K.I.Z.

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"Wir kämpfen auch für euch"

Ironisch und geistreich - oder eher zynisch und sexistisch? Die Labels, mit denen man K.I.Z. in den vergangenen Jahren bedachte, reichen vom avantgardistischen Punk-Rap bis zur gewaltverherrlichenden Gangsta-Verarsche. Dass sie die Dialektik zwischen provokantem und kritischem Gestus perfekt beherrschen, zeigen die Berliner auch auf ihrem fünften Album. Allerdings: "Hurra die Welt geht unter" (erhältlich ab 10. Juli) wirkt weitaus düsterer und ironiefreier als die Vorgängeralben. Ganz anders geben sich K.I.Z. im Gespräch im Herzen von Kreuzberg. Entspannt in ihre Stühle gefläzt, verraten Maxim, Tarek, Nico und DJ Craft, warum sie diesmal auf Battlerap verzichtet haben, was sie von Interpretationen ihrer Musik halten und was es heißt, politisch zu sein.

teleschau: Ihr neues Album ist viel politischer als die Vorgänger, viel düsterer und unironischer. Gab es in den letzten Jahren mehr Anlass dazu, ernster zu werden?

Maxim: Das hat sich in den letzten 30 Jahren angestaut (lacht). Nein, es hat eigentlich nichts damit zu tun. Es gab jetzt keine besondere Dringlichkeit, die Dinge so anzusprechen.

teleschau: Die Flüchtlings-Problematik, die Sie zum Beispiel im Song "Boom Boom Boom" thematisieren, ist aber schon überaus aktuell

Maxim: Die besteht ja schon eine ganze Weile, ist nur aktuell in den Medien präsenter.

teleschau: Poltische Fragen beschäftigen Sie ohnehin schon länger. Wann setzte bei Ihnen das Interesse dafür ein?

DJ Craft: Bei mir war das nach dem 11. September 2001. Von diesem Zeitpunkt an wurde das für mich wichtig und interessant. Es gab damals eine Politgruppe, in der auch Nico und Maxim Theater gespielt haben, und die ein- bis zweimal die Woche Treffen und Diskussionen in Kreuzberg veranstaltete. Später sind wir auch zu einem G8-Gipfel gefahren, und da fing man an, zu begreifen, was da vor sich geht - und das fanden wir scheiße.

teleschau: Sind Sie auch heute noch politisch aktiv - abgesehen von der Musik?

Maxim: Alles ist ja politisch, schließlich hat uns Helmut Kohl damals das Private genommen (lacht). Nein, aber wir sind eher selten auf Demonstrationen, und beim Bombenlegen wurden wir ja auch noch nicht beobachtet.

teleschau: Zumindest auf dem neuen Album hat man aber das Gefühl, dass Sie Dinge, die Sie früher subtiler geäußert haben, jetzt direkt ansprechen.

Nico: Das stimmt ein Stück weit. Aber beispielsweise gab es auch schon auf dem letzten Album einen Song wie "Fleisch", der auch perfekt auf dieses Album passen würde. Ebenso wie "Rauher Wind" von "Sexismus gegen Rechts". Auf der neuen Platte hat sich das auch daraus erschlossen, dass wir die Battlerap-Songs beiseite ließen, um einfach mehr Geschichten zu erzählen.

teleschau: Warum kein Battlerap mehr?

Nico: Einfach so. Wir wollten das mal ausprobieren, schauen, wie man das eigentlich hinbekommt.

teleschau: Battlerap gerät im deutschen HipHop ja ohnehin momentan etwas aus der Mode. Dafür äußern sich Bands wie die Antilopen Gang oder Zugezogen Maskulin explizit gesellschaftskritisch. Wie ordnen Sie sich da ein?

Tarek: Es gibt schon Kommentare, die sagen: "Die springen jetzt auf den fahrenden Zug auf, es geht um Profit und nichts anderes." Vielleicht haben die nicht mitbekommen, dass wir in den vergangenen zehn Jahren schon erheblichen Profit mit dem gemacht haben, was wir vorher immer gemacht haben.

Maxim: Und dass man den meisten Profit am besten ohne Inhalt macht. Sobald es Inhalt gibt, kann man sich schließlich über etwas streiten. Will man Leute aber vereinen, dann ist es statistisch das Schlauste, Sachen zu sagen, die man nicht verneinen kann. Zum Beispiel "Wir sind geboren, um zu leben" oder so. Also Aussagen zu treffen, die wirklich offen sind.

teleschau: Glauben Sie, über ein Album mit streitbaren Inhalten sprechen Sie nun auch andere Leute an? Oder werden sich vielleicht Leute von Ihnen distanzieren?

Maxim: Ich will mir meine Hörer in der Hinsicht gar nicht aussortieren. Es ist natürlich schön, wenn sich dass jetzt so ein paar Linke anhören - persönlich freut mich das. Aber ich schäm' mich nicht, wenn irgendwelche Leute unsere Songs besoffen grölen, oder ein paar Hipster das total fesch finden. Bei uns sind alle willkommen!

DJ Craft: Es kann schon sein, dass durch dieses Album nun der ein oder andere einen besseren Zugang zu uns findet, der uns vorher nicht wahrgenommen hat - allein schon wegen der Sprache, der Ironie oder der Witze auf den alten Alben.

teleschau: Diskussionen über Ihre Texte gab es ja in den letzten Jahren vermehrt - nach dem Motto: Darf man die jetzt hören oder nicht? Wird das mit diesem Album klarer?

Nico: Ich denke, die gleiche Diskussion flammt deswegen noch eher auf. Die Leute werden sagen: "Okay, in einem Song wie 'Boom Boom Boom' vertreten die die gleichen Ansichten wie wir - aber die haben ja auch mal in einem Song gesagt 'Ich fick deine Mutter'. Dürfen wir die nun in den coolen Club lassen oder nicht?" Diese Diskussion wird wegen des neuen Albums nicht abbrechen.

teleschau: Nerven solche Debatten? Oder wenn man zu viel in die Alben hineininterpretiert?

Maxim: Mir selbst wäre das zu mühselig. Aber wenn jemand anderes sich diese Arbeit macht, freue ich mich auch wieder. Wenn unsere Texte jemanden inspirieren, sich da so ins Zeug zu legen und so viel reinzudenken, dann ist das schön. Die Interpretation finde ich nicht immer sinnvoll - aber dass jemand sich damit so auseinandersetzt, ist schon geil.

Tarek: Früher hat man immer gesagt, dass wir der Gegenentwurf zu Aggro Berlin sind. Das hat ein bisschen genervt.

teleschau: Inwiefern?

Tarek: Es stimmt halt nicht. Das wurde benutzt für eine Sache, die wir selbst nicht wollten.

Nico: Es war blöd, dafür herangezogen zu werden. Nach dem Motto: "Die Aggro-Leute sind blöd, ich versteh nicht, warum die soviel Erfolg haben - aber die von K.I.Z. sind jetzt ganz anders, denn die verarschen die nur."

teleschau: Auf "Hurra die Welt geht unter" emanzipieren Sie sich endgültig davon - womit wir wieder bei Interpretationen wären: Einerseits üben Sie auf der Platte harte Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen, andererseits gibt es Songs über kaputte Gescheiterte, die durchdrehen. Hängt das für Sie zusammen?

Maxim: Das klingt jetzt nach so einem perfekten Konzept - was es auch ist (lacht)! Aber sicher: Wenn jemand verrückt wird, dann hängt das natürlich auch mit der Welt zusammen, in der er lebt. Psychosen haben damit zu tun, was Leute für geistige Verrenkungen anstellen müssen, um in dieser Welt klarzukommen. Ein gutes Beispiel ist unser Song "Ariane" über den Typen, der sich in seiner Arbeitswelt total unterwirft, und dann in seiner Freizeit mal so richtig die Sau raus lässt, um die Machtlosigkeit des Tages zu kompensieren. Ich denke, man sollte Wahnsinn immer mit der Gesellschaft verbinden, in der er stattfindet.

teleschau: Oft richtet sich der Wahn dann ja gegen Minderheiten. Sie weisen darauf provokant hin - zum Beispiel im Video zu "Boom Boom Boom" mit seiner recht heiklen Terroristenästhetik. Wurden Sie dafür schon kritisiert?

Maxim: Eigentlich nicht. Es wurde zwar festgestellt, dass sich das Video der IS- und auch der Ku-Klux-Klan-Ästhetik bedient. Für mich sind das dann aber keine Vorwürfe.

teleschau: Entwerfen Sie Konzept und Design für Videos und Auftritte eigentlich selbst?

Nico: Es gibt zwar eine Produktionsfirma, aber die hält sich dann doch größtenteils an unsere Vorstellungen.

DJ Craft: Speziell beim Video zu "Boom Boom Boom" haben wir eigentlich fast alles selbst gemacht ...

Maxim: Jeder hier im Büro musste da mit anpacken. Und auch für die Uniformen, die wir auf der Bühne tragen, hatten wir eine optische Vorstellung. Darum hat sich dann eine Schneiderin gekümmert.

teleschau: Sind das Fantasieuniformen?

Maxim: Nein, die gibt es wirklich. Ab jetzt (lacht). Das ist alles echt, das sind alles wirklich wir, kein Hologramm-Shit ...

DJ Craft: Es ist auch eure Armee!

Maxim: Wir kämpfen auch für euch!

Quelle: teleschau - der mediendienst