Gefühlt Mitte Zwanzig

Gefühlt Mitte Zwanzig





Das seltsame Verhalten hipper Großstädter

Seit den 50-ern zog eine Vielzahl cineastischer Werke ihre Brisanz aus dem immer aufs Neue keimenden Konflikt zwischen jungen Wilden und gesättigter Elterngeneration. Selten wäre es angesichts des vorbildgebenden realen Generationenstreits dabei glaubwürdig erschienen, wenn die Älteren im Film ihre jüngeren Counterparts zu imitieren getrachtet hätten. Genau das geschieht in Noah Baumbachs "Gefühlt Mitte Zwanzig": In Zeiten des urbanen Hipsters haben sich die Verhältnisse zwischen Twens und Fortysomethings derart verdreht, dass sich eine intelligente Tragikomödie daraus fast zwangsläufig ergibt. Anspielungsreicher, scharfsinniger und vergnüglicher als der "Francis Ha"-Regisseur ihn mit Hilfe wundervoller Darsteller schuf, kann ein derartiger Rundumschlag kaum gelingen.

Dass Noah Baumbach bisweilen noch immer als eine Art junger Woody Allen angesehen wird, stört den 45-jährigen New Yorker nicht wirklich. Denn der Vergleich kommt ja nicht von ungefähr: Als zentrale Figur seines Schaffens darf schließlich der Stadtneurotiker gelten, ein Typus, dem Allen zu Prominenz verhalf. Jener von den gesellschaftlichen Anforderungen überforderte, überaus intellektuelle und kreative Charakter stand in Baumbachs Indie-Erfolg "Frances Ha" (2012) ebenso im Mittelpunkt wie in dessen Vorgänger "Greenberg" (2010). Im letztgenannten Film brillierte ein wie verwandelter Ben Stiller als ebenso gescheiterter wie depressiver Musiker.

Die Midlife-Crisis steht Stiller gut. Wenig Wunder also, dass der 49-Jährige in "Gefühlt Mitte Zwanzig" erneut jenen Typus verkörpert - diesmal weniger depressiv, dafür mindestens ebenso gescheitert. Josh heißt seine Figur, ein Dokumentarfilmer, der seit über acht Jahren an seinem "neuen" Film arbeitet. Weil es mit dem episch-intellektuellen Werk über den Kapitalismus nicht recht voran geht, schlägt er sich als Dozent durch. Dass seine Frau Cornelia (Naomi Watts) als Filmproduzentin arbeitet und Tochter eines legendären, erfolgreichen Dokumentarfilmers ist, macht die Sache nicht gerade einfacher.

Und dann wäre da ja noch das Alter: Josh und Cornelia haben es sich zwar gemütlich eingerichtet in ihrem Mittvierziger-Dasein in Brooklyn, doch fehlt es an etwas. Ein Kind, so wie bei den anderen Paaren ihres Alters, stand nie wirklich zur Debatte. Welch frischer Wind also, als sie auf das Mittzwanziger-Pärchen Jamie ("Girls"-Star Adam Driver) und Darby (Amanda Seyfried) treffen! Die beiden verkörpern das hippe Metropolen-Künstlertum unserer Tage wie aus dem Bilderbuch: Ökologische Fairtrade-Ernährung, Flohmarkt-Klamotten, verrückte Vernissagen und analoge Brettspiel-Abende sind den leidenschaftlich Verliebten viel wichtiger als der saturierte Konsum und die rein theoretische Beschäftigung mit der Gesellschaft, der die Älteren frönen.

Davon beeindruckt schließen sich Josh und Cornelia ihren neuen jungen Freunden auf dem wilden Ritt durch das ebenso kreative wie inhaltsleere Brooklyn immer öfter an. Jamie macht zudem ebenfalls Dok-Filme, und selbstverständlich fühlt sich Josh - nun mit Hipster-Hut - gebauchpinselt, als er um Rat und Mitarbeit gefragt wird. Doch, natürlich: Der vermeintlich innerlichkeitsfixierte Twen macht sich scheinbar viel spontaner und unvermittelter an die Filmproduktion als der verkopfte Intellektuelle. Peu à peu realisiert Josh aber, dass das ach-so-authentische Gehabe der Öko-Hipster mehr als problematisch ist.

Von der anfänglichen Generationenfrage ausgehend, verzweigt sich "Gefühlt Mitte Zwanzig" in einen wundervoll ironischen Diskurs, der gleichermaßen klug und witzig mannigfaltige (gefühlte) Wahrheiten thematisiert. Und dabei jede Menge Fragen aufwirft: Was macht die Kunst zur Kunst?, beispielsweise. Oder: Gibt es das überhaupt - diese wie auch immer geartete Authentizität, das Bei-sich-Sein? Und ist es nicht eigentlich viel regressiver, an esoterischen Ayahuasca-Sessions teilzunehmen, als sich mit der kritischen Theorie auseinanderzusetzen? Baumbach gelingt mit Unterstützung seines durchgehend vorzüglichen Ensembles ein referenzreiches Porträt gleich zweier Generationen aus den westlichen Großstädten des frühen 21. Jahrhunderts. Beide eint eine Frage: Wie lebt es sich eigentlich am besten?

Quelle: teleschau - der mediendienst