"Ich habe aufgegeben, die Hipster-Kultur zu begreifen"

"Ich habe aufgegeben, die Hipster-Kultur zu begreifen"





Noah Baumbach führte Regie bei "Gefühlt Mitte Zwanzig" (Start: 30. Juli)

Dass man Noah Baumbach in den vergangenen Jahren als eine Art junge Version Woody Allens imaginierte, war wohl mitnichten als Abwertung seiner eigenen Schöpfungsleistung zu verstehen. Die Fußstapfen des Meisters der Neurosenverfilmung sind dem New Yorker Regisseur nämlich keineswegs zu groß. Spätestens seit seinem hochgelobten "Frances Ha" (2012) gilt der 45-Jährige völlig zu Recht als humorvollster und geistreichster Indiefilm-Macher weit und breit. 20 Jahre nach Beginn seiner Filmkarriere sitzt der ewige Dandy mit dem intellektuellen Blick in einem Münchner Edelhotel, erzählt vom Älterwerden und von Generationen-Konflikten, von Kunst und Hipstern und Woody Allen. Und natürlich von seiner aktuellen Generationen-Komödie "Gefühlt Mitte Zwanzig" (Start: 30.7.), in der er sich all diesen - auch sehr persönlichen - Themen widmet.

teleschau: In "Gefühlt Mitte Zwanzig" dreht sich alles um Ihre Generation der Mittvierziger und um die Frage, wie sich die heutigen Twens von ihr unterscheiden. Nehmen Sie diese Differenz selbst wahr?

Noah Baumbach: Nicht notwendigerweise. Aber wenn man älter wird, entwickelt sich recht natürlich eine generelle Distanz zur jüngeren Generation. Zur Musik, die die Jüngeren hören, zu ihrer Alltags-Technologie und zu ihrem Blick auf die Welt.

teleschau: War dies als Thema des Films von vornherein angelegt?

Baumbach: Nein, ich dachte nicht daran, eine Komödie über mittelalte und jüngere Menschen zu machen. Das hätte ich gar nicht erst begonnen (lacht). Aber über Umwege kam es dazu. Und als ich einmal drinsteckte, schien es besser, mir das einzugestehen.

teleschau: Als Sie vor 20 Jahren mit dem Filmemachen begannen, waren sie selbst 25. Würden Sie sagen, dass Sie damals idealistischer waren?

Baumbach: Da bin ich nicht sicher. Ich denke, ich hatte damals bereits die gleiche Vorstellung davon, welche Art von Filmen ich kreieren möchte. Dass es persönliche Filme werden sollten, die ich selbst schreibe. Aber auch, dass möglichst viele Menschen sie sehen. Andererseits weiß ich natürlich, dass sich das Publikum meiner Filme immer von denen unterscheiden wird, die in die großen Blockbuster gehen.

teleschau: Es sind ja mittlerweile auch verschiedene Generationen, die ihre Filme lieben. Viele der Jüngeren darunter würde man heute wohl als "Hipster" bezeichnen - verstehen Sie die?

Baumbach: Nein, ich habe aufgegeben, die Hipster-Kultur zu begreifen. Deshalb kam in "Gefühlt Mitte Zwanzig" so etwas wie meine eigene Hipster-Auslegung heraus: die Kleidung, die Einrichtung und so weiter. Hätte ich versucht, zu imitieren, was momentan angesagt ist, wäre das ja innerhalb von 30 Sekunden schon nicht mehr up to date gewesen. Mit gewissen Aspekten der Hipster-Kultur habe ich mich zwar beschäftigt, aber letztlich schuf ich eine Film-Version davon.

teleschau: Tun die Hipster - so wie die Jüngeren im Film - nur so, als ob? Und meint es die Mittvierziger-Generation ernster?

Baumbach: Im Film ist Ben Stillers Figur zwar ambitionierter und hat wirkliche Wertvorstellungen, bekommt aber trotzdem nicht viel auf die Reihe. Es war nicht meine Intention zu sagen: Wie es die Älteren machen, so ist es richtig.

teleschau: Heute haben es die Jungen mit Internet und Co. viel leichter - Ihre Generation kam ja beispielsweise viel schwerer an Filme. War die damalige Erfahrung deshalb unverfälschter?

Baumbach: Das würde ich nicht sagen, es hängt schließlich immer vom Individuum ab. Man könnte natürlich sagen, dass das Internet heute all die Dinge für alle leichter zugänglich macht. Aber so funktioniert's ja nicht: dass je einfacher alles zu haben ist, die Leute umso mehr lernen. Das haut nicht hin. Sicher lag früher ein gewisser Wert darin, intensiv nach all den begehrten Filmen Ausschau zu halten. Es war ja auch ein Ereignis, wenn man schließlich etwas Rares gefunden hatte! Dieses Entdeckungserlebnis mochte ich immer sehr. Dennoch: Warum sollte das nicht alles zugänglich sein? Ich halte das für eine ausschließlich gute Sache.

teleschau: Ironischerweise versuchen heutzutage die Mittzwanziger in den angesagten Vierteln durch den Retro-Stil das Gefühl von damals zurückzuholen ...

Baumbach: Darüber habe ich mich in "Gefühlt Mitte Zwanzig" natürlich lustig gemacht: Dass die Älteren mehr an der digitalen Technologie hängen, als die Jungen, die wieder analoge Geräte nutzen. Ich schlage mich da aber auf keine Seite - außer natürlich dadurch, dass ich zu den Älteren gehöre und keine Wahl habe (lacht). Ich glaube, in gewisser Weise war es immer wahr, dass die jüngere Generation gegen die ältere rebelliert. Als ich ein Kind war, habe ich fast ausschließlich Musik aus dem vorhergehenden Jahrzehnt gehört, vor allem Classic Rock der 70er-Jahre - und so jede Menge großartige Musik aus den 80-ern verpasst. Aber das scheint mir der Grundgedanke der Hipster-Kultur zu sein: Nichts ist außer Mode, alles wird mit einbezogen.

teleschau: Haben Regisseure wie Sie oder Wes Anderson mit der 90er-Jahre-Independent-Kultur nicht auch ein wenig den Weg für die Hipster geebnet?

Baumbach: Ja, man kann schon Elemente von damals erkennen. Den Stil der Filmcharaktere von Wes Anderson sieht man heute im echten Leben überall. Das ergibt ja auch Sinn: Man hat die Filme als Teenager geschaut und später dann deren Mode und Habitus adaptiert.

teleschau: In "Gefühlt Mitte Zwanzig" gibt es unglaublich viele popkulturelle Referenzen ...

Baumbach: Mit vielen der kulturellen Dinge, auf die angespielt wird, wuchs ich auf. All die Popmusik und Werbefilme bedeuten etwas, weil sie einen an diese bestimmte Zeit im Leben erinnern. Zu sehen, wie diese von einer jüngeren Generation wieder angeeignet werden, kann überaus interessant sein - weil man neue Aspekte daran entdeckt. "All Night Long" von Lionel Ritchie habe ich zum Beispiel gehasst, als ich jung war. Es wurde überall gespielt. Als ich es dann später außerhalb dieses Kontexts erneut hörte, mochte ich es auf einmal sehr, und realisierte, was für ein toller Song das ist.

teleschau: Sie sind in Brooklyn geboren, viele Referenzen haben auch mit ihrer Heimatstadt New York zu tun. Sind sie ein klassischer New Yorker Filmemacher?

Baumbach: Im allerwörtlichsten Sinne! Seit "Greenberg" habe ich alle Filme in New York gedreht, davor natürlich auch schon oft. Ich bin in der Stadt aufgewachsen, lebe dort und kenne sie gut - also ist sie auch ein großer Teil meiner Filme. Aber ich sehe mich nicht als Teil einer irgendwie gearteten Community.

teleschau: Apropos New Yorker Filmemacher: Noch immer werden Sie mit Woody Allen verglichen. Zählt er auch in jenem Maße zu Ihren Einflüssen?

Baumbach: Definitiv! Als ich seine Filme entdeckte, fand ich das unglaublich aufregend. Was er geschaffen hat, ist einzigartig. Und für jene Art von Filmemachern, zu denen ich mich zähle, ist er eine Ikone. Von den Leuten, die aus ihrer eigenen Erfahrung heraus selber schreiben und Regie führen, gibt es aber immer weniger. Und ich schätze, in dieser Tradition bewege ich mich. Sagen zumindest die Leute.

teleschau: Zwischen Ihnen und Woody Allen gibt es noch eine weitere Verbindung: der Einfluss des europäischen Kinos auf ihr Schaffen - man denke an französische Regisseure wie Rohmer ...

Baumbach: In Woodys Filmen geschieht eine Art von Synthese: Zwischen der sehr amerikanischen Beziehungskomödie und urbanen, bisweilen jüdischen Komödie einerseits - und seinem Interesse an Bergman, Fellini und den ganzen Europäern andererseits. Das ist etwas, was ich an Allens Werken so reizvoll finde, und womit ich mich sehr verbunden fühle. In meinen Filmen gibt es auf jeden Fall einen europäischen Einfluss - unabhängig davon, ob die Leute das nun merken oder nicht. In "Frances Ha" war das augenfälliger, weil er in Schwarz-Weiß gedreht wurde und diesen François-Truffaut-mäßigen Soundtrack besaß.

teleschau: Und was ist das Amerikanische an Ihren Filmen?

Baumbach: Ich habe einerseits natürlich fast ausschließlich in den USA gedreht. Dialoge und Sprache spielen eine enorme Rolle, das ist sehr amerikanisch. Aber ich fühlte mich vielen europäischen Filmen enger verbunden als ihren amerikanischen Äquivalenten.

teleschau: Also funktioniert "Gefühlt Mitte Zwanzig" auch für ein europäisches Publikum?

Baumbach: Sagen Sie es mir (lacht)! Ich hätte den Film nicht gemacht, wenn es sich um eine reine US- oder New-York-Story gehandelt hätte. Die Thematik rund um das Altern, die Jugend und Jugendkultur ist schon eine universelle. Und zu Beginn zitiere ich ja sogar aus einem Ibsen-Stück. Der kannte das Wort "Hipster" vielleicht noch nicht, aber er erkannte diesen essentiellen Konflikt natürlich auch schon.

Quelle: teleschau - der mediendienst