Matthias Schoenaerts

Matthias Schoenaerts





Schöner Mann an schönen Seiten

Die schönsten weiblichen Stars lassen sich von ihm verführen. Mit Marion Cotillard prügelte sich Matthias Schoenaerts in "Der Geschmack von Rost und Knochen" (2012) durchs Leben und erhielt dafür 2013 den César als bester Nachwuchsdarsteller. Mit Kate Winslet säte er gerade auch im deutschen Kino Beete in "Die Gärtnerin von Versailles" (2014), und für Carey Mulligan als Heldin in "Am grünen Rand der Welt" wird er ab 16. Juli in den deutschen Kinos am Ende doch noch mehr als der gute Freund. Wer über den attraktiven Belgier und seine aktuellen Filme spricht, kommt aus dem Aufzählen nicht heraus. In Cannes präsentierte er den Psychotriller "Maryland" (noch kein Starttermin) mit Diane Kruger, und im November sieht ihn das deutsche Publikum an der Seite von Michelle Williams in "Suite Française" wieder. Für den 37-Jährigen könnte es nicht besser laufen. Doch hinter dem Erfolg steht kein ausgeklügelter Karriereplan, sondern ein unkompliziert wirkender, sympathischer Mann, der seiner Intuition folgt. Zumindest glaubt man ihm das im Interview sofort.

teleschau: Momentan sind Sie sehr präsent auf der Leinwand und auch schon wieder eifrig beim Drehen. Haben Sie das Gefühl, alles noch im Griff zu haben?

Matthias Schoenaerts: Ich habe gar keine Zeit zu planen oder darüber nachzudenken, was gerade passiert. Das passt auch nicht zu meiner Lebenseinstellung. Für mich heißt es: "Sei immer ganz da, wo du gerade bist." Momentan gerade hier beim Interview. Genauso ist das beim Drehen. Das ist sehr buddhistisch. Ich denke dabei nicht an morgen und nicht an gestern. Wenn das Leben komplizierter wird, weil so viel passiert, muss man seine Philosophie vereinfachen. Das hilft mir sehr.

teleschau: Sie spielen in drei Kostümfilmen mit. War das eine bewusste Wahl?

Schoenaerts: Das Äußere ist nicht wichtig, denn es sind alles drei Liebesgeschichten, und das mag ich. Eigentlich geht es doch immer darum. Wenn Menschen miteinander in Beziehung treten, hat das immer etwas mit Liebe zu tun - und nicht nur mit der romantischen.

teleschau: Als Sohn eines Schauspielers lernten Sie sicher schon früh, welche Qualitäten man mitbringen muss, um zu überzeugen?

Schoenaerts: Ich weiß eigentlich gar nicht, was ein Schauspieler ist. Und ich wollte - ganz ehrlich - nie einer werden. Eigentlich will ich das noch immer nicht. Ich habe das Konzept dahinter nie verstanden. Ich weiß nur, dass ich alles mag, was zwischen "Action" und "Cut" passiert. Vielleicht hilft es, dass ich Menschen und das Leben liebe. Die enorme Vielfalt an Lebenssituationen fasziniert mich, wie Individuen andere in verschiedenen Kontexten beeinflussen. Das interessiert mich, das ist meine Quelle, da begebe ich mich gerne hinein und lasse mich voll darauf ein.

teleschau: Ohne emotionale Vorsichtsmaßnahmen?

Schoenaerts: Ja, ich will spielen wie Jackson Pollock malte. Ich bin kein Kontrollfreak, ich will die Kontrolle verlieren. Das liebe ich.

teleschau: Wie muss man sich das vorstellen, wie nähern Sie sich einer Rolle an?

Schoenaerts: Zuerst lese ich das Drehbuch und sehe, ob es mich berührt. Dann finde ich heraus, warum da etwas mit mir passiert, ich intellektualisiere das Gefühl. Dann analysiere ich den Charakter in der Geschichte. Das ist die Basisarbeit. Dann kommt die Intuition, sie absorbiert den intellektuellen Prozess. Ein Zustand des Seins setzt ein. Wenn ich mit dem Drehen anfange, muss ich frei sein. Dann herrscht die Intuition und nicht mehr das Denken.

teleschau: Hatten Sie auch schon mal Bedenken, dass es Ihnen nicht gelingen könnte, sich einen Charakter anzueignen?

Schoenaerts: In "Maryland" spiele ich einen Heimkehrer-Soldaten aus Afghanistan mit einer posttraumatischen Belastungsstörung. Davor hatte ich großen Respekt. Ich traf mich mit Männern, die darunter leiden und habe gesehen, was das bedeutet. Sie können ihren Körper nicht mehr kontrollieren. Plötzlich kommen starke Gefühle wie zum Beispiel Traurigkeit ohne Grund in ihnen hoch, und sie müssen anfangen zu weinen, ohne das stoppen zu können. Stimmungsschwankungen, Beklemmung und Paranoia - für mich war die Frage, wie komme ich da hin und vor allem - wie in drei Wochen?

teleschau: Und wie stellten Sie das an?

Schoenaerts: Wegen der Anspannung konnte ich nur schlecht schlafen. Nach ein paar Tagen hatte ich ein seltsames Gefühl. Das nutzte ich aus, indem ich die nächsten acht Wochen absichtlich immer nur etwa zwei Stunden schlief. Da wird man fast verrückt. Alle Sinne arbeiten auf Hochtouren, man beginnt Dinge zu sehen und zu hören - manche sind wirklich da und man nimmt sie besonders genau wahr, andere aber nicht. Das kommt nah ran an Paranoia. Und man merkt nicht einmal, dass man sich verändert. Ich fühlte mich gut, während die Leute um mich herum begannen, sich über meine veränderte Persönlichkeit zu wundern.

teleschau: Das klingt nach einer heftigen Erfahrung, die aber zu einer überzeugenden Darstellung auf der Leinwand führt. War es das auch für Sie wert?

Schoenaerts: Es war eine irre Erfahrung und sicher nicht gesund. Aber ich fühlte mich gegenüber den vielen Soldaten, die unter dieser Störung leiden, verpflichtet, ihren Zustand so wahrhaftig wie möglich darzustellen. Ich musste "liefern". Da ging es nicht um gut oder schlecht, sondern darum, etwas auf die Leinwand zu bringen, in dem sie sich wiedererkennen.

teleschau: Sie stehen mit den schönsten und talentiertesten Frauen vor der Kamera. Haben Sie Respekt vor weiblichen Stars an Ihrer Seite?

Schoenaerts: Angst hätte ich vielleicht vor einer Mike-Tyson-Lady, aber auch die würde ich versuchen, zu umarmen. Egal, mit welchen Stars ich bisher gearbeitet habe, sie sind alle große Künstlerinnen und sehr freigiebig in ihrem Spiel. Sie wollen auch, dass es sich echt anfühlt und man den Zuschauern nichts vorgaukelt.

teleschau: Sie drehen international, leben aber weiterhin in Antwerpen. Schon mal ans Umziehen gedacht?

Schoenaerts: Ich bin in Antwerpen aufgewachsen, dort ist mir alles vertraut, und ich habe meine Freunde dort. Es gibt auch Sachen, die mich stören, aber es fühlt sich wie zu Hause an. Außerdem bin ich gerne Tourist. Ich komme irgendwo hin und kann dann aber auch wieder "bye bye" sagen. Ich will nicht Teil von etwas sein, zu keiner Gruppe gehören. Die Welt ist durch die Reisemöglichkeiten so klein geworden, in neun Stunden bin ich in L.A., warum also dort leben?

teleschau: Sie verglichen vorhin ihr Spiel mit dem Malstil von Pollock. Greifen Sie auch selbst zum Pinsel?

Schoenaerts: Ich brauche das Malen als Ausgleich, als etwas Meditatives. Mein Leben als Schauspieler besteht aus vielen menschlichen Kontakten und Interaktionen. Beim Malen liebe ich es, mit mir selbst zu sein. Da gibt es nur mich, die Wand und die Musik. Ich mache Street-Art, inspiriert von meiner Zeit als Graffitikünstler in meiner Jugend.

teleschau: Sie waren also als Sprayer unterwegs - eine Zeit der Rebellion?

Schoenaerts: Die erwischten mich beim illegalen Sprayen nicht oft, ich war geschickt. Ob das meine Art von Rebellion war? Ich weiß es nicht. Was mich schon immer antreibt, ist das Gefühl, etwas tun zu müssen. Da habe ich keine Wahl. Das geht mir auch bei der Auswahl der Rollen so. Ich folge meinem Herzen.

Quelle: teleschau - der mediendienst