen. Der in Berlin lebende Moskauer besucht (in dieser Reihenfolge): den Schwarzwald, Wuppertal, das Saarland, Mecklenburg-Vorpommern und die Eifel. Dabei erfährt man, angenehm leicht und unaufdringlich, ziemlich viel über das deutsche Wesen und auch Überraschendes: Mecklenburg-Vorpommern, so Kaminer im Interview, sei für ihn eine Mischung aus Moskau und Kurort.

teleschau: Es heißt, durch die Globalisierung sähe es sogar in der Provinz überall gleich aus. Stimmt das?

Wladimir Kaminer: Nein, das Gegenteil ist richtig. Durch Globalisierung wird die Welt immer kleiner, das stimmt. Aber: In einer kleinen Welt gewinnen die kleinen Kulturen auch an Bedeutung. Die Menschen wollen wissen, wie sie sich von ihren Nachbarn unterscheiden. Das habe ich auf der Reise durch die deutsche Provinz gelernt. Die Künstler vor Ort waren meine Insider. Die haben sich tatsächlich mit der Situation ihres Wohnortes auseinandergesetzt. Als ahnungsloser Fremder hätte ich ansonsten kaum eine Chance gehabt, das Leben dort wirklich zu verstehen.

teleschau: Es ist ja so ein bisschen Ihr künstlerischer Ansatz, sich Dinge als Außenseiter anzuschauen und zu beschreiben. Konnten Sie deutliche Unterschiede zwischen den deutschen Provinzen erkennen?

Kaminer: Ich reiste durch fünf deutsche Provinzen. Es kam mir vor, als wäre ich in fünf unterschiedlichen Ländern gewesen. Das Leben in verschiedenen deutschen Regionen unterscheidet sich doch ziemlich stark. Das Saarland und Mecklenburg-Vorpommern kann man nicht verwechseln.

teleschau: Nennen Sie uns mal ein Beispiel!

Kaminer: Mecklenburg-Vorpommern ist für mich eine Mischung aus meiner Heimatstadt Moskau und einem Kurort. Menschen, die zu lang aufs Wasser gestarrt haben, lassen sich davon nicht mehr beeindrucken. Ich war beispielsweise auf einem Hafenfest in Wismar. Dort sagte mir ein Fischbrötchenverkäufer ziemlich schroff: "Von dir will ich kein Geld." Ich dachte: "Wow, er muss meine Bücher kennen." Aber dann nahm er vom Rentner hinter mir ebenfalls kein Geld und von dem Pärchen dahinter auch nicht. Ich glaube nicht, dass sie alle Schriftsteller gewesen sind. Deshalb muss ich davon ausgehen, dass er alle seine Brötchen verschenken wollte. Er wollte einfach nicht länger an diesem Stand am Hafen stehen - das muss die Ursache für sein Verhalten gewesen sein. Der Mecklenburger hat diese ruppig-sozialistische Art, die mir aus meiner Heimat bekannt vorkommt. Ein Wesenszug, den man im Saarland oder Schwarzwald lange suchen muss ...

teleschau: Wie haben Sie denn die Saarländer oder Schwarzwälder erlebt?

Kaminer: Das ist ein bisschen wie bei "Der Herr der Ringe": Im Schwarzwald leben die Hobbits. Oder ist das jetzt beleidigend? Na ja - eben Menschen, die eine starke Beziehung zur Erde haben. Schwarzwälder sind Erdmenschen. Und Saarländer? Die stehen fürs Feuer, finde ich. Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt haben, kann man sie nicht mehr vom Gegenteil überzeugen. Und wenn es jemand schafft, dann nur Kinder.

teleschau: Das müssen sie erklären!

Kaminer: Ich habe im Saarland die "Völklinger Hütte" besucht. Das war mal ein Stahlbetrieb, ein Zeugnis der Industrialisierung. Zehntausende Menschen haben dort gearbeitet. Es war eine sehr harte Arbeit dort. Man kann sagen: Die Menschen wurden ausgebeutet. Irgendwann haben sie die Anlage stillgelegt. Dann ist sie 1994 zum Weltkulturerbe der UNESCO geworden. Man hat angefangen, dort Kunst und Kultur zu veranstalten, es gab Ausstellungen, Musikfestivals und so weiter. Die alten Menschen aus dem Ort wollten jedoch nie wieder hingehen. Das ist typisch saarländisch. Der Direktor der Anlage, ein sehr kluger Mann, begann schließlich, Kinderveranstaltungen in der Völklinger Hütte zu organisieren - und das klappte. Über die Kinder kamen dann auch ihre Großväter. Die konnten schließlich nicht nein sagen, wenn ihre Enkel sie darum baten. So mussten die ihre Fabrik besuchen, die sie vor 30 Jahren verlassen hatten.

teleschau: Neben den genannten Regionen haben Sie auch einen Film über eine Stadt gedreht. Was qualifiziert Wuppertal zur beispielhaften deutschen Provinz?

Kaminer: Wuppertal ist für mich rheinländischer Kommunismus. Man findet dort viele geplatzte Hoffnungen und Träume, die nicht realisiert werden konnten. Man sieht aber auch eine wunderschöne Landschaft. Es ist eine lange, schmale Stadt, die nur aus Bergen und Treppen besteht. Ich glaube, es gibt dort sogar die längste Treppe der Welt. Meine Mutter rief mich an und fragte: Wo bist du, ist es da schön, soll ich dich besuchen kommen? Ich riet ihr ab, weil sie die vielen Treppen nicht beherrscht hätte. Dann gibt es dort auch noch diese komische U-Bahn, die mit dem Kopf nach unten hängt ...

teleschau: Sie meinen die Schwebebahn.

Kaminer: Ja, so heißt sie wohl. Ich glaube, dass die Leute in Wuppertal große Schwierigkeiten hatten. Aber sie schafften es, ihre eigene Ohnmacht dem Kapitalismus gegenüber zu überwinden. Die Stadtkasse ist leer, sie mussten das Theater schließen. Daraufhin haben die Bürger ein eigenes mobiles Theater gegründet. Es geht durch die Stadt und erzählt deren Geschichte anhand eines Theaterstückes.

teleschau: Fehlt noch die Eifel, wo Sie ebenfalls unterwegs waren. Was fanden Sie dort Spektakuläres?

Kaminer: Seltsame Menschen. Zum Beispiel einen 80-jährigen Künstler namens Paul. Der schaute sich auf dem Globus an, was von der Eifel aus betrachtet auf der anderen Seite der Welt liegt. Nelson in Neuseeland - lautete die Antwort. Dort leben viele Maori, erfuhr er vom Bürgermeister, den er angeschrieben hatte. Nun wollte Paul diese Maori in die Eifel einladen. Sie hatten jedoch kein Geld, um die Einladung anzunehmen, schrieb der Bürgermeister. Also fing Paul an, einen Tunnel zu graben, damit die Maori ohne Geld in die Eifel reisen konnten. Das ist natürlich ein Witz, eine Lachnummer - würde man denken. Wenn Sie jedoch die Baustelle gesehen hätten, wären Sie sich nicht mehr so sicher ...

teleschau: Erzählen Sie!

Kaminer: Das ist ein riesiges, spiralförmiges Loch, das sehr tief in die Erde geht. Die Nachbarn in diesem 30-Seelen-Dorf machten sich tatsächlich Sorgen, dass durch das Loch bald viele Fremde in die Eifel kommen würden. Sie baten Paul, damit aufzuhören - doch der machte weiter. Er verzierte das Loch mit Maori-Ornamenten und schließlich gab er ein Fest, um die Maori willkommen zu heißen. Es kam Maori-Musik aus dem Loch, es stieg Rauch auf und so weiter. Am Ende wurden zwar nur Würste gegrillt, die Maori kamen nicht wirklich. Trotzdem sind jetzt alle im Dorf große Fans des Künstlers und der Maori. Die Menschen dort sind nun total überzeugt von Paul und seinen Projekten. Beim nächsten Mal wollen sie alle mithelfen. Wer hätte gedacht, dass die Eifel - eine Gegend, von der man dachte, dass dort an jeder Ecke nur Kühe und belgische Wanderer herumstehen - so von der Kunst begeistert ist?

teleschau: Sie nähern sich allen deutschen Provinzen über ihre Künstler an. Sind Künstler, die in der Provinz bleiben, anders als jene, die in die großen Städte gehen, um dort bekannt zu werden?

Kaminer: Künstler in der Provinz werfen längere Schatten. In einer Metropole, in der es an jeder Ecke Kunst gibt, geht alles Schöne und weniger Schöne wortlos unter. Man hat dort jeden Tag eine neue Kunst an der gleichen Ecke. Was sind denn die größten Defizite der Menschen heute? Es ist ihre nicht vorhandene Aufmerksamkeit und die fehlende Fähigkeit, sich für etwas Fremdes zu begeistern. In der Großstadt sind diese Probleme sehr viel ausgeprägter als in der Provinz. In den Städten haben Menschen nicht mal mehr eine Sekunde Aufmerksamkeit für Dinge, die sie nicht direkt angehen. In der Provinz ist man viel neugieriger auf das Abenteuer um die Ecke.

teleschau: Kennen Sie das deutsche Sprichwort "Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht"? Es ist eine spöttische Redensart über den Konservatismus von Menschen aus der Provinz ...

Kaminer: Ja, aber ihr Deutschen sagt doch auch: "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß." In Russland sagt man stattdessen: "Wer wenig weiß, kann besser schlafen." Aber - mit diesem Nicht-wissen-Wollen wächst gleichzeitig auch die Neugier. Langweilen will sich kein Mensch - gerade in der Provinz nicht. Und wenn Sie dann einen Nachbarn haben, der einen Tunnel zur anderen Seite der Welt gräbt, werden Sie hundertprozentig zu seinem Fest kommen.

teleschau: Ist die deutsche Provinz anders als die russische?

Kaminer: Nein, nicht gravierend. Nur dass man in der russischen Provinz sehr viel mehr nach Unabhängigkeit strebt als in der deutschen. Dass man Moskau hasst, gehört in der russischen Provinz zum Selbstverständnis mit dazu. Man ist dort sehr selbstständig. Ja, man könnte sagen: hochnäsig. Und je kleiner die Stadt, desto patriotischer sind die Menschen dort. Sie sind der Meinung, das wahre Russland wären nur sie selbst, und alles andere drum herum sei völlig verdorben. Tatsächlich neigen die Russen in solchen Fragen zu extremen Ansichten.

teleschau: Es gibt viele Landschafts-Dokumentationen im deutschen Fernsehen. Erfährt man in Ihren Filmen andere Dinge?

Kaminer: Man erfährt, dass Menschen keine Engel sind. Sie schweben nicht zwischen Himmel und Erde, in einem bodenlosen Raum. Menschen sind verankert in der Geschichte ihrer Region. Wenn man aus dem Saarland kommt, sind Orte wie die Völklinger Hütte oder die Nähe Frankreichs in ihnen verankert. Das sind Elemente einer anderen Geschichte, als sie beispielsweise die Berliner oder Brandenburger in sich tragen. Überhaupt habe ich festgestellt, dass man im Kleinen, gerade in der Provinz, das Große sehr gut erkennen und erzählen kann.

teleschau: Können Sie ein Beispiel machen?

Kaminer: Die Geschichte Deutschlands. Wie entsteht so ein Staat? Es geht ja um eine Interessengemeinschaft. Irgendwann haben die Menschen beschlossen, zusammen leben zu wollen. Sie haben eine Solidarität zueinander entwickelt, eine Art Zusammenhalt. Ich finde es interessant zu erfahren, aus welchen - oft unsichtbaren - Gliedern so eine Kette des Zusammenhalts besteht.

teleschau: Und welche Gemeinsamkeiten fanden Sie unter den Deutschen?

Kaminer: Zum Beispiel diese Liebe zum Wald. Das ist etwas sehr Deutsches. Im Schwarzwald traf ich eine Black Metal Band, die von dort kommt und auf der ganzen Welt in der Szene bekannt ist. Die erzählten mir, dass sie sich schon als Kinder, wenn andere Hausaufgaben machten oder auf den Spielplatz gingen, lieber in den Wald setzten, um das Geheimnis, das sie dort spürten, zu spüren. Es hat sie so stark fasziniert, dass es sie bis heute antreibt - auch in ihrer Musik. Die konnten überhaupt nichts anderes werden als Black Metal Musiker. Wenn man diese Urigkeit des Waldes erkannt hat, kann man keine Schlager mehr singen.

teleschau: Warum haben speziell die Deutschen so eine enge Beziehung zum Wald?

Kaminer: Na, die sind doch aus dem Wald gekommen - die Deutschen. Der Wald war schon immer eine deutsche Seelenlandschaft. Man sieht es doch auch im Urlaub, am Strand. Wenn die Deutschen versuchen, Sandburgen zu bauen, fallen sie immer auseinander. Wenn man hierzulande im Wald Wanderer trifft, weiß man, wie glückliche Menschen aussehen. Na klar, irgendwann sind die Deutschen aus dem Wald herausgekommen und haben außerhalb viele Dinge geschafft. Trotzdem ist es so, dass die Deutschen ihren Wald immer noch im Herzen tragen.

Quelle: teleschau - der mediendienst