The Chemical Brothers

The Chemical Brothers





Trommelwirbel für die Big-Beat-Veteranen

Dass Tom Rowlands und Ed Simons optisch eher an Geschichtsprofessoren erinnern als an die gefeierte Popstars, die sie sind, hat einen guten Grund: The Chemicals Brothers haben nicht nur Musikgeschichte geschrieben, sondern auch spätmittelalterliche Geschichte studiert. Rowlands und Simons lernten sich als Studenten an der Uni Manchester kennen. Denn auch wenn ihr späterer Bandname anderes suggeriert: Der Verwandtschaftsgrad der gebürtigen Londoner beschränkt sich auf den Status der Seelenverwandtschaft. Mit "Born In The Echos" erscheint nun ihr erstes neues Album nach fünfjähriger Pause.

Der gemeinsame Nenner der beiden war schon in der Studentenzeit die Musik. Dass der 1970 geborene Ed Simons in seiner Kindheit ein Faible für Musicals hatte, darf als Jugendsünde verziehen werden. Der Sohn einer alleinerziehenden Anwältin trieb sich schon in der Schulzeit gern in Klubs herum, was seine Vorliebe für Rap und Rare Groove erklärt. Der ein Jahr jüngere Rowlands war von Gothic Rockern wie Sisters Of Mercy, der deutschen Band Kraftwerk und Heaven 17 angezogen. Immerhin eine gemeinsame Schnittmenge ließ sich früh erkennen: die Band New Order, die beide gleichermaßen verehrten.

Das Studium mag der offensichtliche Grund für den Umzug nach Manchester gewesen sein, doch Tom Rowlands wollte vor allem im angesagten Hacienda-Klub feiern, während es Ed Simons nicht zuletzt deshalb in die Stadt zog, weil sie die Heimat der von ihm verehrten Bands The Smiths und eben New Order war. Damals hätte keiner der beiden geahnt, dass sie eines Tages ähnlich populär werden würden. Der vielseitige Musikgeschmack der beiden blieb auch im eigenen Schaffen eines der Alleinstellungsmerkmale ihres Sounds. Deshalb genießen The Chemical Brothers wie kein anderer Act sowohl in HipHop-, Dance- und Indie-Rock-Kreisen gleichermaßen Anerkennung.

Vor der Karriere als Popstars verwandelten sie Mitte der 90-er als DJs den angesagten Londoner Klub The Heavenly Social in ihr musikalisches Chemielabor. Unter dem Namen Dust Brothers verbanden sie Elemente wie Techno, HipHop, Funk und Soul zu einer eigenwilligen Mischung, bei der trotz aller Gegensätze die Chemie stimmte. Weniger bekannt ist, dass die beiden bereits 1992 in einem Klub namens "Naked Under Leather" - quasi dem Hinterzimmer eines Pubs - als DJs auftraten. Das geschah unter dem Pseudonym "The 237 Turbo Nutters", wobei sich die Zahl auf ihre Hausnummer bezog. Damals pressten sie auch im Alleingang 500 eigene Platten eines Songs, den sie mit einfachstem Equipment am heimischen Computer aufgenommen hatten. Die Plattenläden lehnten den Track ab - mit der Begründung, er sei zu langsam.

Auch Acts wie The Prodigy, Fatboy Slim und The Crystal Method zählen zu den großen Namen des Ende der 90-er populären Big Beat, doch The Chemical Brothers werden als Begründer dieser Stilrichtung betrachtet. Mit fetten Beats als chemische Keule lockten die Briten selbst die müdesten Tanzmuffel wie unter Hypnose aufs Parkett. 1996 erreichte der Track "Setting Sun" aus dem Album "Dig Your Own Hole" den ersten Platz der britischen Charts. Das war auch dem Umstand zu verdanken, dass Noel Gallagher von der gerade durch die Decke gehenden Band Oasis dem Duo seine Stimme lieh. Schon in dieser Zeit war die an Besessenheit grenzende Liebe zum Detail spürbar, mit der die beiden an jeder Nuance des Sounds tüftelten, den sie zu einem Gesamtkunstwerk aus Rhythmus und Sounds verdichteten. "Gute elektronische Musik ist Musik, die in technischer Hinsicht aufregend ist, weil sie frische Sounds bietet", sagte Ed Simons in einem Interview mit Ign.com. "Aber dazu sollten sich echte Gefühle und eine Seele gesellen."

Einer der Schlüssel zu dieser Authentizität war für die beiden schon immer das Faible für alte Technik. Anstatt Computer-Algorithmen die Arbeit zu überlassen, setzten sie auf analoge Synthesizer, an denen man noch selbst drehen, drücken und schieben musste, um am idealen Klang zu tüfteln. Ein Alleinstellungsmerkmal, das sie bis heute von den vielen Trittbrettfahrern des Elektro-Booms unterscheidet. Der Durchbruch auf dem Festland kam 1997 mit der Single "Block Rockin' Beats", bei der es in Sachen Drum Machines mächtig im Karton rappelte. Die hochexplosive Mischung aus treibenden Beats im XXL-Format und hypnotisch wiederholten Analogsequenzer-Passagen, Samples und skurrilen Sounds wurde zum Markenzeichen der Combo, die in den 20 Jahren ihrer Karriere mit Grammys, Brit-Awards und anderen Preisen überhäuft wurde. Ihr bisher größter Hit "Galvanize" ist auf dem Album "Push the Button" (2005) zu finden. Er hielt sich allein in Deutschland 26 Wochen lang in den Charts.

Zehn Jahre später und fünf Jahre nach dem bis dato letzten Album "Further" erscheint nun die nächste chemische Keule - das achte Studio-Album "Born In The Echoes". In der Phase dazwischen gingen die beiden nicht etwa in Frührente, sondern zurück zu den Wurzeln: Sie absolvierten DJ-Gigs, als gäbe es kein Morgen mehr. Die Klubnächte, Live-Gigs und Alben-Produktionen befruchteten sich schon immer gegenseitig in der Historie des Duos: "Wir greifen damit letztlich das auf, was uns ganz zu Beginn unserer Karriere angetrieben hat: die Suche nach denjenigen Tracks, die einen ganzen Raum in eine Party verwandeln können", sagt Ed Simons über das neue Werk. Der alte Duracell-Hase Tom Rowland kritisiert an der aktuellen elektronischen Musik, dass "eine Art Wettrüsten stattfindet, um diese aalglatten Standard-Sounds möglichst präzise aufzunehmen. Aber das hat nichts mit dem Schweiß und der Intensität und dem ganzen Chaos zu tun, das mich persönlich schon immer so sehr faszinierte."

Dass die Leidenschaft für den fetten Klang noch immer so stark brennt wie am ersten Tag, beweisen die beiden nicht nur mit den neuen Tracks, sondern auch live: "Als wir ein Stück aus dem neuen Album bei einem DJ-Gig in Barcelona zum ersten Mal spielten, sind die Leute komplett ausgerastet. Das war fast schon ein spiritueller Moment", erinnert sich Ed Simons. Diesen Sommer werden The Chemical Brothers bei Festivals wie Glastonbury, Sónar, SonneMondSterne und dem Bestival sicherlich für viele weitere spirituelle Musikerlebnisse sorgen.

Quelle: teleschau - der mediendienst