Dunja Hayali

Dunja Hayali





Eine Frau, ein Experiment

Dunja Hayali, 41, volltätowiert und offen lesbisch, ist eine ungewöhnliche Erscheinung in der glatt gebügelten Welt der TV-Moderatoren. Die Westfälin mit irakisch-christlichen Wurzeln ist jedoch alles andere als eine Selbstdarstellerin. Schaut man der Vollblutjournalistin bei der Arbeit zu, geht es ihr immer um das Leben der Menschen und was es mit Gesellschaft und Politik zu tun hat. Hayali blickt gerne hinter die Kulissen der nackten Nachricht. Insofern passt es, dass die Moderatorin des ZDF-Morgenmagazins nun ein eigenes Talkformat erhält. "ZDFdonnerstalk" (ab 23.07., donnerstags, 22.15 Uhr, ZDF) läuft zunächst viermal während der Sommerpause von "Maybrit Illner". Als Ersatz oder Angriff auf die quotenstarke ZDF-Talkqueen sieht die Wahl-Berlinerin ihren Einsatz jedoch keineswegs. Dafür ist ihr durchaus neuartiges Format auch zu unterschiedlich vom klassischen Polit-Talk.

teleschau: Wurde darüber gesprochen, was passiert, wenn "ZDFdonnerstalk" sehr erfolgreich läuft? Müssen Sie dann trotzdem warten, bis Maybrit Illner mal wieder Pause macht?

Dunja Hayali: Was, das ist Ihre erste Frage? Das kommt doch sonst immer am Schluss (lacht). Nein, ich mache das jetzt vier Wochen. Dann gehe ich zurück ins Morgenmagazin, und Maybrit moderiert ihre Sendung weiter. Das macht sie wie keine zweite, und deshalb vertreten wir sie auch ganz bewusst mit einem anderen Sendungskonzept. Der "donnerstalk" ist ein Talk-Magazin, das in der Regel nicht monothematisch sein wird.

teleschau: Sie wollen ja auch keine klassisch politische Sendung machen, sondern eher gesellschaftlich relevante Themen aufgreifen. Welche könnten das sein?

Dunja Hayali: In unserem Piloten auf ZDFinfo konnte man das schon ganz gut sehen. Wir werden versuchen, immer drei Themen pro Sendung zu haben. Im Testlauf waren das: Flüchtlinge - dann Drogen, die dafür sorgen, dass wir tagelang durcharbeiten können - und schließlich Ernährung. Also das Paradox, dass wir immer mehr über gesunde Ernährung wissen und massig gesunde Lebensmittel auf dem Markt sind, unsere Gesellschaft aber dennoch immer dicker wird. Relevante Themen also, über die die Menschen reden, die sie bewegen und die uns einfach alle angehen.

teleschau: Sie nennen da drei gewaltige Themen. Die locker allesamt ob ihrer Komplexität eine eigene Sendung füllen könnten!

Dunja Hayali: Und da fragen Sie sich: Wie wollen die das schaffen, richtig?

teleschau: Stimmt.

Dunja Hayali: Die Öffentlich-Rechtlichen werden oft dafür kritisiert, dass sie nichts Neues probieren. Mit "donnerstalk" machen wir im ZDF etwas, dass es meines Wissens vorher noch nicht gab. Auf einem Sendeplatz, der ziemlich prominent ist. Das finde ich erst mal sehr positiv.

teleschau: Was ist der Vorteil, wenn man längere Filmbeiträge vor jeder Diskussion hat?

Dunja Hayali: Ein längerer Film bedeutet, dass man in ein Thema intensiver einführen kann. So bringt man dem Publikum Protagonisten, die später auch in der Runde sitzen, schon vorher nahe. Wenn das gut gemacht ist, fühlt der Zuschauer mit den Menschen, die da in der Runde sitzen, eine größere Empathie.

teleschau: Die Politikerrate wollen Sie in Ihrer Sendung eher gering halten, richtig?

Dunja Hayali: Wir wollen Menschen zu Wort kommen lassen, an denen sich ein gesellschaftliches Problem gut abbilden lässt. Natürlich kann es sein, dass dieser "Normalo" in der Gesprächsrunde auf einen Entscheidungsträger trifft. Grundsätzlich gilt: Es wird der Gesprächspartner eingeladen, der uns in der Diskussion weiterhilft. Das kann natürlich auch ein Politiker sein.

teleschau: Und die Gesprächsgäste werden nach jedem Thema ausgetauscht?

Dunja Hayali: Wenn sich keine Verbindung zwischen den Themen herstellen lässt, ja. Für meine Testsendung hätte ich dann einen drogensüchtigen, übergewichtigen Menschen gebraucht, der Flüchtlinge aufnimmt (lacht). Spaß beiseite, in der Regel sitzen pro Thema immer neue Leute in der Runde. Zudem wird es stets einen prominenten Gast geben, der zuvor "seinem" Thema als Reporter nachgegangen ist. Das wird spannend - für die Zuschauer, aber auch für den Prominenten. Eine andere Rolle einzunehmen, ist eine Herausforderung. Genau diesen Perspektivwechsel wollen wir in der Sendung.

teleschau: Die ARD hat für ihr ausuferndes Füllen von Sendezeit mit Talkshows in den letzten Jahren viel Kritik einstecken müssen. Geht die Ära der klassischen Polit-Talkshow zu Ende?

Dunja Hayali: Alles, was erfolgreich ist, hat seine Berechtigung. Die Quoten der meisten Polit-Talkshows sind sehr ordentlich. Maybrit Illners Quoten sind fantastisch. Ich finde es ziemlich arrogant, vor dem Hintergrund dieser Zahlen den klassischen Polit-Talk zu Grabe tragen zu wollen. Das entspricht einfach nicht der Realität, so wie die Zuschauerzahlen diese abbilden. Darüber hinaus hat jeder eine Fernbedienung. Ich kann das ewige Gejammere, das deutsche Fernsehen sei so schlecht, nicht mehr hören - denn diese Einschätzung ist definitiv falsch. Ich zum Beispiel mag kein Trash-TV. Andererseits zwingt mich auch keiner, es zu gucken. Es gibt wahnsinnig viele, inhaltlich ambitionierte Formate und Sender bei uns. Man muss einfach mal die Augen aufmachen und vielleicht auch ins Programm gucken. Grundsätzlich finde ich Vielfalt gut. Keiner will nur Politik-Talks. Ebenso will keiner nur Krimis sehen.

teleschau: Müssen Sie sich für "ZDFdonnerstalk" als Moderatorin umstellen?

Dunja Hayali: Ja, durchaus. Ich werde sicher mehr von mir zeigen, als im Morgenmagazin. Das liegt auch daran, dass ich in der Sendung als Reporterin zu sehen sein werde. Eigene Erfahrungen helfen, sich besser in Geschichten hineinzudenken und zu fühlen. Ich werde einfach ich selbst sein: authentisch, neugierig und offen. Genau das will auch der "donnerstalk". Man könnte fast sagen, dass die Sendung auf mich zugeschnitten ist.

teleschau: Klingt so, als würden Sie sich ordentlich Druck machen ...

Dunja Hayali: Ich weiß, dass der "ZDFdonnerstalk" ein Lernprozess für mich sein wird. Eigentlich habe ich das Ziel, mich so zu verhalten, wie ich auch in meinem Freundeskreis bin. Also: empathisch, aufmerksam, zuhörend, nachhakend. Trotzdem passiert natürlich etwas in und mit einem, wenn die Kamera angeht. Es gilt ein Stück weit, diese Kamera zu vergessen. Und meistens gelingt mir das auch. Dabei hilft, dass ich mir die Themen für die Filmbeiträge persönlich in der realen Welt angeguckt habe. Insofern arbeitet das Format für mich. Es ist ein großer Unterschied, ob man nur im Studio über Flüchtlinge spricht oder ob man sich davor Flüchtlingsheime von innen angeguckt hat.

teleschau: Wie sollte man sich einem komplexen Thema heute nähern: Ist es besser, Fernsehen zu schauen, Zeitungen studieren, im Internet zu forschen oder ein gutes Buch zu lesen?

Dunja Hayali: Die Mischung macht's. Ich lese beispielsweise nie nur eine Zeitung oder schaue nur eine Nachrichtensendung. So wie ich mich auch nicht nur mit einem Freund unterhalte, wenn mich ein Thema interessiert. Ich lebe in Berlin-Kreuzberg. Das ist ein Quell der Vielfalt, der Meinungen und der Inspiration. Man muss einfach nur Augen und Ohren offen halten in dieser Welt, dann kann man an jeder Ecke etwas über ihre "komplexen" Themen lernen. Gutes Fernsehen ist da nur ein Baustein.

teleschau: Fehlt den meisten Menschen mittlerweile nicht die Zeit, ausführlich zu recherchieren?

Dunja Hayali: Absolut, sorgfältig zu bleiben, bei aller Hektik, die rund um uns verbreitet wird, die wir auch in uns selbst verbreiten - das ist eine ganz große Aufgabe. Dazu kommt, dass wir den Wert persönlicher Erfahrung noch mehr schätzen müssen. Seit ich selbst im Irak war und Menschen gesehen habe, die, bedroht vom IS, innerhalb einer Minute ihr Leben hinter sich lassen und flüchten mussten, habe ich einen anderen Bezug zu diesen Themen. Persönliche Erfahrung wird heute zu gering bewertet. Wir sollten viel mehr Leuten zuhören, die wissen, wovon sie sprechen - und nicht immer alles aus der Helikopterperspektive bewerten. Manchmal muss man ein bisschen im Dreck buddeln, um etwas herauszufinden. Stattdessen schaut jeder immer nur auf sein Handy. Aber darüber lässt sich nicht alles in dieser Welt regeln.

Quelle: teleschau - der mediendienst