Slow West

Slow West





Träume und Schinderei

Der Wilde Westen war immer schon ein gelobtes Land voller Versprechungen und Verheißungen. Wer dorthin wollte, träumte von Freiheit, von einem frischen Start oder vom ultimativen Glück. So wie der zerbrechliche Adlige Jay Cavendish (Kodi Smit-McPhee). Was Jay, wie so viele andere vor und nach ihm, ignoriert, ist der Preis, den der Westen für all diese Träume abverlangt. Bei Jay sind es erst einmal nur 1.000 Dollar, die er dem zwielichtigen Silas (Michel Fassbender) als Schutzgeld bezahlt: Der wortkarge Streicher soll ihn zu seiner Geliebten Rose (Caren Pistorius) führen, der er mit flammendem Herzen aus Schottland gefolgt ist. Regisseur John Maclean schickt die beiden in "Slow West" auf eine finstere Reise: In nur 84 Minuten nimmt er sich alle Zeit der Welt, den Mythos Wilder Westen mit Stilbewusstsein und lakonischem Humor zu dekonstruieren und mit seiner eigenen Vision den Hut vor einem ganzen Genre zu ziehen.

Der Liebe wegen ist Jay Cavendish 1870 in Colorado gelandet. Der naive Jüngling liegt nachts unter dem Sternenhimmel und träumt von seiner Rose. Tagsüber reitet er wie ein erstauntes Kind durch eine Landschaft, von der er erst durch den wortkargen Einzelgänger Silas erfährt, wie tödlich sie in ihrer Schönheit ist. Der grandiose Michael Fassbender verortet den Kopfgeldjäger im Zwielicht aus mörderischer Entschlossenheit und pessimistischem Weltschmerz: Silas heuert sich selbst als Personenschützer an - mit Hintergedanken und gegen ein nicht unerhebliches Entgelt.

Leichen pflastern fortan ihren Weg - weil der Westen eben kein romantischer Sehnsuchtsort ist, so sehr es sich Jay auch wünscht. Der Westen ist ein unwirtliches, ein raues, ein gefährliches Land durch das John Maclean ein sehr ungleiches Paar schickt. Wie Vater und Sohn wirken sie, Vergangenheit und Zukunft treffen aufeinander und die blutige Wirklichkeit kämpft mit der Hoffnung. In Rückblenden wird schnell klar, dass Jays große Liebe eine einseitige Angelegenheit ist. Rose ist mehr Reflexionsfläche seiner Hingabe, als für ein gemeinsames Leben bereit.

Wenige Schauplätze, wenige Figuren - ein wortkarger Held mit undurchsichtigen Absichten, ein naives Greenhorn, eine schöne Frau, ein klassischer Bösewicht, den der diabolische Ben Mendelsohn als Wolf im Wolfspelz gibt, und eine aufs Wesentliche reduzierte Handlung: "Slow West" ist nur auf den ersten Blick ein klassischer Western. Vielmehr renoviert Filmemacher Maclean ein Genre, das nie aus der Mode kommt, und interpretiert es mit erfrischender Unbekümmertheit neu.

Der Schotte, ehemaliges Mitglied der inzwischen aufgelösten musikalischen Indie-Formation The Beta Band, erzählt mit lakonischem Ton viel über das Wesen der Zivilisation und über Zeiten, in denen ein Menschenleben nicht viel wert war. Von der Kamera in einen engen Rahmen gezwängt, erleben die Figuren die Unmittelbarkeit des Todes sehr deutlich: Es gibt kein Entrinnen. Nicht für Ex-Soldaten, nicht für Kopfgeldjäger, nicht für verzweifelte Pioniere.

"Slow West" ist, reduziert auf ein Kammerspiel, ein sehr moderner und zeitloser Film, der Genre-Vorgaben mit schrulliger Komik bricht. Auf ihrem Weg zum mitreißenden Showdown treffen Jay und Silas drei schwarze Männer die ihnen im Nirgendwo ein Ständchen singen. Da liegt ein Holzfäller unter seinem Baum begraben, es geht ein Laden-Überfall eines Einwandererpaares gründlich schief, und Jay fängt mit bloßer Hand den Pfeil eines Indianers ab.

Der Wilde Westen, lernt Jay auf seinem Weg, besteht gleichermaßen aus Träumen und Schinderei. Er wollte der Gewalt und dem Leid entkommen, er wollte sein Glück finden. Nun lässt er sich von Silas in einem unvergesslichen, überraschenden Showdown zu seiner Angebeteten führen: Rose trifft ihn mitten ins Herz, und Jay ist am Ziel seiner Reise. Er rettet Rose das Leben. Ein Leben, das tödlich ist. Vor allem im Westen.

Quelle: teleschau - der mediendienst