Ulrich Meyer

Ulrich Meyer





"Ich bin typisch deutsch"

Er ist eines der wichtigsten Gesichter des deutschen Magazin-Fernsehens: Ulrich Meyer, der bereits Ende der 80er-Jahre die Redaktion von "RTL Explosiv" leitete, um kurze Zeit später das Reportermagazin "Akte" beim Konkurrenzsender SAT.1 zu etablieren. Jetzt befasst sich der 59-Jährige ausnahmsweise mal nicht mit den Alltagsproblemen der Deutschen, sondern mit ihren Erinnerungen, speziell den positiven. In der dreiteiligen Sendung "Wir sind Deutschland" (ab 12. August, mittwochs, 20.15 Uhr, SAT.1) blickt er mit prominenten und nicht prominenten Deutschen auf 25 Jahre Wiedervereinigung zurück. Ein Gespräch über den Mauerfall, das "Rumpeln" im Land und Meyers steile Karriere im Westen.

teleschau: Herr Meyer, erinnern Sie sich, was Sie am Tag des Mauerfalls gemacht haben?

Ulrich Meyer: Ja, noch sehr genau. Ich war auf der Autobahn, fuhr vom Frankfurter Flughafen zurück nach Köln. Kurz zuvor war eine scheinbar sehr gute Geschichte für unsere damalige "RTL Explosiv"-Redaktion geplatzt, in die ich viel Zeit und Kraft investiert hatte. Bei Musikkassetten versuchte ich im Auto, etwas abzuschalten. Irgendwann wechselte ich zum Radio, weil ich wissen wollte, wie mein 1. FC Köln im Pokal gegen Kaiserslautern gespielt hatte. Aber da war ein Journalist zu hören, mit einer wirklich zu Herzen gehenden Reportage über Tausende Menschen, die in Berlin die Mauer passierten.

teleschau: Was war Ihre erste Reaktion?

Meyer: Ich habe den Wagen fast in die Leitplanke gesetzt (lacht). Dann bin ich nach Hause und habe die ganze Nacht über ferngesehen.

teleschau: Hatten Sie damals das Gefühl: Ab jetzt ändert sich wirklich etwas - auch für mich persönlich?

Meyer: Man hatte die Situation in der damaligen DDR ja bereits über Monate beobachtet. Nur hatte man dabei nicht ahnen können, dass bald etwas geschieht, was unumkehrbar ist. Ich und viele andere auch dachten erst mal: "Ob die die Mauer wohl noch mal zumachen?" Wir hatten die große Hoffnung, dass alles sich friedlich würde entwickeln können, aber eben auch die Angst, dass dieses Regime noch mal mit Gewalt versuchen würde, alles zu verändern. Ich persönlich habe mich über jeden gefreut, der in den Westen kam, ob nur zum Ku'damm oder bis nach Köln. Denn je mehr Menschen kamen, umso geringer waren die Chancen, dass der Mauerfall rückgängig gemacht werden würde.

teleschau: Welche Vorteile hatte die Wiedervereinigung für Sie?

Meyer: Vor allem familiäre. Mein Vater ist in Zwickau geboren und in Dresden aufgewachsen. Als er nach dem Krieg aus der Gefangenschaft kam, erlebte er ein Dresden, das völlig zerstört war. Alles, was die Familie einmal hatte, war weg. Mein Vater ging dann in den Westen, ließ sich in Köln nieder. Seine feste Überzeugung, nie wieder in den Osten zurückzukehren, teilten selbstverständlich auch wir Kinder. Wir kannten ja die Erzählungen von dem schönen, intakten Dresden, sahen die Schwarzweißaufnahmen der Stadt vor dem Krieg bei uns zu Hause in Köln im Flur hängen. Und diese Bilder wollten wir uns bewahren.

teleschau: Aber?

Meyer: Aber als ich 1992 dann doch mal mit meiner Frau nach Dresden fuhr, hatte ich mein erstes klobiges Handy dabei. Und fragte meinen Vater telefonisch nach ein paar Straßen, in denen er gewohnt hatte. Ich habe ihm diese dann beschrieben, wie sie nun aussahen - und plötzlich sprang der alte Herr wieder an. Er war wie neben sich. Und er wollte zurück. Er und meine Mutter fuhren also nach Dresden, er traf alte Freunde, und zusammen entdeckten sie die alte Heimat noch mal neu und verbrachten dort gut zehn intensive gemeinsame Jahre. Das war nur durch die Wiedervereinigung möglich.

teleschau: Ihre Karriere wäre ohne Wiedervereinigung sicher auch nicht möglich gewesen - oder denken Sie, es hätte auch im Osten ähnlich gut für Sie laufen können?

Meyer: Es wäre sicherlich ein ganz anderer Lebensweg gewesen, mit ganz anderen Prägungen. Kaum vorstellbar, auch, weil Menschen, die in der damaligen DDR journalistische Karrieren anstrebten, ganz andere Wege gehen mussten als wir im Westen. Wobei es natürlich auch solche gab, die sich ihren ganz eigenen Weg durch die Wende suchten und bis heute in prominenten Positionen sitzen, ich nenne da nur Maybrit Illner als Beispiel.

teleschau: Hatten Sie denn konkrete Pläne, wie Sie Ihre Karriere in Gesamtdeutschland gestalten wollten?

Meyer: Nein, meine Karriere konnte man nicht planen. Es war eher so, dass ich mich mit meinem Surfbrett auf eine Welle geschwungen und es geschafft habe, nicht  runter zu fallen.

teleschau: Die Welle war das Privatfernsehen.

Meyer: Genau, und das kam damals immer mehr ins Rollen. Das hieß aber nicht, dass ich deshalb automatisch immer eine Karrierestufe höher kommen konnte. Ich habe schlichtweg die richtigen Entscheidungen in den richtigen Momenten getroffen.

teleschau: Höher, schneller, weiter - das ist typisch deutsch. Finden Sie, das sind Sie allgemein: typisch deutsch?

Meyer: Deutsch zu sein, hat einiges für sich - mittlerweile findet man das auch im Ausland. Wir sind lockerer geworden, welterfahrener. Und wir sind immer noch verlässlich. Das zusammen genommen, kann ich sagen: Ja, ich bin durchaus typisch deutsch.

teleschau: Eigentlich dürften Ihnen speziell die letzten 20 Jahre Gesamtdeutschland gar nicht so gut in Erinnerung sein - schließlich haben Sie sich in unzähligen Sendungen vor allem mit den Problemen im Land beschäftigt.

Meyer: Probleme im Land sind das tägliche Brot für Journalisten im Magazin-Fernsehen. Schwierigkeiten unserer Zuschauer, die unlösbar schienen, haben wir dann aber doch mit Hilfe von "akte" gelöst. "Fahndungsakte" und "Ermittlungsakte" befassten sich mit rein kriminellen Aspekten, waren deshalb Sendungen, die von Bösartigkeiten zwischen Menschen berichteten. Aber jetzt, mit "Wir sind Deutschland", unternehmen wir eine emotionale Zeitreise mit vielen Highlights der ersten 25 gemeinsamen deutschen Jahre. "Wir sind Deutschland" soll das beleuchten, was uns Deutsche zusammengeschweißt hat, und soll so zur Ranking-Marke werden.

teleschau: Vor einem halben Jahr haben Sie mal gesagt: "Durch 'akte' und die über 100.000 Zuschriften unserer Zuschauer weiß ich genau, wo es in Deutschland rumpelt." Wo rumpelt es denn aktuell besonders?

Meyer: Wir haben anhand der Zuschriften gemerkt: Es gibt zehn bis zwölf Themen, die die Menschen immer wieder vehement umtreiben. Dazu gehören Probleme mit Banken, Versicherungen, Arbeitgebern, aber auch voreilige Geschäfte mit Drückerkolonnen - alles, was im Leben eben so passiert und womit man neben allem anderen erst mal klar kommen muss. Die Ärgernisse der Menschen sind natürlich im ständigen Wandel, das ist klar. Aktuell gibt es da kein ganz großes Oberkapitel, aber schon Schwerpunkte wie die marode Infrastruktur. Menschen stürzen mit dem Fahrrad, weil es Löcher in den Straßen gibt. Streufahrzeuge hinterlassen Schäden an ihren Autos. Und nirgendwo finden sie Hilfe. Deshalb wenden sich Menschen etwa an unsere "akte".

teleschau: Was ist mit wirklichen Problemen wie dem oft unmenschlichen Umgang mit Flüchtlingen in Deutschland?

Meyer: Das Thema gewinnt an Bedeutung, ist aber ist bei uns noch nicht unter den ersten fünf, sechs Problemen.

teleschau: Was denken Sie persönlich darüber?

Meyer: Ich persönlich denke, es gibt viel mehr Möglichkeiten, Flüchtlingen in Deutschland zu helfen, als es scheint. Leer stehende Gebäude gibt es überall, genau wie Menschen, die sich ständig austauschen, wie sie Flüchtlingen helfen können. Wir müssen uns viel mehr mit diesem Thema und den Problemen dahinter beschäftigen. Weil wir sie, jeder von uns, mit lösen helfen können.

teleschau: Was wünschen Sie sich denn besonders für die kommenden 25 Jahre Deutschland?

Meyer: Wir müssen uns gar nicht so sehr verändern, sondern vielleicht einfach mal einsehen, dass wir in den vergangenen Jahren wahnsinnig viel zusammen geschafft haben. Die wichtigsten Jobs in diesem Land sind in den Händen von Ost- wie Westdeutschen. Und dieses Miteinander ist etwas, worüber wir uns freuen können und auch sollten. Denn nur das Miteinander kann uns in die Zukunft führen.

Quelle: teleschau - der mediendienst