Helmut Schleich

Helmut Schleich





"Mir platzt permanent der Kragen"

Er ist auch phänotypisch ein sehr würdiger Preisträger für die alljährlich vom BR übertragene Auszeichnung zum "Bayerischen Kabarettpreis": Helmut Schleich aus Schongau, der im Bayerischen Fernsehen vor allem in der Comedyserie "Spezlwirtschaft" bekannt wurde, aber natürlich auch in der Kult-Reihe "SchleichFernsehen - Kabarett. Satire. Unfug" omnipräsent ist, erhält am 20. Juli im Münchner Lustspielhaus den Hauptpreis. Prädestiniert hat ihn dafür unter anderem seine satirische "Einverleibung" des 1988 verstorbenen Ex-Landesvaters Franz Josef Strauß. Neben Schleich werden Pigor & Eichhorn mit dem Musikpreis, der "Senkrechtstarter" Abdelkarim und mit einem "Ehrenpreis" die Unterhalterin Lisa Fitz geehrt. "Als tapferem Satire-Arbeiter im Kabarett-Theater des Herrn ist mir der außerordentliche Wert von Orden und Ehrenzeichen in jeder Form durchaus bewusst und daher freue ich mich - im Rahmen meiner Möglichkeiten - sehr", sagte Schleich, als die Würdigung bekannt wurde. Die Aufzeihnung der Gala wird im BR-Programm am Freitag, 24. Juli, um 22.00 Uhr, ausgestrahlt. Am Donnerstag, 27. August, 22.45 Uhr, "gratuliert" er überdies Franz Josef Strauß zum 100. Geburtstag: in einer Sonderausgabe "SchleichFernsehen" im Ersten.

teleschau: Herr Schleich, Markus Söder wollte zuletzt bewirken, dass Franz Josef Strauß in die Ruhmeshalle in der Walhalla aufgenommen wird. Hat er da aus Ihrer Sicht wirklich was verloren?

Helmut Schleich: Kürzlich erst war ich selbst in Donaustauf, wo Ludwig I diesen griechischen Tempel für die vielen Gipsbüsten hat bauen lassen. Drinnen kennst du fast niemanden. Die meisten sind Figuren des frühen 19. Jahrhunderts. Deswegen kann man den Strauß da schon reinstellen. Vielleicht werden die Leute in 100 Jahren genauso reagieren und sich bei seinem Gipskopf fragen: Wer war denn der? Dubiose Gestalten finden sich darin sowieso - auch Bismarck. Der war im Grunde genommen ein fürchterlicher Typ. Warum also nicht Strauß?

teleschau: Keine gesteigerte Sympathie dafür, dass Ihre wichtigste Bühnenfigur so geehrt und geadelt wird?

Schleich: Für Strauß? Nachdem es bei mir für das offizielle Bayern ohnehin keine gesteigerte Sympathie gibt, juckt es mich nicht, wenn die in ihre Ruhmeshalle ihre Figuren reinstellen. Ich mache mir auch keine Illusionen, dass Leute, die ich selbst gut finde, es dort jemals auf einen Ehrensockel schaffen werden.

teleschau: Spielt sich vor Ihrem inneren Auge nicht auch manchmal die Szene ab, dass ein Familie durch die Halle spaziert, das Kind auf Strauß zeigt und stolz zu seinen Eltern sagt: Schau mal, da steht der Schleich im Büsten-Regal?

Schleich: Ich will jetzt nicht eitel erscheinen. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es genau so kommen wird. Die Identifikation von Strauß mit mir ist in Bayern mittlerweile hoch. Ich möchte fast sagen, dass ich den Strauß in gewisser Weise feindlich übernommen habe. Dass Strauß heutzutage immer noch so lebendig wirkt, hat sicher zu einem großen Teil damit zutun, dass ich ihn satirisch am Leben erhalte.

teleschau: "Feindliche Übernahme" ist ein ulkiger Ausdruck. Andere würden das wohl "Imitieren" nennen.

Schleich: Als Imitator würde ich mich niemals bezeichnen. Wenn, dann sind das alles Persiflagen. Für eine Imitation ist das, was ich mache, viel zu ironisch. Meine politische Sozialisation war ab dem Amtsantritt von Helmut Kohl vorgeprägt. Die Proteste gegen Wackersdorf oder den Nato-Doppelbeschluss waren Meilensteine. Strauß war natürlich ein zentrales Feindbild für mich - da braucht man nicht lang herumreden. Wenn ich Strauß wieder zum Leben erwecke und seine bildhafte Sprache, seine Wucht und seine Brutalität nutze, dann wende ich all das satirisch auch gegen seine eigenen Leute. Deswegen kann man das schon als feindliche Übernahme bezeichnen.

teleschau: Zum Projekt "Am-Leben-Halten" gehört für Sie auch, dass Sie das Strauß-Tagebuch über seinen Tod hinweg weitergeschrieben haben.

Schleich: Das ist zu seinem 25. Todestag am 3. Oktober 2013 erschienen. "Mein Tagebuch 1988 bis heute". Darin kommentiere ich viele gesellschaftlich-politischen Ereignisse, die sich nach seinem Tod ergeben haben, aus seiner Sicht. Satirisch natürlich. So was geht halt nicht mit jedem Politiker. Strauß war mit Sicherheit derjenige Kopf in der Geschichte der alten Bundesrepublik, der am meisten polarisiert hat. Glühende Bewunderer und die erbitterten Feinde dürften sich bis heute ungefähr die Waage halten. Deswegen glückt diese Figur bis heute. Strauß ist für mein Publikum mehrheitlich immer noch die Hassfigur ihrer Jugend. Andere sind der Meinung, ohne Franz Josef würde Bayern überhaupt nicht mehr existieren.

teleschau: Stellen Sie sich manchmal vor, wie Strauß auf die Reizthemen von heute reagieren würde?

Schleich: Ich sehe Strauß als Kabarettist - und benutze ihn als kabarettistische Figur in meinem Bühnen-Ensemble. Dabei ist natürlich immer die Frage: Wie denkt der Schleich zu dem Thema? Und wie legt er es dem Strauß möglichst geschickt in den Mund? (lacht) Der echte Strauß würde heute ganz sicher anders denken.

teleschau: Wie genau?

Schleich: Der Hochglanzstaat mit seiner wahnsinnigen Wirtschafts-Power, aber auch all den negativen Folgen von unbezahlbaren Wohnungen bis hin zur unerträglichen Verschnöselung der Stadt, hat halt viele Schattenseiten. Vieles davon sind heute noch Auswirkungen Strauß'scher Politik. In seiner Ära hat er die Grundlagen dafür gelegt. Man muss nur an seinen Flughafen denken. Franz Josef wäre sicher begeistert davon, wie's heute hier bei uns aussieht und wie angeblich alles läuft. Vermutlich hätte er nur mit der Politik nichts mehr am Hut - sondern wäre längst in die Wirtschaft gewechselt. Zum Gelde hat's ihn immer gedrängt.

teleschau: Denken Sie manchmal darüber nach, was er über Ihre "feindliche Übernahme" in Satire-Form denken könnte? Oder war das erst nach seinem Tod möglich?

Schleich: Obwohl ich ja noch relativ jung bin, mach ich schon seit rund 30 Jahren Kabarett. Zu seinen Lebzeiten ...

teleschau: Damals noch zu "Kabarett Fernrohr"-Zeiten ...

Schleich: Genau. Da hatten wir ihn auch schon im Visier. Damals ging's halt um seine Jovialität - und das Arschkriechertum um ihn herum. Von dem, was ich heute mit ihm mache, wäre er wahrscheinlich genauso empört wie sein Sprachrohr Wilfried Scharnagl das heute ist. Wahrscheinlich - posthum gesprochen - erfüllt's Strauß sicher aber auch mit Genugtuung, dass er noch lebendig und sehr präsent wirkt. Und dass, obwohl er seit 26 Jahren tot ist. Er war halt auch ein Archetypus des bayerischen Politikers - und des Charakterkopfs. Strauß, Schweinshaxe, Bier - das sind Bilder, die sich den Leuten eingeprägt haben. Auch wenn der echte Strauß weder nur Bier getrunken, noch sich ausschließlich von Haxen ernährt hat.

teleschau: Von den Hendln aus der "Wienerwald"-Connection doch schon?

Schleich: Hendl ja. Er war aber eher als Weißwein- und Champagner-Trinker bekannt. Zumindest hier in Schwabing. Bei jedem besseren Italiener kannte man ihn als lang sitzender Weißwein-Trinker. Doch der Typus bleibt - und funktioniert. Auch vor jungem Publikum, das ihn gar nicht mehr gut kennengelernt hat. Immer wieder höre ich von den Jüngeren, dass sie sich nach meinen Programmen ein paar alte Videos angeschaut haben. Dann heißt's dann schnell: Der echte Strauß war ja gar nicht so lustig.

teleschau: Wie merkwürdig ist das Gefühl, wenn man so ein bissl der Deutungsbotschafter bleibt?

Schleich: Merkwürdig gar nicht. Aber so weit geht's bei mir gar nicht. Die offizielle Deutungshoheit über den Strauß haben sich seine CSU-Spezln natürlich schon bewahrt. Doch die interessiert mich ja gar nicht. Mir geht's nur darum, mit diesem Typ ironisch spielen zu können.

teleschau: Gibt's trotzdem wenigstens praktische Nebeneffekte? Können Sie schneller einchecken am Franz-Josef-Strauß-Flughafen?

Schleich: Das wär's. Leider nein. Ich komme auch nicht leichter an Immobilien.

teleschau: Strauß ist ja in Ihrem aktuellen Programm die einzige "reale" Person. Wie schwer fällt es Ihnen, bayerische Charaktertypen zu entwickeln? Ist das nicht schwieriger geworden?

Schleich: Man kann sie ja schön erfinden. Manchmal erschrecke ich allerdings schon, wie unglaublich angepasst die jungen Leute von heute geworden sind.

teleschau: Sie meinen, nach der Devise: Nur nicht anecken?

Schleich: Schon bizarr. Ich hätte niemals gedacht, dass in einer Zeit, in der ich fast 50 werde, sehr viele jüngere Leute weitaus konservativer sind als ich selbst. Überraschend, wie vorverspießert eine ganze Generation daherkommt. Viele haben mit 20 heute nur noch ihre eigene kleine Welt im Kopf. Meine Karriere, mein Haus und die Frage, wie komme ich in die Wirtschaft. Aber trotzdem gibt's noch Typen. Und die kann man ja schön zuspitzen.

teleschau: Was heißt das Kabarett-Arbeiten eigentlich für Sie privat? Müssen viele Ihrer Freunde und Bekannten Angst haben, dass sie doch einmal zum Vorbild für eine Ihrer Bühnenfiguren werden?

Schleich: Wo denken Sie hin? Mit meinen Freunden sitze ich gern und viel zusammen und habe dabei fast immer großen Spaß. Aber keiner muss sich Sorgen machen, dass ich ihn im Kabarett denunziere.

teleschau: Können Sie überhaupt entspannt im Biergarten sitzen, ohne Ihre Ohrwaschln links und rechts mit auf den Tisch zu legen, wenn einer politisch daherräsoniert?

Schleich: Nein, das geht wirklich nicht. Die Maschine auszuschalten, fällt mir sehr schwer. Sobald Deutsch gesprochen wird, stehe ich unter Strom. Wenn ich Urlaub machen möchte, muss ich ins Ausland fahren - wo ich zumindest die Chance habe, die Sprache am Nebentisch nicht zu verstehen. Gesaugt wird immer. Genauso ist es mit Zeitungen: Wenn ich irgendwo was Gedrucktes sehe, muss ich das Blatt an mich nehmen und durcharbeiten. Ich lese am Tag bestimmt fünf bis sechs Tageszeitungen.

teleschau: Mit den entsprechend leidenschaftlichen Reaktionen, wenn Sie auf ein Aufregerthema gestoßen sind?

Schleich: Mir platzt eigentlich permanent der Kragen - und zwar nicht nur wegen der Politiker. Wegen der Leute. Wegen der Stadt. Wegen der Art der Stadt. Wegen des Aussehens und dem Leben in der Stadt. Ich bin wirklich ein Grantler. Und ich bin froh, dass ich das auf der Bühne kanalisieren kann.

teleschau: Klingt wie Selbst-Therapie.

Helmut Schleich: Bis zu einem gewissen Grad. Es wäre sicher ungesund, alles in sich reinzufressen, wenn man ein Typ ist wie ich, der schnell zornig wird. Auf der Bühne kann ich Dampf ablassen - und das zum Glück auch so, dass ich die Wutrede aufbreche und die Chance habe, dabei hoffentlich unterhaltsam und lustig zu sein.

Quelle: teleschau - der mediendienst