Richard Sammel

Richard Sammel





Interview mit einem Nazi-Vampir

Wieder ein Bösewicht. Wieder ein Nazi. Aber das ist Richard Sammel (54) egal. Den in Heidelberg geborenen Schauspieler stört es nicht, dass er gerne als Hans oder Peter, als Müller oder Moeller besetzt wird. Solange die Rolle stimmt: "Ich will geile Arbeit machen." In der gefeierten Horrorserie "The Strain", die am Mittwoch, 29. Juli, 22.10 Uhr, als deutsche Free-TV-Premiere bei ProSieben startet, hat Sammel die Macher um Guillermo del Toro jedenfalls als bemerkenswert kaltblütiger Nazi-Vampir Thomas Eichorst überzeugt. Aus einer ursprünglich kleinen Rolle wurde eine tragende Figur, die Richard Sammel endlich auch in Deutschland die verdiente Aufmerksamkeit bescheren könnte. Denn hierzulande ist der in Paris lebende Vater von drei Kindern weitgehend unbekannt - anders als in Frankreich, Italien, Hollywood ...

teleschau: Herr Sammel: Wie lange können Sie die Luft anhalten? Ihre Figur in "The Strain" atmet schließlich nicht ...

Richard Sammel: Ach, das macht doch alles der Tonmeister. Ich muss nur so tun, als würde ich nicht atmen. Ich bin vor der Kamera ein etwas steiferer Mensch, nicht so jovial und lebenslustig, sondern eher vampirig. Und damit hat es sich schon.

teleschau: Die Leutseligkeit ist ohnehin nicht die große Stärke des Nazi-Vampirs Thomas Eichorst ...

Sammel: Aber er hat einen sehr speziellen Humor, und er ist einer, der seine eigene Existenz unglaublich schätzt. Er hält sich bestimmt nicht für eine kleine Nummer und ist 150 Prozent davon überzeugt, den richtigen Weg gegangen zu sein.

teleschau: Apropos: Haben Sie das Gefühl, in Ihrer Karriere immer den richtigen Weg gegangen zu sein?

Sammel: Eigentlich schon, langweilig war's nicht, ich bin sehr viel rumgekommen bisher und ich bin ja noch nicht tot. Es gibt also noch viel zu tun, zu entdecken!

teleschau: Man kennt Ihr Gesicht, aber der Name ist einem nicht sofort geläufig: Stört Sie das?

Sammel: Das stört mich nicht. Wichtiger ist mir die Qualität meiner Arbeit, das ist mein Ansporn. Es klappt in Deutschland ganz gut, aber im Ausland klappt es noch besser. Dann nehme ich natürlich immer das Angebot an, das mich weiterbringt. Das entspricht auch meinem Werdegang: Ich bin 1982 aus Deutschland weg, um in Frankreich zu studieren. Dort bekam ich auch gleich Angebote. Aus Frankreich wurde dann Italien, aus Italien wurde Spanien, dann ging ich nach England und wieder zurück nach Frankreich und Italien. Nach meiner Rolle im Bond-Film "Casino Royale" habe ich in Deutschland ganz viele Filme gedreht und dachte: "Jetzt schaffe ich hier den Durchbruch." Aber dann kam "Inglourious Basterds", und der führte dazu, dass ich viel in amerikanischen Filmen mitwirkte.

teleschau: Haben Sie das Gefühl, dass die Deutschen Sie nicht mögen?

Sammel: Im Gegenteil. Es ist mir häufig passiert, dass mir Leute sagten: "Wir haben an dich gedacht, aber dich nicht angefragt, weil du es bestimmt sowieso nicht gemacht hättest. Du machst doch jetzt internationale Karriere." Das ist wie ein Minderwertigkeitskomplex der Deutschen. Fragen Sie mal einen Grimme-Preisträger: Die bekommen manchmal zwei Jahre keine Angebote, weil sich niemand traut, sie zu engagieren.

teleschau: Das hört sich an, als würden Sie gerne mehr in Deutschland arbeiten

Sammel: Ja ... unbedingt auch im Theater. Ich bin ein absoluter Theaterhase und würde wahnsinnig gern öfter auf deutschen Bühnen stehen.

teleschau: Was zog Sie denn einst nach Frankreich?

Sammel: Ich studierte in Hildesheim Kulturpädagogik mit dem Schwerpunkt Schauspiel und bekam dann in Frankreich das Angebot für ein Schauspiel- und Regiestudium, das über Bafög kofinanziert war. Das war ein Traum: Auslandserfahrung und Ausbildung in Schauspiel und Regie. Ich wollte eigentlich zurückkommen. Aber dann stürzte ich mich gleich ins Berufsleben, weil es sofort Angebote gab.

teleschau: Die Franzosen scheinen Sie zu lieben: Ihre Filmliste dort ist lang. Was aber auffällt, ist eine gewisse Ähnlichkeit der Rollennamen!

Sammel: (lacht) Sie sind da nicht so erfinderisch. Es muss halt deutsch klingen. Also heiße ich halt Müller oder Moeller oder Hans oder Peter. Es würde auch Schlachtenhuber gehen, aber das kann in Frankreich niemand aussprechen.

teleschau: Wie sehr stört Sie die Stereotypisierung Ihrer Figuren?

Sammel: Klar gibt es eine gewisse Stereotypisierung, aber ich muss nicht jede Rolle annehmen. Außerdem bekommt man als Italiener in Deutschland auch nur italienische Rollen. Insofern sehe ich es erst mal als Sprungbrett oder als Promotion. Man muss halt aufpassen, nicht in eine Schublade gepackt zu werden. Das war bei mir durchaus der Fall, und ich musste etwas kämpfen. Aber letztendlich hat es immer etwas damit zu tun, welche Rollen man annimmt. Die Liste der Nazifilme, die ich abgelehnt habe, ist fünfmal länger als die Liste derer, an denen ich mitwirkte.

teleschau: Und die ist nicht zu kurz!

Sammel: Richtig, aber schauen Sie sich mal die Filme der letzten zehn Jahre an. Das sind nur Leckerbissen, abgesehen von einem, bin ich auf alle stolz. "Das Leben ist schön" kann sich sehen lassen, "Inglourious Basterds" ebenso. "Le Village Français" ist die beste Serie seit Jahren in Frankreich. "The Strain", wo ja die Nazi-Vergangenheit eine Rolle spielt, ist von Guillermo del Toro. Ich suche mir die Sachen gut aus.

teleschau: Wenn Sie das gemacht haben, sind Sie auch gerne der Bösewicht?

Sammel: Ja ... auch! Die Bösewichte haben letztendlich interessantere Profile als die Guten - wenn man ihre Geschichte erzählen kann. Er darf also nicht nur aus dramaturgischen Gründen eingesetzt werden und zum Suppenträger für andere werden, damit der Held heller leuchten kann. Wie gesagt: Man muss sich die Drehbücher genau anschauen. Außer man ist damit zufrieden, Geld zu verdienen. Mir reicht das nicht, ich will in meinem Job weiterkommen und besser werden.

teleschau: Bei Ihrer "The Strain"-Figur scheint das zu klappen: Thomas Eichorst war ursprünglich eine eher kleine Rolle, wird aber in den kommenden Staffeln richtig groß.

Sammel: Das ist natürlich ein Riesenkompliment. Ich nahm die Rolle auch nicht einfach so an, sondern habe vorher die Bücher gelesen und wollte unbedingt mit Guillermo del Toro reden, um die Figur zu kapieren. Dass ich neugierig war und del Toro mit Fragen durchlöcherte, war dann auch ausschlaggebend für meine Besetzung. In der zweiten Folge gab es dann eine Schlüsselszene: ein kammerspielartiges Rededuell mit David Bradley. Danach wurde mir gesagt, dass meine Rolle ausgebaut wird: Es hat den Produzenten gefallen.

teleschau: Sie sind also selbst schuld, dass Sie so viel arbeiten müssen ...

Sammel: (lacht) Das kann man so sagen. Das Schöne ist, dass ich gleich ein Feedback für meine Arbeit bekommen habe. Das war wichtig für mich, schließlich habe ich einen "First-Call-Contract" für sieben Jahre unterschrieben: Wenn man sich für eine so lange Zeit verpflichtet, will man natürlich wissen, wo die Reise hingeht. Ich wollte nicht im goldenen Käfig sitzen und fürs Nichtstun bezahlt werden. Meine Karriere blüht jetzt, aber ich bin 54. Wenn ich noch mal rocken will, dann in den nächsten zehn, 15 Jahren. Wenn ich die Hälfte dieser Zeit einer einzigen Serie widme, muss ich schon verdammt sicher sein, dass es eine geile Sache ist.

teleschau: Welche Fragen haben Sie Guillermo del Toro eigentlich gestellt?

Sammel: Ich wollte zum Beispiel wissen, warum Thomas Eichorst schon in der Pilotfolge dabei ist, obwohl er in den Büchern erst viel später auftaucht. Außerdem interessierte mich, wie die Vampire funktionieren. Ich finde es nämlich schrecklich, wenn Vampire nur konzipiert werden, um möglichst viel Schrecken zu verbreiten. Sie sollten Lebewesen sein, die ihren eigenen Lebenszweck haben: Es kann ja nicht sein, dass sie nur existieren, um Menschen Angst zu machen. Das gilt für alle Monster. "Alien" ist in diesem Zusammenhang ein gelungenes Beispiel: Es ist eine Kreatur, die überleben will. Sie hat eine gewisse Art der Fortpflanzung, sie hat Vorlieben, Schwächen und einen starken Überlebensdrang

teleschau: Wie hat sie del Toro schließlich überzeugt?

Sammel: Der springende Punkt für mich war: Für Guillermo del Toro sind die Vampire keine Monster, sie sind wie seine Kinder. Und er liebt sie auch so. Außerdem habe ich am Set etwas bemerkt, was ich vorher noch nie in dieser Dimension erlebt habe: "The Strain" ist echtes Teamwork. Die Leute warteten förmlich darauf, dass man sich einbringt. Ich habe zum Beispiel die Telefonnummern aller Drehbuchautoren, die sich jeden Vorschlag und jede Kritik anhören und auch Feedback geben.

teleschau: Also war es eine gute Entscheidung, ins US-TV zu gehen, anstatt wie viele andere von Hollywood zu träumen?

Sammel: Statt vom großen Hollywood-Film zu träumen, sollten man lieber seine eigene Arbeit verbessern. Man wird immer nur im Hier und Jetzt gut. Ich bin jetzt zum Beispiel im Tonstudio: In den letzten zwei Tagen konzentrierte ich mich ausschließlich darauf, im Tonstudio eine gute Arbeit zu machen. Ansonsten kümmerte ich mich um nichts - keine Anrufe, keine Mails. Natürlich ist es legitim, von Hollywood zu träumen: Man sollte diese Träume aber als Ansporn sehen und den Weg zu diesem Ziel nicht vergessen. Bis man ankommt, können ein paar Jahrzehnte vergehen. Was macht man in der Zwischenzeit? Man kann nicht nur in Hollywood ein geiler Schauspieler sein, sondern auch vorher schon, auf einer Off-Bühne in Berlin, in einer "Soko" oder in einer Vampirserie.

teleschau: Also ist Hollywood kein Sehnsuchtsort mehr für Sie?

Sammel: Ich will Qualität, ich will Substanz. Die finanziell erfolgreichsten Filme aus Hollywood sprechen mich als Schauspieler nicht unbedingt an, weil die Hauptdarsteller mittlerweile Maschinen sind. Was übrig bleibt, sind Rollen, in denen man Angst vor diesen Maschinen hat. Wenn man das gut rüberbringt, lässt sich eine Menge Geld verdienen. Mir reicht das aber nicht, es ist keine Herausforderung. Wissen Sie: Mir wurde nach jedem erfolgreichen Film, nach jedem Kassenschlager gesagt: "Du musst nach Hollywood!" Ich muss dort aber nicht um jeden Preis hin. Vielleicht klappt es, vielleicht nicht. Und in der Zwischenzeit mache ich Filme und Serien, auf die ich stolz bin.

Quelle: teleschau - der mediendienst